WellnessSpas sind nicht nur was für Frauen – ein Selbstversuch

Mehr als 300 Sonnentage im Jahr: Die Sha Wellness Clinic liegt an der klimatisch verwöhnten Costa BlancaPR

„Es hängt“, sagt Doktor Dalbos. Es klingt wie das Urteil einer Mechanikerin, die auf einen fast abgerosteten Auspuff blickt. „Was hängt?“, frage ich. „Ihr Gesicht“, sagt Doktor Dalbos. „Eigentlich alles in Ihrem Gesicht.“ Sie wippt mit einem grün bestiefelten Bein. Man müsse lasern, auffüllen und etwas gegen die roten Flecken auf den Wangen machen, die ich bislang für äußere Zeichen meiner inneren Vitalität hielt. „Und dann“, sagt Doktor Dalbos, „machen wir uns an den Rest Ihres Körpers.“

Nun bin ich nicht übermäßig eitel, fühle mich von dieser Diagnose aber doch etwas angefasst. Meine bisherige Selbstwahrnehmung entsprach in etwa der des britischen Schriftstellers und Lebemanns Christopher Hitchens, der sinngemäß schrieb: Ab einem gewissen Alter knirscht es vielleicht hier und da, aber ein paar Falten zeugen von einem gelungenen Leben, ein kleiner Bauch schmückt den Mann von Welt, alkoholische Erfrischungen haben noch niemandem geschadet, und Rauchen mag zwar schädlich sein – aber jeder braucht ein Hobby. Außerdem ist 43, das sage jetzt ich, sicher noch kein „gewisses Alter“.

Doktor Barbara Dalbos sieht das augenscheinlich anders. Sie ist die oberste ästhetische Medizinerin der Sha Wellness Clinic bei Alicante, einer der anspruchsvollsten Medical-Spa-Oasen in Europa. Da sitze ich ihr nun gegenüber und blicke der Wahrheit ins Gesicht (in diesem Fall ist die Wahrheit mein Gesicht). Stress, ungesundes Essen und gesellschaftliche Erwartungen an körperliche Attraktivität sind Geißeln der Moderne, und nur wenige Menschen mit Jobs und Restleben bekommen sie zu ihrer Zufriedenheit unter einen Hut. Deshalb gibt es seit Jahren eine Mikroökonomie der betreuten Reparatur: vom Lanserhof am Tegernsee über den Palace Merano in Italien, die Clinique La Prairie in der Schweiz bis eben hin zum Sha, gelegen in der Gemeinde L’Albir zu Füßen der Hügel des Naturparks Serra Gelada, wo die Luft nach Meer und Nadelholz riecht und es auch im Januar 18 Grad mild ist.

An all diesen Orten kann man abnehmen, detoxen oder mit Mittelchen und Prozeduren die Spuren des Alterns bekämpfen. Ihre Zielgruppe aber besteht überwiegend aus Frauen. Im Sha hingegen gibt es ein ganzes Behandlungsprogramm mit dem schönen Titel „Healthy Aging Male“ – der gesunde, in die Jahre kommende Mann. Das bin absolut ich, da muss ich hin!

Nach der Ankunft geht es an die Bestandsaufnahme. Ein blendend aussehender junger Mann namens Jorge wiegt mich, vermisst mich und befragt mich zu meiner Verdauung. Alles top in Schuss, sage ich. Meine einzigen Probleme sind seit ein paar Jahren Schmerzen in den Schultern, dann in einem Ellenbogen und schließlich in den Handgelenken, die ich aber auf mein Sportprogramm zurückführe, das aus schonungslosem Training an drei Tagen der Woche besteht. Wenn ich die Zeit finde. Was nicht so oft vorkommt. Ach ja, und der Konsum inspirierender Getränke an geselligen Abenden führt immer öfter zu Kopfschmerzen und anderen Belastungsstörungen. Wahrscheinlich brauche ich nur ein paar Massagen und Gin statt Whisky.

Möchten Sie Sauerstoff?

Jorge hört zu, tippt in seinen Computer und fragt: „Möchten Sie Sauerstoff?“ Im Anschluss erläutert mir mein Ernährungsberater das Essen im Sha. Es fußt auf makrobiotischen Prinzipien und der Vermeidung von „belastenden“ Lebensmitteln wie Fleisch, Zucker, Eiern oder Alkohol. Nicht belastend sind etwa gekochtes Gemüse oder Nüsse. Es gibt drei Portionsgrößen: wenig, sehr wenig und wirklich wenig.

Üppig sind beim Dinner nur die Landschaften, nicht die Portionen

Das klingt frugal, stellt sich aber schon am ersten Abend als Offenbarung heraus: Auf den Tisch kommen drei fantastische Gänge, deren Zutaten ich zwar nicht erkenne, was der Sache aber keinen Abbruch tut. Nachdem ich Kellnerin Aude, die während meines Aufenthalts für mich zuständig ist, davon überzeugt habe, dass ich dringend täglich statt nur ab und an zumindest ein Stück Fisch brauche, fühle ich mich in fabelhaften Händen.

Das Essen gehört zu den drei Grundpfeilern des Sha-Konzepts: Ernährung, Fitness, Geist. Seit 2008 gibt es die Klinik, die schnell an die Spitze der internationalen Entgiftungstempel aufgerückt ist. Was neben den Behandlungen auch an der Location liegen mag: Die Costa Blanca hat mehr als 300 Sonnentage im Jahr und ein derart zuträgliches Mikroklima, dass sie 2019 von der Weltgesundheitsorganisation zur „gesündesten Region Europas“ gekürt wurde.

Das Sha selbst ist wie ein kleines Dorf aus weißem Stein, mit geschwungenen Fensterfronten, Sonnenterrassen in alle Richtungen, Bibliothek, sogar einem eigenen Kino. Alle Zimmer sind Suiten und mindestens 70 Quadratmeter groß. Schon durch bloßes Herumliegen würde man hier wahrscheinlich gesünder – was aber natürlich keine Option für mich ist. Da das Dinner zur blauen Stunde angesetzt ist, versuche ich Kellnerin Aude zu überreden, mir einen Cocktail zu bringen. Was, worauf sie besteht, möglich wäre, wenn man wirklich, wirklich wolle. Allerdings will außer mir offenbar niemand, und die bloße Frage lässt Audes Gesicht wirken, als hätte ich um harte Drogen gebeten. Ich bleibe beim Tee.

Der zweite Tag beginnt mit einer Osteopathie-Sitzung bei einem Herrn namens Antonio. Auf Basis der gestrigen Diagnosen hat mein „Behandlungsplaner“ offenbar beschlossen, dass meine Haltung als vornübergebeugte Schreibtischkreatur eine der Wurzeln meiner Probleme ist. Antonio begutachtet meinen nackten, käsigen Rumpf wie ein Zimmermann einen schiefen Dachstuhl und sagt: „Eine Hüfte zu tief, eine Schulter zu hoch, ein Arm zu lang. Unter anderem.“ Dann drückt, zieht und dreht er an mir herum, es kracht fürchterlich, tut aber erstaunlicherweise nicht weh. Anschließend schickt mich Antonio zur Physiotherapie, wo eine Kollegin von ihm erst meine Hände massiert und dann Nadeln hineinbohrt, durch die sie Stromstöße jagt. Am Ende fühle ich mich auf angenehme Weise misshandelt – und tatsächlich erstmals seit Monaten völlig schmerzfrei. Ein Wunder ist geschehen.

Seetang für die Seele

Es folgt Hydro-Detox-Therapie, durch die meine geschundenen Organe entgiftet werden sollen. Kurz gesagt: Ich werde vom Hals bis zu den Füßen mit einer Seetang-Pampe eingeschmiert, in Klarsichtfolie gewickelt und auf eine Art beheiztes Wasserbett in einen dunklen Raum gelegt, um dort zu marinieren. Tatsächlich fühle ich, wie ein angenehmes Kribbeln durch meine Poren dringt. Der Eindruck weicht erst, als ein Pfleger kommt und den Tang mit kaltem Wasser abspritzt.

Die transkranielle Stromstimulation soll die kognitiven Hirnfunktionen stärken

Und dann ist da die ernüchternde Sitzung bei Doktor Dalbos. Die Überholung meines Gesichts, erläutert sie, würde etwa 2350 Euro kosten – zusätzlich zu den Paketkosten meines Aufenthalts. Allerdings gibt es auch Botox und alle möglichen anderen, eher invasiven Eingriffe. Manche Gäste kommen nur, um sich die Zähne überholen zu lassen, komplett mit Veneers und Kronen. Und mit Hyaluronspritzen kann man nicht nur Falten im Gesicht, sondern auch unter der Gürtellinie auffüllen. Ich schweige, während mein Gehirn versucht, sich eine Vorstellung davon zu machen. Doktor Dalbos zuckt mit den Schultern und sagt: „The sex is important.“

Die Verbindung von eher klassischen Wellness-Themen wie Packungen und Massagen mit harter Medizin ist eine Spezialität des Sha. Die meisten Gäste bleiben mindestens ein oder zwei Wochen, und Teil dieser ausgedehnteren Programme sind dann auch Gentests zur Feststellung erblicher Probleme, Blutuntersuchungen auf Tumormarker oder die Messung von Atmung und Gehirnströmen im Schlaf. Dazu kommen Meditation, Yoga und Anwendungen der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Über das meiste davon wacht Doktor Vicente Mera, der Chefinternist. Er ist eine wandelnde Reklame für seine Institution, gertenschlank, faltenfrei, mit edlen Zügen und deutlich weniger grauen Haaren als ich. Leider ist er über 60. „Die theoretische Grenze des menschlichen Lebens liegt bei etwa 120 Jahren“, sagt er. „Wenn wir alles gut einstellen, Ernährung, Hormone, Sport, die Darmflora, den Umgang mit Stress – why not?“ Passenderweise sammelt er Oldtimer. Der Weg zum guten Leben – das klingt bei Doktor Mera nach Schaltern, die man nur umlegen muss. Nur – wie viel Spaß kann das machen, und was bedeutet es außer Yoga und gedämpften Rüben?

Abends bestelle ich aus Trotz ein Glas Wein und schaue bis ein Uhr Netflix. Am nächsten Morgen gibt es Misosuppe zum Frühstück und das erste Facial meines Lebens. Eine Kosmetikerin salbt hingebungsvoll mein Gesicht, drückt Teer und Staub der vergangenen 25 Jahre heraus, cremt wieder, es riecht nach Minze. Während der Ruhephasen bekomme ich Kopf-, Hand- und Fußmassagen. Irgendwann schlafe ich ein. Als ich aufwache, zeigt ein Blick in den Spiegel etwas, das ich nicht auf Anhieb erkenne. Die zerknitterte Visage ist bekannt, aber nun sieht sie aus wie lackiert, alles glänzt und leuchtet.

Derart angefixt beschließe ich, noch eine Schippe draufzulegen und mich an einer Spezialität des Hauses zu versuchen. Im Behandlungszimmer von Schwester Elena bekomme ich einen Zugang gelegt. Dann sehe ich zu, wie rund 150 Milliliter meines Bluts in eine Plastikflasche fließen, wo sie mit dem Gas Ozon und einem Vitamin- und Mineralstoff-Cocktail vermengt werden, bevor sie in mich zurücklaufen. Das soll, sagt Elena, Vitalität und Energie spenden.

Ozon ins Blut

Schwimmen mit Ausblick, einer von mehreren Pools der Sha Wellness Clinic

Ich fühle mich leicht agitiert, was am Aderlass an sich liegen mag. Außerdem habe ich schlicht noch nie gesehen, wie jemand mein Blut schüttelt, als wäre es ein Martini. „Die Behandlung mit Ozon ist eine unserer beliebtesten“, sagt Elena, „vor allem bei Männern. Viele kommen nur dafür und für eine Woche Sport.“

Tatsächlich ist die Männerquote im Sha mit etwa der Hälfte der Gäste außergewöhnlich hoch. Der durchschnittliche Besucher ist äußerlich zwischen 40 und 60 Jahre alt, meist aus Spanien, Rest-Europa, den USA oder dem Nahen Osten. Erfahren. Gestresst. Erfolgreich. Immerhin fängt eine Woche „Healthy Aging Male“ bei 7500 Euro an. Robert zum Beispiel ist Holländer und war Partner eines internationalen Immobilienkonzerns. Schon achtmal hat er sich wieder in Schuss bringen lassen, unter anderem am Tegernsee. „Sha ist mit am teuersten“, sagt er, „aber die Behandlungen hier sind einfach fantastisch.“

Am nächsten Morgen bringt mich eine schwarze Limousine zurück zum Flughafen. Ich fühle mich gestrafft, gereinigt, so wach wie lange nicht mehr. Ich bin kein Mediziner und kann nicht sagen, ob ich wirklich jünger und gesünder wäre, wenn ich mich regelmäßig massieren, meine Haut schälen und mein Blut mit Ozon waschen ließe. Aber das Gefühl in meinem hydrotherapierten Bauch sagt: wahrscheinlich schon.

Erschienen in Capital 9/2021