Uhren Patrick Pruniaux: „Der Himmel ist die Grenze“

Mit der Übernahme der Uhrenmarken Ulysse Nardin und Girard-Perregaux von Kering wagt CEO Patrick Pruniaux ein großes Abenteuer.
Mit der Übernahme der Uhrenmarken Ulysse Nardin und Girard-Perregaux von Kering wagt CEO Patrick Pruniaux ein großes Abenteuer.
© Johann Sauty
Patrick Pruniaux hat den spektakulärsten Buy-out der Uhrenwelt hingelegt: Er kaufte Luxusriese Kering die Marken Girard-Perregaux und Ulysse Nardin ab. Wer ist dieser Mann?

Für einen Termin bei ihm gab es auf der Uhrenmesse Watches & Wonders in Genf eine ähnlich hohe Nachfrage wie für die zur gleichen Zeit lancierte „MoonSwatch“. Nicht verwunderlich, schließlich hatte Patrick Pruniaux heimlich, still und leise – von einigen vagen Gerüchten einmal abgesehen – eine der wohl aufsehenerregendsten Übernahmen der Uhrenbranche durchgezogen. Statt unter dem Banner des Luxuskonzerns Kering (u.a. Gucci, Balenciaga, Boucheron) agieren die Manufakturen Ulysse Nardin und Girard-Perregaux künftig unter seiner alleinigen Führung. Ein Buy-out, der die Fantasie vieler Insider anregte und Hoffnungen auf eine neuerliche Renaissance des ungleichen Marken-Duos weckte. Genug Stoff also, um dem Mann der Stunde mit unseren Fragen auf den sportgestählten Leib zu rücken.

Patrick Pruniaux, erinnern Sie sich an Ihre erste „richtige“ Uhr?

PATRICK PRUNIAUX: Ich hatte früher mal ein Modell von Sector, das ich beim Fallschirmspringen in Südfrankreich verlor. Sie löste sich von meinem Arm und stürzte 3000 Meter ins Nirgendwo. Sechs Monate später fragte mich ein Freund: „Hatte deine Uhr ein rotes Armband?“ – „Ja“, sagte ich. Was war passiert? Ein deutscher Tourist hatte sie beim Wandern gefunden und zum Stützpunkt gebracht, der unseren Sprung organisiert hatte. Sie war nicht mal kaputt. Sie ruht heute sicher im Safe als mein wertvollster Talisman.

Nicht der einzige glückliche Zufall in Ihrem Leben.

Stimmt. Dass ich in Paris geboren wurde, gehört auch dazu. Meine Eltern sind beide in Algerien aufgewachsen. Später wanderten sie in die USA aus, lebten in Polynesien, in Deutschland und kurz in Paris. Mein Vater war Atomingenieur, dann Wissenschaftsjournalist und nach diversen anderen Jobs bis zur Rente Geschäftsführer einer Firma, die für die Schweizer Regierung gearbeitet hat. Kurz nach meiner Geburt zogen wir in die Nähe von Genf. Hier, in Sichtweite der Berge, habe ich auch meine Heimat gefunden.

Trotzdem zog es Sie in die Welt.

Ich habe die Region mit 18 verlassen und bin eine längere Zeit in der Armee gewesen, bei den Fallschirmjägern. Beruflich war ich dann später in London, Südafrika, Chicago, New York oder Miami.

Der Wechsel in die Uhrenbranche war ebenso ein Zufall.

Ein Freund hatte mir vorgeschlagen, doch mal meine Fühler in diese Richtung auszustrecken. Ich hatte gerade meinen MBA gemacht und arbeitete in der Spirituosenbranche für LVMH. Und da ich weniger von Ehrgeiz als von Neugier motiviert bin, ging ich zu TAG Heuer.

2014 spielten Sie eine wichtige Rolle bei der Einführung der Apple Watch in Europa. Für Traditionalisten in der Uhrenindustrie ein Affront. Sind Sie ein Rebell?

Hm, vielleicht habe ich in meiner Karriere gelegentlich etwas gewagt, was andere überrascht hat. Weil ich meine „comfort zone“ verlassen wollte. Grundsätzlich bin ich aber niemand, der oft oder gern Risiken eingeht. Ich muss mich da ebenso behutsam herantasten, wie die meisten Menschen. Ehe ich zu Apple ging, hatte ich Angebote aus der Uhrenbranche, die strategisch für meinen Lebenslauf sinnvoller gewesen wären. Dieser Chance konnte ich jedoch nicht widerstehen!

Anders, nicht artig: Bei der „Freak S“ von Ulysse Nardin wird das Uhrwerk selbst zu Zeigern und rotiert einmal pro Stunde um die eigene Achse. Die Zeit lässt sich über ein Drehen der Lünette ein- bzw. umstellen.
Anders, nicht artig: Bei der „Freak S“ von Ulysse Nardin wird das Uhrwerk selbst zu Zeigern und rotiert einmal pro Stunde um die eigene Achse. Die Zeit lässt sich über ein Drehen der Lünette ein- bzw. umstellen.
© Ulysse Nardin

Zuletzt hatten Sie Ulysse Nardin und Girard-Perregaux für den Luxuskonzern Kering geführt. Im Januar wurde überraschend verkündet, dass Sie die Uhrenmarken übernehmen würden. Ein spektakulärer Management-Buy-out. Wie kam’s?

Meine damaligen Chefs haben mich früh darüber informiert, dass der Konzern in diesem Bereich nicht mehr tätig sein möchte. Mich traf das komplett unvorbereitet, aber ich habe sofort deutlich gemacht, beide Unternehmen kaufen zu wollen. Es ging mir um die Schmetterlinge im Bauch, die Spannung, ob sich unsere Entscheidungen seit 2017 langfristig auszahlen werden.

Wie würden Sie die zwei Marken beschreiben?

Girard-Perregaux ist eher der traditionellen Uhrmacherei verpflichtet, während Ulysse Nardin gern disruptiv auftritt – das zeigt sich auch in der Käuferschicht und Sammlerszene. Diesen Charakter sollen sie weiter entfalten – ohne jedem gefallen zu müssen.

Wie sieht das neue Konstrukt aus?

Es ist keine Übernahme, bei der irgendein Hedgefonds 90 Prozent hält und das Management die restlichen zehn unter sich aufteilt. Wir wollten ja nach Kering mehr und nicht weniger Freiheit besitzen. Nun stehe ich an der Spitze, habe fantastische Kollegen mit an Bord gebracht und einige Investoren eingeladen, die unsere Vision teilen.

Sie sind also auch selbst beteiligt.

Oh ja, und zwar erheblich.

Besorgt Sie das?

Nicht wirklich. Es ist mir wichtig, ganz handfest involviert zu sein. No pain, no gain, wie man so schön sagt.

Als bisher immer angestellter Topmanager dennoch ein Sprung ins kalte Wasser, oder?

Darauf bin ich gut vorbereitet, denn ich gehöre zu den Winterbadern, die auch noch bei fünf Grad im Genfer See schwimmen. Haben Sie das schon mal probiert?

Nein, ich dusche nicht einmal kalt.

Oh, da bin ich ganz bei Ihnen. Warum sollte man sich das auch morgens gleich antun. Aber Winterbaden ist etwas ganz anderes. Ja, es tut schon körperlich weh am Anfang, aber man wird mit einem regelrecht beseelten Gefühl belohnt. Lebensverändernd! 

Es gab kürzlich Branchendiskussionen, ob Armbanduhren an die Grenzen dessen stoßen, was man noch Neues anstellen könnte.

Das ist in meinen Augen kompletter Bullshit. Ich würde eher sagen: Der Himmel ist die Grenze – von der Weiterentwicklung der Werke und ihrer Komplikationen zu immer neuen Materialien und Technologien. Sie machen sich keine Vorstellung, was allein bei uns alles in der Pipeline steckt. Aktuell verbringe ich viel Zeit damit, Projekte zu stoppen, damit wir uns nicht verausgaben. Innovation ist schließlich ein Marathon und kein Sprint.

Sie sind selbst sehr aktiver Sportler – und Sport scheint Sie viel fürs Business gelehrt zu haben.

Vor allem, dass man ehrlich zu sich sein muss: darüber, was man nicht oder nicht sonderlich gut kann. Und dass man sich für diese Bereiche dann Mentoren suchen sollte. Ein erfahrener Bergsteiger hat mir noch etwas Wesentliches beigebracht, als ich um die 16 Jahre jung war: Auch bei umsichtiger Vorausplanung kann bis zum Schluss eine Situation auftauchen, die den Plan zunichtemacht. Man muss wissen, wann man umkehren muss. Das erfordert so viel Mut wie ein Neuanfang. Wenn nicht sogar mehr.

Stimmt es, dass Uhrmacher zunehmend von Konzernmarken zu unabhängigen Manufakturen wechseln wollen?

Was wir wahrnehmen, ist ein steigendes Interesse an Jobs mit größtmöglicher Freiheit. Das erstreckt sich aber durch sämtliche Abteilungen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt: Zwar durchaus eigene Entscheidungen treffen zu können, aber trotzdem Teil eines gigantischen Konzerns zu bleiben. Ein kleines bis mittelgroßes Schiff, das wurde mir über die Jahre klar, ist die perfekte Umgebung für mich.

Sind Sie zuerst Manager, dann Uhrenliebhaber – oder ist es umgekehrt?

Beides, zur jeweils richtigen Zeit. Ich bin sehr schlecht darin, etwas zu tun, für das ich keine Leidenschaft empfinde. Sonst werde ich lieber Skilehrer.

Sportliche Eleganz: Seit der Premiere 1975 ist die „Laureato“ von Girard-Perregaux zum Bestseller der Marke avenciert. Das dürfte an der achteckigen Lünette ebenso liegen wie am Clous-de-Paris-Muster auf dem Zifferblatt. Hier abgebildet als „Laureato Automatic 42“ in Blau.
Sportliche Eleganz: Seit der Premiere 1975 ist die „Laureato“ von Girard-Perregaux zum Bestseller der Marke avenciert. Das dürfte an der achteckigen Lünette ebenso liegen wie am Clous-de-Paris-Muster auf dem Zifferblatt. Hier abgebildet als „Laureato Automatic 42“ in Blau.
© Girard-Perregaux

Zurück zum Sport: Womit halten Sie sich die Woche über fit?

Ich bin mein ganzes Leben ein begeisterter Läufer gewesen. Ein Paar Turnschuhe, mehr braucht es nicht, und statt um Bestzeiten geht es mir um das bewusste Erleben der Strecke. Ich erkunde jede Stadt, in die mich der Job führt, am liebsten laufend. Dabei ist es schon mal passiert, dass ich um 7.30 Uhr gestartet bin, in der Annahme, es locker zum Meeting um 9 Uhr zu schaffen. Samt Rückweg und Dusche. Stattdessen habe ich mich verlaufen und kam um 9.15 völlig verschwitzt in Sportklamotten zum Termin. Kann passieren.

Werden Sie weiterhin CEO beider Marken bleiben?

Ja, weil wir uns eher als Management-Kollektiv organisiert haben denn als klassische Top-Down-Pyramide. Somit auf die nächste Führungsebene aus überdurchschnittlich fähigen Kollegen vertrauen.

Was schwebt Ihnen vor: die Story vom Underdog, der final triumphiert?

Das ist eine Position, die mir sehr gut gefällt, und aus der heraus man äußerst erfolgreich sein.

Planen Sie weitere Akquisitionen, eine eigene kleine Luxusgruppe?

Nein, zunächst einmal sind wir vollends damit beschäftigt, alle sich uns bietenden Chancen bestmöglich zu nutzen. Nur eine einzige dieser Marken zu führen, und das meine ich ernst, wäre ein enormes Privileg.

Für die großen drei – Rolex, Audemars Piguet und Patek Philippe – ist Nachschub das dringlichste Luxusproblem. Schlägt jetzt die Stunde der Davids?

Zunächst einmal bin ich allen Mitbewerbern dankbar, die mit ihrer Omnipräsenz immer neue Zielgruppen und Generationen für die mechanische Uhr begeistern. Diesen Zustrom brauchen wir, denn seien wir ehrlich, weder Ulysse Nardin noch Girard-Perregaux sind die erste Uhr, die sich jemand kauft. Vermutlich nicht mal die Zweite oder Dritte. Doch je mehr sich jemand mit der Materie beschäftigt, tiefer in Historie und Handwerkskunst einsteigt, desto näher kommt er uns.

Dreht sich die Uhrenbranche zu oft um sich selbst?

Ich denke, ja. Es ist doch völlig egal, wer die bessere Uhr baut. Was zählt, ist einzig: Findet ein Käufer ein neues Modell attraktiv und begehrlich, fasziniert ihn die hoffentlich authentische Geschichte, die es erzählt, und ist der Markenauftritt  darum herum sexy. Klar, schauen wir, was andere machen. Inspirierender finde ich aber andere Luxusgüter, die Automobilindustrie sowie Sportswear-Firmen, mit ihren ganz unterschiedlichen Rhythmen und Geschwindigkeiten.

Anders als mancher Konkurrent sehen Sie den Kunden klar im Mittelpunkt Ihres Tuns.

Exakt. Im Vergleich dazu ist mir unser nächstes Geschäftsjahr relativ gleichgültig. Okay, fast. Mir ist wichtiger, was Menschen in zehn Jahren über Ulysse Nardin und Girard-Perregaux denken. Ich will nachhaltiges Wachstum und dauerhaften Erfolg erreichen und für die Zukunft absichern.

Besitzt da ein Haus wie Hermès Vorbildcharakter?

Das ist ein sehr gutes Beispiel, aber nicht das einzige. Die „secret sauce“, das habe ich bei Apple gelernt, ist es, Versprechen zu halten. Verlässliche Qualität, hoher Werterhalt, Investitionen in die Pflege und die Weiterentwicklung von Handwerk und Technologie und zeitgemäße Unternehmenswerte. Um all das geht es, und sonst nichts. 



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