Interview„Unabhängigkeit hat für uns oberste Priorität“

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Sie sagten mal, Ihre Familie würde das kulturelle Erbe hugenottischer Bergbewohner im Herzen tragen. Was genau meinten Sie damit?

Nun, ein Bergsteiger macht beispielsweise bedächtig einen Schritt nach dem anderen, außer er befindet sich auf ebenem, festen Grund. Man testet vorsichtig die eigene Stärke. Was die Hugenotten betrifft, die wussten einfach hohe Qualität ebenso zu schätzen wie künstlerische Wertarbeit. Eine Uhr muss demnach außen so schön sein wie sie innen raffiniert ist.

Haben Sie schon einmal ernsthaft über Smartwatches nachgedacht?

Nein, jedenfalls nicht für Audemars Piguet. Das ist eine völlig andere Welt, die wir aber natürlich trotzdem mit Interesse beobachten – und die mit der unseren definitiv co-existieren kann. Eine Smartwatch macht sicher Spaß, nur bezweifle ich stark, ob zwischen ihr und dem Träger die gleiche emotionale Verbundenheit entsteht, wie bei einer mechanischen Uhr. Die kann mich mein ganzes Leben begleiten, während eine Smartwatch Updates braucht und irgendwann alt aussieht. Daher wird es kaum eine Smartwatch je in ein Uhrenmuseum schaffen.

Was wird die größte Herausforderung für Audemars Piguet?

Die bleibt gleich, glaube ich. Wir wollen finanziell gesund und damit unabhängig bleiben. Mögen andere verkaufen, für uns bleibt das die oberste Priorität. Außerdem müssen wir innovativ und kreativ bleiben, zugleich aber unsere Tradition respektieren. Viele neue Ansätze sind ja ohnehin in der Geschichte verwurzelt. Und wir müssen talentierte, engagierte Mitarbeiter finden und halten, das ist auch der Grund für unser hauseigenes Ausbildungssystem. Diese drei Pfeiler ergänzen sich zu einem soliden Fundament. Was sonst in der Welt passiert, das ist jenseits unseres Einflusses.

Für einige Marken waren die letzten Jahre hart. Wie erging es Audemars Piguet?

Für uns waren 2015, 2016 und 2017 sehr gute Jahre. Wir erlebten keinen Rückgang im Geschäft, eher das Gegenteil. Der eine Grund: Wir fertigen nur 40.000 Uhren pro Jahr und arbeiten diszipliniert mit geringem Lagerstand. Der andere Grund war in meinen Augen unsere Zurückhaltung in China, während fast alle Mitbewerber Hals über Kopf dorthin gestürmt waren und von der Wachstumsdelle dort über erwischt wurden. Bei uns steuern Europa und Asien je circa 35 Prozent zum Umsatz bei, die USA etwa 20 Prozent und der Nahe Osten gut 10 Prozent. Diese Balance wollen wir auch aufrechterhalten. Im Übrigen halte ich die vielbeschworene Krise eher für eine Marktkorrektur nach einer langen Phase des Booms.

Manche Marken zollen ihrem Erbe Tribut mit einer speziellen Uhr. Würden Sie eine Uhr wollen, die einmal Sie selbst ehrt?

Nein! (lacht) Ich denke nicht. Die Uhr muss der Marke Tribut zollen, das ist die Hauptsache. Und das ist jetzt keine falsche Bescheidenheit, so bin ich einfach erzogen worden.