Interview„Unser Business ist auf Highspeed beschleunigt“

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Können Sie die Influencer-Euphorie mancher Marke nachvollziehen?

Ja, sicher! Diese Jungs und Mädels, aber auch Damen und Herren öffnen einfach neue Fenster, durch die uns die Welt sehen kann und durch die wir mehr von der modebegeisterten Welt sehen. Offene Fenster bringen Licht und frische Luft in jeden Raum, das ist also alles andere als eine negative Entwicklung. Nur an dem ganzen Einfliegen bestimmter Web-Stars, deren Ausstaffierung und dergleichen beteiligen wir als Pitti uns nicht. Wer in der Männermode erfolgreich sein will – aber auch in anderen Genres wie bei den Kids, also unserer Messe Pitti Bimbo – der muss nach Florenz kommen. Dieser Fakt verleiht uns eine gesunde Stärke, so dass wir jedem Player unserer Industrie sowie den Medien auf Augenhöhe begegnen können. Sie alle sind willkommen!

Momentan wird im Modedesign seit einigen Jahren verstärkt über eine sich verwischende Linie zwischen den Geschlechtern gesprochen, etliche große Brands zeigen immerhin schon die Kollektionen für Frauen wie Männer auf einem Laufsteg. Glauben Sie, dass es irgendwann bloß noch eine, geschlechtslose Mode gibt?

Wenn ich das heute beantworten soll, dann kümmert mich dieses Thema eher wenig. Es gibt zwei klare Symbole für Männer und Frauen, daran ändert sich auf absehbare Zeit nichts. Was Sie beschreiben ist eher ein kreatives Spiel mit den tradierten Erscheinungsbildern beider Geschlechter. Doch auch das ist nicht neu, denken Sie an die Tuniken im antiken Rom, an die Gladiatorsandalen, die jeder trug. Die Annäherung oder auch bewusste Abgrenzung verläuft über die Menschheitsgeschichte in regelmäßigen Wellen. Ich vermute allerdings, dass sich beide Pole in der Mode visuell weiter annähern werden, etwa durch den Boom der Sportswear und neue Themen wie Athleisure, also das Verschmelzen von Gymwear und Businessgarderobe. Hochspannend!

Die Machtstrukturen in der Modeindustrie haben sich immer wieder geändert: Erst waren diktierten die Marken, was wir wollen sollen, dann die Boutiquen – und jetzt sind die Kunden vollständig am Zug, oder?

Ich stimme Ihnen zu, dass der Konsument heute in einer sehr viel stärkeren Position ist als früher. Er (oder sie) ist auch viel freier in allen Kaufentscheidungen. Vor dreißig Jahren gab es maximal zwei Hauptkollektionen und eventuell noch eine Cruise Collection. Heute gibt es bis zu sechs Kollektionen im Jahr, bei den Vertikalen Anbietern landet fast täglich neue Mode auf der Stange. Das bedeutete endlose Alternativen und großen Druck auf die Anbieter und die gesamte „Nahrungskette“ der Mode. In Italien gab es zu meiner Anfangszeit noch um die 100.000 unabhängige Modeboutiquen, heute sind es weniger als 20.000. Die übrigen sind natürlich als Verkaufsstellen nicht verschwunden, die Lücken haben die großen Ketten gefüllt. Ähnliches ist im Schmuckbereich und bei Restaurants zu beobachten. Es ist weiterhin eine Zeit gigantischer Umbrüche für alle Beteiligten!

In den letzten Jahren haben viele Marken den Besitzer gewechselt oder Konkurs angemeldet, etliche gehörten über Jahrzehnte zu festen Größen der Branche. Wie ist Ihre Diagnose?

Als Messemacher beobachten wir natürlich den gesamten Markt sehr aufmerksam. Was mir auffällt, ist, dass Unternehmen, die wirkliche Mode produzieren – mit ästhetischer Finesse, mit handwerklicher Expertise, mit einer prägnanten Handschrift und einem stimmigen Auftritt – sich bis auf wenige Ausnahmen gut bis sehr gut behaupten können. Es trifft überwiegend alteingesessene Brands, die sich der Erneuerung zu lange verweigert haben, die aus Aktionismus bei Qualität und Anspruch zu große Abstriche gemacht haben, und Newcomer die eine Idee aber nicht wirklich einen Business Case hatten. Mode ist ein kompliziertes Geschäft, und wer sich damit begnügt „nur“ Kleidung zu machen, irgendwo hergestellt, ohne Gesicht und Passion, der wird den Kampf gegen die Fast Fashion nicht gewinnen können.

Dennoch: Auch Labels, die von außen betrachtet alles richtig gemacht haben, sterben. Wie geht es in den nächsten zehn Jahren weiter?

Nimmt man die gesamte Weltwirtschaft als einen Faktor für Erfolg oder Misere, dann können wir eigentlich strahlend in die Zukunft blicken, denn das Bruttoinlandsprodukt steigt global deutlich, allen voran in aufstrebenden Kontinenten wie Asien. Das sind für uns Millionen und Abermillionen von potentiellen Kunden. Ich setze zudem große Hoffnungen auf Afrika, auch wenn in vielen Regionen Mode das kleinste Problem der Menschen ist. Doch das wird sich hoffentlich in den folgenden Jahrzehnten grundlegend ändern, etwa durch eine direkte Unterstützung lokaler Infrastruktur, Wirtschaft und Politik statt ungezielter Blanko-Schecks.

Das klingt wie eine durchaus frohe Botschaft für die Modebranche, die gerade in Westeuropa ein Überangebot von etwa 30 Prozent „verstoffwechseln“ muss.

Ich bin auch optimistisch. Was sich definitiv ändern wird, sind die Vertriebswege, aber auch das ist in unserer Geschichte kein Novum. Schauen Sie sich die Kunst der Renaissance an: Auch damals haben sich die Menschen gefragt „Was kommt nach Botticelli, nach Donatello?“ Was sich dann geändert hat, war weniger die Qualität der Bilder nachfolgender Künstler sondern deren Stil, Medium und Motive. Ich glaube an eine treibende Kraft hinter dem großen Glück, das wir Teil dieser Welt sind. Und die lässt uns endlos kreativ und innovativ sein.

Bei der letzten Messe im Januar 2018 wählten Sie „Pitti Live Movies“ als Oberthema, das sich kongenial durch alle Hallen, über alle Piazzas und jede Plakatwand zog. Braucht Mode solche Hilfsmittel des Storytelling?

Nicht nur die Mode, auch Lebensmittel, Autos, Medikamente … Wir Menschen leben in und mit Geschichten, wir wollen Produkte erklärt bekommen und emotional involviert sein. Kein Konsument interessiert sich abstrakt für Mode, sondern für die Gefühle, die sie ihm auszudrücken hilft, für das haptische Erlebnis feinster Stoffe, für das Shoppingerlebnis – dafür, wie Mode ein Teil unseres Selbst wird. Das Kino als Ort fulminanter, multimedialer Erzählkunst, erschien uns geradezu perfekt dafür.