WeinWein 2017 - die Geschichte eines Comebacks

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Strenge Regeln

Im Frühjahr, nach einer Wärmeperiode mit mehr als zehn Grad Celsius, mache es „plopp“, und die Knospen sprängen heraus, sagt Jost. In diesem Jahr sei das sehr früh geschehen – zu früh. Erst dadurch sei der Spätfrost so gefährlich geworden. Denn schließlich seien Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts bis zu den Eisheiligen nichts Ungewöhnliches. Aber auch wenn das Hauptauge erfroren ist, ist die Ernte nicht unbedingt verloren. Denn dann entwickeln sich die Beiaugen zu Trieben, auch wenn die oft weniger Trauben führen.

Die von Kennern geschätzte Steilhanglage "Bacharacher Hahn" steigt über dem Rhein auf
Die von Kennern geschätzte Steilhanglage „Bacharacher Hahn“ steigt über dem Rhein auf

Die Prädikatsweingüter, zu denen auch Toni Jost zählt, haben sich ohnehin strenge Regeln auferlegt. Maximal 75 Hektoliter Ertrag pro Hektar in Basislagen, maximal 60 in sogenannten Lagen und nur 50 in den besten, den „großen Lagen“. Josts Weingut produziert in guten Jahren um die 100.000 Flaschen, die weltweit – von den USA über Finnland bis nach Hongkong – vertrieben und in der Spitzengastronomie kredenzt werden. „Wir machen keine Weine für jeden Tag“, sagt Jost. Die Preisspanne reicht bei ihr von 7,50 Euro bis über 30  Euro für eine Flasche. Zum Vergleich: Der Durchschnittspreis pro Flasche liegt laut Deutschem Weininstitut bei 2,84 Euro. Fast jede zweite Flasche wird im Discounter gekauft, der größte Weinhändler ist Aldi.

Aber auch die Massenproduktion hat den Spätfrost verkraftet, wie das Deutsche Weininstitut bestätigt. Ohne weitere Wetterkapriolen dürfte die Ernte ähnlich ertragreich ausfallen wie in den vergangenen Jahren mit rund 9 Mio. Hektolitern Weinmost. Von den „fatalen Folgen“ und den Totalausfällen, die man Ende April noch beschworen hatte, distanziert sich das Institut. Die betroffenen Reben hätten sich größtenteils gut erholt, die Schäden seien sehr mikrolagenlastig aufgetreten, sagt eine Sprecherin. Konkrete Zahlen über die Frostschäden gebe es nicht.

Spürbarer Klimawandel

Warme Winter, verregnete Sommer – das hat es immer schon mal gegeben. „Für uns“, sagt Cecilia Jost, „ist der Klimawandel aber längst real.“ Die Veränderungen seien deutlich spürbar, das Wetter sei unberechenbarer geworden. Wie in diesem Jahr: erst Temperaturen um die 20 Grad, gefolgt von Frost im April, dann wieder ein warmer Mai, der die Pflanzen hat „explodieren lassen“, so Jost. Die Blüte Anfang Juni sei rund drei Wochen früher als gewöhnlich eingetreten. 100 Tage später, so die Faustformel, beginnt die Lese.

Ist es bei der Ernte aber zu warm, bekommen die Winzer ein Problem im Keller. „Der warme Saft vergärt zu schnell“, sagt Jost. Dann muss sie reagieren. Dabei versucht sie, so wenig wie möglich im Keller einzugreifen. Mit Hefe regt sie die Gärung an, mit Schwefel stoppt sie den Prozess wieder, „wenn der Wein genug Zucker hat“. Beim Rotwein sei zudem die Wahl des Holzfasses ein Kriterium. Das sind Entscheidungen, die die Winzerin steuern kann.

Nicht aber die Erderwärmung. Auf die kann sie nur reagieren. Jost hat bereits neue Lagen dazugekauft, die vom Klimawandel profitieren könnten. „Reben, die wir heute pflanzen, stehen 40 bis 50 Jahre“, sagt Jost. Also müsse sie heute schon abschätzen, wie sich bis zum Jahr 2070 das Wetter entwickeln könnte. Und wie sich die Geschmäcker ihrer Kunden verändern. Alles müsse frühzeitig geplant werden. Deshalb hat Jost auch schon eine große Bestellung aufgegeben. Für eine Palette Paraffinfackeln. Denn der nächste Frost kommt bestimmt.

Alle Fotos: Evelyn Dragan

Der Beitrag ist zuerst in Capital 09/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunesGooglePlay und Amazon