Zeitfragen„Was zählt, ist der schnelle Blick auf die Uhr am Handgelenk“

Thilo Mühle
Thilo Mühle


Thilo Mühle ist Geschäftsführer der Mühle-Glashütte GmbH nautische Instrumente und Feinmechanik. Mühle führt das 1869 gegründete Familienunternehmen in 5. Generation.


Capital: Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Thilo Mühle: Wie bei vielen Menschen kommt natürlich auch bei mir der Ausgleich zu meiner Arbeit etwas zu kurz. Darum versuche ich, ganz bewusst immer mal wieder kleinere Auszeiten zu nehmen, um verstärkt Sport zu treiben, Zeit mit meiner Familie zu verbringen und ganz gezielt auf meine Gesundheit zu achten.

Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Wichtig ist mir dabei, dass man sich mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben nehmen kann. Das Engagement im beschlussfassenden Gremium der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gehört zum Beispiel dazu – aber auch ganz einfache Dinge wie eine Wanderung in den Bergen. Gerade dabei kann man sich einmal wieder in aller Ruhe mit der Familie unterhalten und sich auf die Weite und Ruhe der Natur einlassen.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft…

Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, dass das Bewusstsein für Werte wie Freundlichkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen in unserer immer schneller werdenden Welt oftmals auf der Strecke bleibt. Gerade als Familienunternehmen legen wir aber großen Wert auf diese Werte und deshalb setze ich alles daran, sie bei uns im Unternehmen hochzuhalten.

Atomuhr am Handgelenk

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen – und warum?

In das Jahr meiner Geburt. In den 68ern gab es ja einige Umbrüche, die noch bis heute Bestand haben. Da wir heute zwar neuen, aber ähnlich bedeutenden Herausforderungen gegenüberstehen und diese unser Leben wohl ebenso deutlich verändern werden, wäre es interessant zu sehen, was damals passiert ist.

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Im Jahr 2100 wird man hoffentlich auch einen „Ewigen Kalender“ von Mühle-Glashütte von Hand auf den 1. März 2100 umstellen müssen … Damit will ich sagen, dass traditionelle und vor allem auch mechanische Uhrwerke aus Liebe zur Tradition weiterhin entwickelt und gefertigt werden. Darüber hinaus wird die Uhrzeit wahrscheinlich noch präsenter und Uhren noch präziser werden, weil wir sie überall als Hologramm ablesen können oder die Atomuhr dann am Handgelenk tragen.

Wofür schlägt ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quarz, Digital oder Smart?

Pro Mare Chronograph
Pro Mare Chronograph

Wenn die eigene Familie seit Generationen in der Glashütter Uhrenindustrie tätig ist, schlägt das eigene Herz wohl zwangsläufig für Zeitmesser mit mechanischem Uhrwerk. Automatik-Uhren sind für mich als begeisterter Sportler dabei besonders interessant. Weil man sowieso immer in Bewegung ist. Gerade der ProMare Chronograph vereint alle Eigenschaften, die mir bei einer Uhr wichtig sind: vom autonomen Antrieb über das robuste Gehäuse bis zum sportlichen Design. Ich muss auch zugeben, dass ich eine Vorliebe für Orange habe.

Für reine Quarzuhren oder Smartwatches habe ich persönlich nicht sehr viel übrig – auch wenn ich Pulsmesser und GPS-Sensor beim Sport sehr interessant finde und daher auch manchmal eine Garmin trage. Was ich mir dagegen sehr gut vorstellen kann, ist eine Automatikuhr mit einem elektronischen Zusatzmodul auszustatten wie wir das bei der 1999 vorgestellten A.T.P.-ONE schon einmal umgesetzt haben.

Welchen Tag und/oder welche Uhrzeit werden Sie nie vergessen?

Die Tage, an denen meine Kinder geboren wurden, gehören zu den eindrücklichsten, die ich je erlebt habe. So etwas vergisst man nie wieder.

Welche Komplikation, welches Feature würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Ich glaube, dass jede sinnvolle Funktion oder Anzeige garantiert schon einmal in einer Uhr verwirklicht wurde. Gerade Digitaluhren bieten hier ja unendliche Möglichkeiten. Was letztlich jedoch zählt und was wir zur zeitlichen Orientierung mehrmals täglich tun, ist der schnelle Blick auf die Uhr am Handgelenk. Dass man dabei die Zeit schnell und einfach erfassen kann, halte ich für elementar.

„Uhrenhersteller sind manchmal etwas konservativ“

Ihr liebstes Buch mit Uhren-Bezug (egal ob Sachbuch oder Belletristik)? Ihr liebster Film, bei dem es um Zeit oder Uhren geht?

Ich bin weder eine Leseratte noch ein Serienjunkie: Ehrlich gesagt, verbringe ich meine Freizeit eher in der Natur und schaue fast gar nicht fern. Wenn überhaupt, kann ich mich höchstens einmal für politisches Kabarett begeistern. Insofern sind mir weder Bücher noch Filme zu diesem Thema in Erinnerung geblieben.

Die größte Herausforderung …
… für einen Uhrmachermeister heute?
… für die Uhrenbranche insgesamt?
… in Ihrem derzeitigen Job?

Uhrmacher und -hersteller sind manchmal etwas konservativ beziehungsweise zu sehr auf Traditionen bedacht. Was im Bereich der Uhrwerkstechnik gut ist, muss es aber nicht in der Betreuung der Kunden sein. Gerade das Thema „Online-Beratung“ wird zum Beispiel immer wichtiger werden. Darauf müssen Juweliere und Uhrenhersteller reagieren. Insgesamt muss die Uhrenbranche die Wünsche ihrer Kunden genau kennenlernen und ins Zentrum ihres Handelns stellen. Das gilt nicht nur für die Gestaltung der Uhren und die Auswahl der gewünschten Funktionen, sondern wie gesagt vor allem auch für den bevorzugten Einkaufs- und Beratungsweg. Hier möchten wir unseren Kunden die jeweils von ihnen bevorzugte Möglichkeit bieten und insgesamt einen Weg finden, mit dem wir Uhreninteressierten, Fachhändlern und uns eine Plattform bereitstellen.