LesestoffZeitgenossen

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In der Chronometrie werden die Uhren zusammengesetzt
In der Chronometrie werden die Uhren zusammengesetzt
© Gene Glover

Glashütte – das gegen Gegenteil von Kreuzberg

Die kleine sächsische Gemeinde ist ein besonderer Ort. Und vielleicht das Gegenteil von Kreuzberg. „Hier lebt die Zeit“ ist überall in Glashütte zu lesen. Ein Slogan, den sich die Stadtväter zum 500. Stadtjubiläum haben ausdenken lassen. Dabei erweckt der 2 500-Seelen-Fleck den Eindruck, als ob die Zeit hier stehen geblieben wäre. In Kreuzberg tummeln sich junge Menschen aus aller Welt, die über fünf Minuten alte Trends bereits gähnen.

Die Einwohner von Glashütte sind erzkonservativ. Bei der letzten Kommunalwahl holte die CDU die absolute Mehrheit, SPD und Grüne scheiterten an der Fünfprozenthürde.

Tief im Tal der Müglitz eingegraben, döst der Ort vor sich hin. Eine Kleinststadtidylle, 30 Kilometer von Dresden entfernt, kurz vor der tschechischen Grenze, im Erzgebirge. Die Ruhe stört nur das Brummen der Busse, die vor dem Uhrmachermuseum Scharen an Touristen ausspucken. Nach der Besichtigung einer Uhrenmanufaktur suchen die schleunigst wieder das Weite. Ein Hotel gibt es hier nicht.

Doch es ist gerade diese Ruhe, diese Abgeschiedenheit, die Glashütte auszeichnet. Keine Ablenkung, keine Hektik. Stattdessen: akribische Präzision, deutsche Uhrmacherkunst und Tradition. Das Erkennungsmerkmal aller in Glashütte produzierten Uhren sind die blauen Schrauben im Uhrwerk. Der Stahl der Schrauben wird dafür einer speziellen Hitzebehandlung unterzogen.

Tante Else, Onkel Heini und das Motorrad

1845 ließ sich hier Ferdinand Adolph Lange als erster Uhrmacher nieder, vom König mit 7 000 Talern gefördert, um in Glashütte eine Uhrenindustrie aufzubauen. Heute sind hier zehn Uhrenunternehmen ansässig, wohlklingende Namen wie A. Lange & Söhne, Glashütte Original, Wempe – und eben Nomos.

Deren Geschichte beginnt ein wenig anders. Mit Tante Else. Und mit Onkel Heini auf seinem knatternden Motorrad. Das war noch lange vor der Wende, hinter dem Eisernen Vorhang. Roland Schwertner, der Unternehmensgründer, war noch ein Kind, ein Düsseldorfer Jung, der in den Sommerferien seine Tante und seinen Onkel im tiefen Osten besuchte. Höhepunkt eines jeden Urlaubs war die Ausfahrt zur Eisdiele in Glashütte. Onkel Heini am Lenker, der kleine Roland als Sozius. 2 000 Menschen arbeiteten damals beim VEB Glashütter Uhrenbetriebe. Und so kam Roland Schwertner nicht daran vorbei, sich für Uhren zu interessieren.

Als die Mauer fiel, arbeitete Schwertner als Unternehmensberater am Rhein und Fotograf auf Mallorca – und wollte doch irgendwie etwas anderes machen. Also fuhr er zurück an den Ort seiner Kindheitserinnerungen, verhandelte mit der Treuhand und gründete mit drei Angestellten in einer Dreiraumwohnung einen kleinen Uhrmacherbetrieb. Glashütte lag damals in Scherben, von den einst 2 000 Beschäftigten in der Uhrenindustrie hatten gerade noch 70 einen Job. Jede Neugründung war willkommen.

Das Model Lambda ist eines der teuersten der Manufaktur
Das Model Lambda ist eines der teuersten der Manufaktur
© Gene Glover

Uhren für Freunde

Die Uhren sollten qualitativ hochwertig sein, dabei schlicht, bauhausgleich und damit zeitlos. Und für Schwertner sollten die Chronometer vor allem eines: ihm gefallen. Ihm und seinen Freunden. Daraus entstand der Slogan, der bis heute Gültigkeit hat: Uhren für Freunde.

Heute führen drei Stufen hinab in das stillgelegte Stellwerk von Glashütte, direkt neben den Bahngleisen. Seit 2005 sitzt die Nomos-Manufaktur in dem alten Bahnhofsgebäude von Glashütte. Ein stolzer Bau, modern um- und ausgebaut. Viel Holz und noch mehr Licht. Nomos ist gewachsen. Immer schneller. Drei Mitarbeiter waren es 1990. Zur Jahrtausendwende 31, fünf Jahre später schon 60 und heute eben 200.

Unten in der Werkstatt hält Alexandra Kluge die Luft an, schluckt die Anspannung runter, damit die es nicht bis in ihre Fingerspitzen schafft. Sie hört Musik über Kopfhörer, und wie sie da so steht, mit weißem Kittel und einem Okular ins Auge geklemmt, die Pinzette in der Hand, wirkt die junge Frau wie entrückt. Dabei ist sie hoch konzentriert.