SehnsuchtBeruf: Aussteiger

Die SV Delos vor der Atlantikinsel Ascension. Von links: Brady Trautman, die Britin Liz, Lisa aus Österreich, Brian Trautman, seine Freundin Karen und Alex aus den USASV Delos

Zuerst ist da dieser Duft. Der Südatlantik riecht plötzlich anders, irgendwie nach Holz. Vor 15 Tagen und 2 240 Meilen hat die „SV Delos“ die Insel Ascension verlassen, auf halber Strecke zwischen Südamerika und Afrika. Seitdem war da nichts als Wasser. Unter vollen Segeln stampft die Yacht nun im Morgengrauen durch den Ozean. Es scheint, als wären es graue Wolken, die am Horizont kleben und nur darauf warten, von der Sonne aufgelöst zu werden. Aber mit jeder Minute erheben sie sich weiter aus dem Meer, nehmen Kontur und Farbe an und werden zu Stein. Brasilien!

„Das war ein unglaublich bewegender Moment“, sagt Brian Trautman, 42, ein Mann mit vollem Bart und vom Wind zersausten Haaren, der in jedem Piratenfilm sofort eine Statistenrolle bekommen würde. Vor knapp neun Jahren war der ehemalige Microsoft-Manager in Seattle aufgebrochen, immer gen Südwesten, um die Erde, ohne Plan und die Pleite mehrmals im Nacken. Jetzt riecht er wieder Amerika.

Fünf Millionen Zuschauer

Zigtausende Segler, Träumer und Sofa-Abenteurer zieht es freitags vor ihre Computer, immer dann, wenn Trautman und seine Freunde eine neue Episode von ihrem Törn um die Welt auf Youtube veröffentlichen. 170 Folgen gibt es bereits. Brian, sein Bruder Brady und ihre Freundinnen Karen und Alex sind mittlerweile so etwas wie maritime Soapstars, mit Einschaltquoten doppelt so hoch wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Nur dass es auf der „Delos“ kaum schlechte Zeiten gibt. Kein Drama, keinen Streit, kein Drehbuch. Dafür das authentische Leben von Menschen, die ihren Traum leben. Bis zu fünf Millionen Mal werden die halbstündigen Videos geklickt.

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Damit ist Svdelos.com eines der erfolgreichsten Segel-Videoblogs der Welt, und die Faszination der Videos liegt in ihrem Spiel mit der Sehnsucht. Seit jeher ist es ein Traum der Menschen, die Welt zu erkunden, fremde Kulturen zu entdecken, Abenteuer zu bestehen. Doch nur die wenigsten haben den Mut, aufzubrechen. Umso mehr wollen aber am Traum anderer teilhaben. In einer durchgetakteten Welt, in der man in zwölf Stunden um den halben Globus jetten kann, erscheinen Weltenbummler, die sich mit 14 Stundenkilometern um den Erdball bewegen, als der beneidete Gegenentwurf zu der Hektik unserer Zeit.

Mit Reisen Geld verdienen

Als der Deutsche Felix Starck 2013 die Welt mit dem Rad umrundete, schnitt er aus seinen Videos einen Film und brachte ihn in die Kinos. 180 000 Zuschauer wollten den Dokumentarfilm „Pedal the World“ sehen. Davon angespornt brach Starck wenig später zu seiner nächsten Tour auf. Zusammen mit seiner Freundin bereiste er in einem umgebauten Schulbus Amerika. Die „Expedition Happiness“ läuft seit vergangenem Jahr bei Netflix. Und auch etliche Blogger wie der Hamburger Backpacker Steve Hänisch können von ihren Touren leben. Mit Reisen lässt sich Geld verdienen.

Palstek statt Windsor

Als Brian Trautman sein Abenteuer begann, wusste er das allerdings noch nicht. Er war auch nicht als Seebär geboren. Der einzige Knoten, den er beherrschte, war der Krawattenknoten. Er war ein Allerweltstyp im dunklen Anzug, glatt rasiert und gescheitelt. Sein Leben verstrich im Takt von 50 zu zehn: 50 Minuten Meeting, zehn Minuten Vorbereitung auf das nächste. Dann alles von vorn.

Vorher – nachher: Das neue Leben ist an den Brüdern Brady (oben) und Brian nicht spurlos vorüber gegangen

An dem Tag, als Trautman beschloss, sein Leben zu ändern, starrte er auf ein Organigramm. Es hing im Büro seines Chefs im Microsoft Technology Center in Seattle. Ganz oben stand Bill Gates, daneben ­Steve Ballmer. Dann Dutzende andere Namen. Es war die Führungsstruktur des Konzerns. Sein Boss zeigte auf eine Position weit oben: „Da soll mein Name stehen.“ Das sei sein Traum. „Ich fand das traurig“, sagt Trautman heute. „Wie kann der Lebenstraum darin bestehen, ein Name auf einem Organigramm zu sein?“

Trautman beginnt damals, Bücher über Weltumsegler zu lesen. Aber er kann nicht segeln. Als Microsoft Stellen abbaut, gründet er mit Freunden eine IT-Beratung, ist verantwortlich für 35 Mitarbeiter. „Wir haben richtig viel Kohle gemacht“, sagt Trautman. Dann kommt die Finanzkrise. In drei Monaten brechen 90 Prozent des Umsatzes weg.

Die erste Pleite

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, denkt Trautman. Segeln hat er mittlerweile gelernt, jetzt sucht er ein Boot und findet die „SV Delos“. Eine Super Maramu der französischen Werft Amel, 16 Meter lang, mit allem Komfort; und Amel ist berühmt für ihre Hochseeyachten. Doch selbst gebraucht kostet das Schiff noch 400 000 Dollar. Trautman verkauft sein Haus, seine Autos. Es reicht nicht. Also nimmt er eine Hypothek auf das Schiff auf, damit noch Geld für zwei Jahre in der Reisekasse ist. So lange soll die Auszeit dauern.

Im September 2009 sticht er mit seiner Freundin in See. Von Seattle geht es nach Mexiko. Dort kommt sein jüngerer Bruder Brady an Bord, ein Student. Eigentlich will er Brian nur bei der Passage nach Tahiti helfen. Aber er wird für immer bleiben. Im Oktober 2010 erreichen sie Neuseeland. „Die ersten Monate waren seltsam“, sagt Trautman. „Von 100 auf null, damit bin ich nicht klargekommen. Ich habe mich schuldig gefühlt, nichts zu tun.“ Seine Freundin kommt mit dem neuen Leben gar nicht klar. Sie verlässt das Schiff.

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Die Trautman-Brüder bleiben aber nicht lange allein. Die Schwedin Karen kommt für ein Wochenende an Bord – und bleibt. Brady lernt eine Neuseeländerin kennen, die vier Jahre mit die Welt besegelt. Von Auckland geht es mit den neuen Freundinnen nach Australien. „Da war ich das erste Mal pleite“, sagt Trautman. Auch wenn jeder von ihnen mit nur 500 Dollar im Monat auskommt, fressen die Hypothek für das Schiff und die Instandhaltungskosten die Ersparnisse auf.

Das „Lifestyle-Business“

In Australien arbeitet Brian wieder für seine ehemalige Firma. Vom Boot aus, aber es macht keinen Spaß. Sein Bruder jobbt in einem Res­taurant. Nach einem Jahr haben sie genügend Geld, um weiterzusegeln. Sie kommen aber nur bis auf die Philippinen, dann sind sie wieder pleite. Der Traum scheint geplatzt.

Abtauchen, wann immer es geht: Brain Trautman mit seiner Freundin Karen (l.) und der österreichischen Mitseglerin Lisa

Als Trautman seine Finanzen checkt, entdeckt er allerdings neben vielen großen roten Zahlen auch eine kleine schwarze. Youtube hat eine Handvoll Dollar überwiesen. Wofür? Sie hatten für Freunde ein paar Videos hochgeladen, schlecht gefilmt und amateurhaft geschnitten. Trotzdem wurden die Filme Hunderte Male angeklickt. Wildfremde Leute spornen die Crew an weiterzumachen. „Das war der Beginn unseres Lifestyle-Business“, sagt Trautman. Die Idee: „Wenn wir mit ein paar Hundert Klicks bereits ein paar Dollar verdienen, warum versuchen wir dann nicht, ein paar Tausend Klicks zu bekommen?“, sagt er. „Als wir ein paar Tausend Klicks hatten, wollten wir mehrere Zehntausend.“

Doch dazu brauchen die Videos eine bessere Qualität. In Youtube-Tutorials lernen sie, Filme professionell zu schneiden. Aber sie brauchen bessere Software und Kameras. Bislang haben sie mit einem Camcorder für 200 Dollar gefilmt.

Rührende Unterstützung

Dann entdecken sie die Crowdfunding-Plattform Patreon. Künstler und Musiker finanzieren hier ihre Projekte. Warum nicht auch Reisende? Also schreibt Trautman: „Wir lieben segeln. Wir lieben reisen. Und wir lieben es, davon Videos zu produzieren. Mit eurer Unterstützung wollen wir eine bessere Videoausrüstung kaufen und bessere Filme machen.“

Bei der Arbeit: Täglich mehrere Stunden filmt und produziert die Crew die Videos. Hier: Karen und Brian

Wer fünf Dollar pro Video zahlt, ist ein „Deckschrubber“ und bekommt die Videos früher zu sehen, plus Bonusmaterial. Es gibt aber auch den Maat oder Piraten – je höher die Summe, desto mehr Ex­traleistungen, bis hin zum Mitsegeln. Die Idee schlägt ein. Einer der ersten Unterstützer will gleich 250 Dollar pro Film zahlen. Trautman glaubt an einen Fehler. Er schreibt den Mann an. Aber es ist kein Versehen. Die „Delos“-Crew mache genau das, wovon er immer geträumt habe, schreibt der zurück. Jetzt sei er krank und werde das Bett nie wieder verlassen können. Die Videos machten ihm so viel Freude, dass er das Projekt unterstützen wolle. „Da stockt einem der Atem“, sagt Trautman.

Mit der Professionalität der Filme wächst die Anzahl der „Patrone“. Dafür läuft fast immer eine Kamera an Bord. Die Videos leben von atemberaubenden Bildern auf, unter und über dem Wasser, von Landausflügen, von der Neugier auf alles Fremde. Aber auch Themen wie die Verschmutzung der Ozeane oder die Überfischung werden behandelt.

Der Urlaub wird zum Job

Hauptsächlich geht es jedoch um das Bordleben. Mal müssen Stürme auf hoher See abgewettert werden, mal nagt Seekrankheit an den Nerven. Zweimal wurde die „Delos“ überfallen. Dabei werden aber keine Heldengeschichten geschrieben, Trautman und seine Freunde gerieren sich weder als Draufgänger noch Hasardeure. Vielmehr kämpft die Crew mit den Tücken des Alltags. Mit verstopften Toiletten, einer defekten Steueranlage oder mit Behörden. Vor allem aber genießen sie ihr Leben an den schönsten Orten der Welt. Das Konzept geht auf.

Die SV Delos vor der atemberaubden Naturkulisse Namibias

1 928 Patrone zahlen derzeit 14 400 Dollar – pro Film. Drei Episoden erscheinen im Schnitt pro Monat, das macht über eine halbe Million Dollar im Jahr. Dazu kommen Einnahmen von Youtube. Allerdings verzichtet Trautman darauf, dass Werbung die Filme unterbricht, auch wenn das noch mehr Geld in die Bordkasse spülen würde. „Wir sind so dankbar, dass unsere Unterstützer unser Abenteuer ermöglichen. Wir können sogar Geld für die Rente zurücklegen. Mehr brauchen wir nicht.“ Der Urlaub wurde zum Job.

„An manchen Tagen arbeiten wir zwölf Stunden“, sagt Trautman. An anderen gar nicht, dann genießen sie das Leben ohne Kameras. Drei bis vier Stunden seien es im Durchschnitt, die jedes Crewmitglied täglich der Arbeit widmet: filmen, schneiden, Blogs schreiben, die Social-Media-Kanäle bedienen. Wenn sie WLAN-Empfang haben, stellen sie mehrere Beiträge pro Tag bei Face­book und Instagram ein. Als Trautman an seinem Geburtstag mit einem Bauchplatscher in einen Pool springt, bekommt das Video 37 000 Likes. Hunderte Glückwünsche werden gesendet. Und viele Biere.

Der Buy-us-a-beer-Button

Trautman lacht. „Wir lieben Bier.“ In den USA sei es ganz normal, ein Bier auszugeben, wenn man in der Kneipe einem Typen zuhört, der etwas Spannendes erzählt. Nichts anderes machten sie mit ihren Videos. Also hatten sie die Idee, einen Button auf ihrer Website zu platzieren. „Buy us a beer“ steht da. Wer ihn anklickt, kann ein paar Dollar für Bier überweisen. Jedes Video endet mit der Crew, wie sie an einem einsamen Strand im Sonnenuntergang Bier trinkt, und dem Aufruf, doch mal ein Bier auszugeben. „Es ist unglaublich, aber uns wurden auf diese Art schon Tausende Biere ausgegeben“, sagt Trautman.

Der „Delos-Tribe“, so nennt Trautman die Fans, liefert immer neue Ideen. Als die Crew Shirts mit dem Logo der Yacht trägt, kommen Anfragen, ob es die Shirts zu kaufen gäbe. Mittlerweile haben die Segler einen Onlineshop mit T-Shirts, Mützen, Tassen und Bierhaltern.

Nach neun Jahren wieder zurück auf dem amerikanischen Kontinent. Die SV Deos vor dem Panorama von Rio de Janeiro

Das Lifestyle-Business boomt. Patrone, die sie an Bord einladen, können mittlerweile umsonst mitsegeln. Über 60 Gäste aus 14 Nationen waren an Bord. Mal für ein paar Tage, mal für Monate. Unternehmen, die Produkte wie Sonnenbrillen oder Klamotten platzieren wollen, lehnt Trautman ab. „Wir sind keine klassischen Influencer“, sagt er. Aber es gibt Ausnahmen. Als sie einen Maschinenschaden in Südafrika hatten, schickte ein Hersteller eine neue Maschine. Ein Segelmacher bestückte die „Delos“ mit neuen Tüchern. „Das sind Produkte, hinter denen wir stehen“, sagt Trautman. Aus den alten Segeln würden jetzt Taschen gefertigt, die von der Crew signiert und verkauft werden – der Erlös wird gespendet. Überhaupt spendet die Crew 20 Prozent ihrer Einkünfte an Umweltprojekte.

Seit Mitte April liegt die „Delos“ in der Karibik auf dem Trockenen. Sie muss überholt werden. Trautman macht gerade Urlaub vom Urlaub. Und plant die Zukunft. Er lacht. „Zurück in einen Bürojob? Niemals!“ Es werde eine „Delos 2“ geben, verrät er. Vielleicht ein historisches Schiff, das sie erst restaurieren müssen. Vielleicht ein neues, ganz nach ihren Vorstellungen. Mehrere Werften wollen mit ihnen kooperieren.

Aber im Spätsommer stechen sie noch einmal mit der alten Yacht in See. Das Ziel ist Japan. „Wir werden den längsten möglichen Weg nehmen“, sagt Trautman. „Wir haben ja Zeit.“ Warum Japan? „Da wollten wir beim letzten Mal schon hin. Aber da waren wir gerade pleite.“