Interview„Unabhängigkeit hat für uns oberste Priorität“

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Wir müssen Sie natürlich nach Ihrem Ur-Großvater fragen, Jules-Louis Audemars, den Sie nicht selbst erlebt haben, von dem aber bestimmt zahlreiche Anekdoten weiterleben.

Mein Ur-Großvater war ein sehr zäher, harter Mensch, dazu ungeduldig und schlecht gelaunt, wenn etwas nicht so lief wie gedacht. Für seine Frau war das sicherlich kein leichtes Leben. Aber er war eben auch unglaublich mutig! So reiste er bereits Ende des 19. Jahrhunderts in die USA, um in der dortigen Dependance nach dem Rechten zu sehen, was eine wahre Odyssee gewesen sein muss. Ein ganz besonderer, widersprüchlicher Charakter.

Haben Sie einige seiner Eigenschaften geerbt?

Vielleicht. Aber mit den Generationen ist auch neues Blut in die Familie gekommen. Meine Mutter beispielsweise ist Engländerin, daher sind wir halb Schweizer, halb Briten. Ich denke, das ist eine gute Mischung. Die Briten waren immer schon weltoffen, sie wollten reisen, fremde Kulturen entdecken. Und sie haben einen großartigen Sinn für Humor – sehr hilfreich im Leben und auch im Business.

Wurden in Ihrem Familienunternehmen, dessen vierte Generation Sie repräsentieren, bestimmte Lehren und Prinzipien weitergereicht??

Es gibt Leitsätze und Storys mit darin versteckten Ratschlägen, ja. Was uns wieder und wieder gesagt wurde: Du musst auf harte Zeiten gefasst sein, dem Gegenwind die Stirn zeigen. Und was auch passiert, denk niemals „Das war’s, wir haben gewonnen“. Nur mit dieser Einstellung übersteht ein Haus wie Audemars Piguet die bisher über 140 Jahre.

Audemars Piguet war in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr erfolgreich. Was glauben Sie, ist der Schlüssel zu diesem Erfolg?

Ich glaube, das Geheimnis ist, dass von Generation zu Generation die Leidenschaft für die Uhrenindustrie, die Leidenschaft für die Marke und die Leidenschaft für unsere Region, weitergeben wurde. Wir sitzen in Le Brassus, einem kleinen Dorf im Schweizer Jura, und tragen als Hauptarbeitgeber eine große Verantwortung gegenüber den Menschen dort. Man verlässt sich auf uns.

Klingt nach einer schweren Bürde.

Nein! Ich denke, es ist eine aufregende Herausforderung, die uns neue Projekte starten lässt – ein neues Museum und ein Hotel. Nicht zu vergessen unsere 2008 gebaute neue Manufaktur. Mitten in die Finanzkrise hinein, aber wir brauchten dringend mehr Kapazität in der Produktion.

Können Sie noch den Launch der Royal Oak erinnern, ein Meilenstein der Firmenhistorie?

Ja natürlich, das war 1972, vor meiner Zeit im Unternehmen, aber ich habe das natürlich trotzdem mitbekommen. Ich weiß, es war ein technisch extrem schwieriges Projekt, weil vieles von Grund auf neu entwickelt werden musste. Heute wäre vieles davon kein Problem mehr. Mein Vater war besorgt, ob sich alle Hürden überqueren lassen würden, während viele in der Branche ihn und sein Team für komplett verrückt erklärten. Eine Sportuhr in der Haute Horlogerie? Eine achteckige Lünette gehalten von sechseckigen Schrauben? Nicht zu vergessen ein für damalige Standards extrem dünnes Automatikwerk … Doch seine Beharrlichkeit und Geduld von damals zahlen sich bis heute aus.