Interview„Unser Business ist auf Highspeed beschleunigt“

Männermode auf der Pitti Uomo Getty Images

Wenn in dieser Woche in Florenz die 94. Pitti Uomo ihre Tore öffnet, werden vermutlich so viele Einkäufer, Markenvertreter, Vertriebsprofis, Stylisten und Journalisten wie nie ins Fortezza da Basso strömen. Weil Männermode seit einigen Saisons so „heiß“ und fantasievoll wie nie entworfen, produziert und angepriesen wird. Weil die Pitti für Macher von traditionell bis hoch innovativ und alle dazwischen die Top-Adresse weltweit ist. Und weil bei strahlendem Himmel auf der Piazza zwischen den Hallen und Präsentationsflächen die wohl spektakulärsten Herren-Outfits bewundert werden können.

Insgesamt eine Entwicklung, die für den CEO der Messegesellschaft Pitti Immagine, Raffaello Napoleone, so euphorische Gefühle auslösen muss, wie ein Super-Schnäppchen beim Lieblingslabel oder das WM-Tor für die „richtige“ Mannschaft. Immerhin schloss die Pitti Uomo im Januar mit 36.000 Besuchern ab, davon 25.000 Einkäufer! Trotzdem gibt sich das Mastermind der Florentiner Modemesse recht abgeklärt und entspannt, was an seinen mittlerweile drei Jahrzehnten im Geschäft liegen mag.

Im Capital-Interview verrät Napoleone, wie es ihm und seinem Team in jeder Saison erneut gelingt, modische Substanz, versiertes Handwerk und unterschiedlichste Marken unter dem Dach der Pitti nicht nur zeitgemäß, sondern mitreißend zusammenzuführen. Außerdem erteilt Napoleone den Sorgen um ein Labelsterben angesichts eines Warenüberschusses von geschätzten 30 Prozent im Markt eine klare Absage – und erklärt, dass er trotz der disruptiven Kraft des Influencer-Phänomens nichts nachts wach liegt.

Raffaello Napoleone, Sie haben vor fast 30 Jahren angefangen, für die Pitti zu arbeiten. Wie schaffen Sie und Ihre Kollegen es, auf einem so hohen Level immer wieder innovativ zu sein?

Raffaello Napoleone
Raffaello Napoleone

Wir haben von Anfang an nach jeder Saison zur Manöverkritik getroffen: Was lief gut, was war nicht optimal, was müssen wir anders mache? Wer sich in unserer Branche nicht ständig neu erfindet, der riskiert, in weniger als einem Jahr ein Outsider zu sein. Uncool, nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Unser Business ist nicht bloß schnell, es ist auf Highspeed beschleunigt, also denken wir schon während einer Messe ständig an die nächste. Welches Leitmotto soll dann dem bunten Treiben einen Rahmen geben, welche neuen Plattformen müssen her – und wen wollen wir unbedingt als Aussteller gewinnen?

Klingt atemlos und umso erstaunlicher, dass die Pitti es wieder und wieder schafft, im Gespräch und begehrlich zu bleiben. Gibt es außer intensiver Reflexion weitere Erfolgsgeheimnisse?

Ich nenne es „magische Teamarbeit“. Als ich damals anfing, eine Abteilung aufzubauen und Mitstreiter zu suchen, sagte mein damaliger Chef zu mir: „Du brauchst weniger gute Manager als leidenschaftliche Menschen, die mit jeder Faser für Mode und das Geschäft dahinter brennen.“ Nach all den Jahren kann ich nur sagen, er hatte absolut Recht. Ich halte es für einen Fehler, sich einzig auf die Quadratmeter eines Messegeländes zu konzentrieren, die man möglichst schnell an irgendwen verkaufen will. Da verliert man den Fokus für das größere Ganze. Wir als Pitti Immagine sehen uns daher auch als Non-Profit-Unternehmen, was wir einnehmen wird in unsere Messen und Projekte, wie etwa in unser Tutoren-Programm für junge Designtalente und vieles mehr reinvestiert. Wir helfen gern dabei mit, unsere Branche lebendig und aufregend zu erhalten!

Die Phänomen der Influencer auf Instagram, Youtube und anderswo hat seit einigen Jahren auch die Männermode erfasst. Wie handhaben Sie den Umgang mit dieser neuen Gruppe von Reportern und Selbstdarstellern?

Wir behandeln Influencer wie die übrige Presse, welche die Pitti besucht: als wichtige kommunikative Instrumente für uns und unsere Aussteller. Und es ist natürlich auch für die Menswear wichtig, hier moderne Wege zu gehen, um Zielgruppen von heute und morgen zu erreichen. Doch ich verfalle deshalb nicht in Hysterie oder kann kaum schlafen …