SehnsuchtBeruf: Aussteiger

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Palstek statt Windsor

Als Brian Trautman sein Abenteuer begann, wusste er das allerdings noch nicht. Er war auch nicht als Seebär geboren. Der einzige Knoten, den er beherrschte, war der Krawattenknoten. Er war ein Allerweltstyp im dunklen Anzug, glatt rasiert und gescheitelt. Sein Leben verstrich im Takt von 50 zu zehn: 50 Minuten Meeting, zehn Minuten Vorbereitung auf das nächste. Dann alles von vorn.

Vorher – nachher: Das neue Leben ist an den Brüdern Brady (oben) und Brian nicht spurlos vorüber gegangen

An dem Tag, als Trautman beschloss, sein Leben zu ändern, starrte er auf ein Organigramm. Es hing im Büro seines Chefs im Microsoft Technology Center in Seattle. Ganz oben stand Bill Gates, daneben ­Steve Ballmer. Dann Dutzende andere Namen. Es war die Führungsstruktur des Konzerns. Sein Boss zeigte auf eine Position weit oben: „Da soll mein Name stehen.“ Das sei sein Traum. „Ich fand das traurig“, sagt Trautman heute. „Wie kann der Lebenstraum darin bestehen, ein Name auf einem Organigramm zu sein?“

Trautman beginnt damals, Bücher über Weltumsegler zu lesen. Aber er kann nicht segeln. Als Microsoft Stellen abbaut, gründet er mit Freunden eine IT-Beratung, ist verantwortlich für 35 Mitarbeiter. „Wir haben richtig viel Kohle gemacht“, sagt Trautman. Dann kommt die Finanzkrise. In drei Monaten brechen 90 Prozent des Umsatzes weg.

Die erste Pleite

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, denkt Trautman. Segeln hat er mittlerweile gelernt, jetzt sucht er ein Boot und findet die „SV Delos“. Eine Super Maramu der französischen Werft Amel, 16 Meter lang, mit allem Komfort; und Amel ist berühmt für ihre Hochseeyachten. Doch selbst gebraucht kostet das Schiff noch 400 000 Dollar. Trautman verkauft sein Haus, seine Autos. Es reicht nicht. Also nimmt er eine Hypothek auf das Schiff auf, damit noch Geld für zwei Jahre in der Reisekasse ist. So lange soll die Auszeit dauern.

Im September 2009 sticht er mit seiner Freundin in See. Von Seattle geht es nach Mexiko. Dort kommt sein jüngerer Bruder Brady an Bord, ein Student. Eigentlich will er Brian nur bei der Passage nach Tahiti helfen. Aber er wird für immer bleiben. Im Oktober 2010 erreichen sie Neuseeland. „Die ersten Monate waren seltsam“, sagt Trautman. „Von 100 auf null, damit bin ich nicht klargekommen. Ich habe mich schuldig gefühlt, nichts zu tun.“ Seine Freundin kommt mit dem neuen Leben gar nicht klar. Sie verlässt das Schiff.

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Die Trautman-Brüder bleiben aber nicht lange allein. Die Schwedin Karen kommt für ein Wochenende an Bord – und bleibt. Brady lernt eine Neuseeländerin kennen, die vier Jahre mit die Welt besegelt. Von Auckland geht es mit den neuen Freundinnen nach Australien. „Da war ich das erste Mal pleite“, sagt Trautman. Auch wenn jeder von ihnen mit nur 500 Dollar im Monat auskommt, fressen die Hypothek für das Schiff und die Instandhaltungskosten die Ersparnisse auf.