WeinWein 2017 - die Geschichte eines Comebacks

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Verzweifelter Kampf

In dieser Nacht auf den 20. April lodern in ganz Deutschland die Weinberge. Die Bilder strahlen Romantik aus, doch das täuscht. Die Fackeln, die sich wie Leuchtketten über die Hügel ziehen, sind Ausdruck purer Verzweiflung. Andere Winzer haben Strohballen zwischen den Weinstöcken entzündet, der Qualm soll sich wie ein Mantel um die Reben legen und sie vor Frost schützen. In der Pfalz und am Main lassen Weinbauern Hubschrauber aufsteigen, um wärmere Luft mit der kälteren zu verwirbeln. Zum gleichen Zweck stellen andere Windräder auf.

In Unterfranken wird mit Heißluftgebläsen warmer Wind in riesige Schläuche geblasen, die an Krabbeltunnel für Kinder erinnern. Manche Weinbauern versuchen, den Frost mit Eis zu bekämpfen, sie benetzen die jungen Knospen mit Sprühwasser, sodass sie vom Eis umschlossen werden. Beim Gefrieren wird sogenannte Kristallisationswärme freigesetzt, die die Pflanzen vor Frostschäden bewahren soll. Ein teures und aufwendiges Unterfangen. Für einen Hektar, sagt Jost, bräuchte man etwa 50.000 Liter Wasser – in der Stunde.

Die Nacht hat Jost im Weinberg verbracht. Gebibbert, gefroren, gehofft. Am nächsten Morgen inspiziert sie die Pflanzen. Seit 8 Uhr laufen in der Whatsapp-Gruppe Nachrichten ein. Die Schäden liegen, je nach Lage, zwischen 30 und 80 Prozent, schreiben einige Kollegen. Andere Weinberge sind gar nicht betroffen, mancher Winzer aber spricht von Totalausfällen. Jost schätzt, dass bei ihr in dieser Nacht rund 30 Prozent der Triebe erfroren sind. Den Weißburgunder hat sie mit den Fackeln retten können, nur wenige Triebe sind kaputt. „Dafür hat es den Spätburgunder gehimmelt“, sagt sie. Das ist der Stand Ende April.

Prächtig entwickelt

Cecilia Jost kniet im Weinberg. Unten, hundert Meter tief im Tal, glitzert wieder die Sonne über den Untiefen und kleinen Inseln, die aus dem Rhein ragen. Auf dem Fluss kreuzen die Ausflugsdampfer der Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrt, spülen asiatische Touristen in Bacharach an, die mit ihren Rollkoffern über das alte Pflaster poltern. Es ist Ende Juli, und Jost halbiert ihren Wein. Mit einem Handgriff durchbricht sie die Traube, lässt die untere Hälfte auf den Boden fallen und vermodern. So können die verbleibenden Früchte besser reifen, haben mehr Platz und Luft und können sich vollpumpen mit Aroma.

Winzerin Cecilia Jost
Cecilia Jost verbrachte die kalten Aprilnächte im Weinberg und stellte Fackeln auf

Jost strahlt. Zwar können Hagel, Hitze oder Starkregen bis zuletzt einen Jahrgang gefährden. Aber wenn alles so bleibe, sagt sie, „dann wird das ein geiler Jahrgang“. Vergessen sind die dramatischen Nächte im April.

Sie zeigt auf eine braune Stelle an der Rebe, ein erfrorenes Hauptauge, der Anlage für den Haupttrieb. Dann fährt sie mit den Fingern den Stock entlang, bis sie an den festen, grünen Trauben landet. „Die Beitriebe“, sagt sie, „haben sich prächtig entwickelt.“ Dank des warmen Frühjahrs. In den Augen sei der ganze Trieb vorgefertigt.