UhrenLuxusuhren: Vier CEOs über Gestern und Zukunft

Laurent Dordet, La Montre Hermès, mit dem Capital Watch Award 2018
Laurent Dordet, La Montre Hermès, mit dem Capital Watch Award 2018Olivier Vogelsang


Kaum eine Branche muss einen solchen Spagat zwischen jahrhundertealter Tradition und modernen Konsumgewohnheiten meistern, wie die Welt der (Luxus-)Uhren. Wo zeigt man Neuheiten – Messe oder gleich Instagram? Wie viel Historie will ein Milennial-Kunde, wie viel modisches Design? Und wie hält man die kreative Leistung im Team auf höchstem Niveau? Nur einige der Fragen, die Siems Luckwaldt vier CEOs gestellt hat. Hier die ganz persönlichen Antworten von Laurent Dordet (La Montre Hermès), Patrick Pruniaux (Ulysse Nardin und Girard-Perregaux), Stephane Waser (Maurice Lacroix) und Julien Tornare (Zenith).


LAURENT DORDET, LA MONTRE HERMÈS
„Wenngleich es bereits 1928 die ersten Uhren von Hermès gab, beginnt die Erfolgsgeschichte so richtig erst mit der Gründung von La Montre Hermès in der Schweiz anno 1978. Höchste Qualität, das war schon zu Beginn das wichtigste Leitmotiv, mit dem uns der damalige Hermès-Chef Jean-Louis Dumas auf diese Reise entsandt hat. Und so haben wir uns den Kosmos der Zeitmesser Jahr um Jahr weiter zu eigen gemacht: Die ersten Komplikationen haben wir vor 15 Jahren integriert und unser erstes eigenes Werk ist sieben Jahre jung.

Während wir in unseren 14 weiteren Métiers – etwa den Accessoires, der Prêt-à-Porter, unseren Düften und für individuelle Kundenwünsche wie Inneneinrichtungen für Yachten oder Flugzeuge – zur Weltspitze gehören, müssen wir im Uhrenbereich unseren Platz mit jedem vorgestellten Modell erneut rechtfertigen. Das motiviert ungemein, an diese Aufgabe nicht heranzugehen wie alle anderen. Auch hier höre ich noch genau, was Monsieur Dumas damals sagte: „Arbeitet bitte nicht mit Uhrendesignern.“ Er meinte damit keineswegs, das mit denen etwas nicht stimmte, sondern weil die ja bereits für Mitbewerber großartige Arbeit machen. Einige unserer Grundgedanken: Zeit ist keine Restriktion, sondern ein Freund und Uhren eher Botschafter für Zeitgenuss denn -knappheit. Und wenn wir uns mit jeder Uhr einen neuen Traum erfüllen, fühlt sich der Kunde automatisch eingeladen, mit uns zu träumen.

Einmal im Jahr geht unsere Kreativabteilung auf eine Art Retreat, beispielsweise in Indien oder Afrika, um ohne konkrete Vorgaben in andere Kulturen und Landschaften einzutauchen. Außerdem laden wir junge Designer zu uns ein, die weder Uhren noch Mode machen, stattdessen vielleicht Leuchten oder etwas ganz anderes, was zu ungemein inspirierenden Begegnungen führt. Und dem einen oder anderen Produkt.“

Patrick Pruniaux, Girard-Perregaux und Ulysse Nardin
Patrick Pruniaux, Girard-Perregaux und Ulysse Nardin

PATRICK PRUNIAUX, ULYSSE NARDIN & GIRARD-PERREGAUX
„Hand aufs Herz, die Exportzahlen 2018 waren sehr erfreulich, doch am Ende des Tages zählt für uns auch, dass wir mehr Konsumenten erreichen müssen! Für viele Menschen, und Gott sei Dank nahezu alle Altersklassen, ist eine Uhr ein reizvolles Produkt, das als faszinierend und vielleicht auch sexy wahrgenommen wird. Nur: Verglichen mit anderen Luxus- und Konsumgütern bleibt unsere Branche ziemlich klein.

Können wir wachsen? Ich bin da optimistisch, gelingen wird das aber nur mit der richtigen Strategie. Unser Produkt ist extrem langlebig, was die Aufgabe nicht leichter macht. Wir suggerieren gern, dass eine Uhr das Zeug zum Erbstück hat, aber mir ist das manchmal zu rückwärtsgewandt und konservativ gedacht. Das erzeugt nämlich neben einer Sicherheit für das Investment auch eine gewisse Barriere, macht den Kauf einer Uhr zu einer gewichtigen Entscheidung. Wo bleiben da die Kunden, die begeistert und emotional mitgerissen werden möchten zu einem Spontankauf? Da können wir bei Girard-Perregaux und Ulysse Nardin innerhalb des Kering-Konzerns einiges von unseren Kollegen, beispielsweise von Gucci lernen.

Wir blicken in unserer Branche manchmal zu obsessiv nach innen, aufs Werk, und hören unseren potentiellen Kunden nicht gut genug zu. Handwerk auf höchstem Niveau sowie die Innovationskraft unserer Uhrmachermeister und Ingenieure – dass muss in meinen Augen zunehmend der Anfang und nicht das Ende der Geschichte sein. Mit einer Marke wie Ulysse Nardin will ich zudem gar nicht everybody’s darling sein, ich will polarisieren und dadurch die richtigen, die treuen Käufer und Fans anziehen. Ob mit lauten Beats bei uns am Messestand, mit einem angriffslustigen Haifisch in unseren Werbekampagnen oder mit den Uhren selbst, die wieder und wieder versuchen, stilistisch wie auch in ihrer Konstruktion neue Wege zu gehen.

Bei Girard-Perregaux ist es meine Aufgabe, die Marke in die Zukunft zu führen. Mein Motto: Luxus darf nie das Gegenteil von Spaß sein! Ich finde in diesem Zusammenhang auch die Automobilbranche sehr interessant. Vor allem weil sie es schafft, zugleich inklusiv und exklusiv zu sein, die ganze Welt für ein neues Modell zu begeistern und – im Luxussegment – dann doch nur eine sehr kleine Gruppe in den finalen Kaufakt zu schleusen. Diese Seitenblicke lohnen sich, schließlich stehen wir mit noch ganz anderen Warengruppen in Konkurrenz als nur untereinander.“

Julien Tornare, Zenith
Julien Tornare, Zenith

JULIEN TORNARE, ZENITH
„Wir feiern in diesem Jahr das 50. Jubiläum unseres legendären Werkes El Primero: dem ersten und bis heute präzisesten, in Serie gefertigten Automatik-Chronographen der Uhrengeschichte. Die Gründung von Zenith geht auf das Jahr 1865 zurück. Doch ein reiches Erbe und eine lange Tradition bedeuten keineswegs, sich auf dem Ruhm von gestern auszuruhen. Weder im Design, noch in der technischen Entwicklung oder der Strategie. Unsere Mission ist es, den Blick nach vorne zu richten und die Zukunft zu gestalten, um neue Kapitel in der eigenen Geschichte zu schreiben.

In der Uhrenwelt sehe ich Zenith irgendwo in der Mitte, zwischen den Marken, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen, und neuen Akteuren, die den Drang haben, ständig alles anders zu machen.

Bei allem, was wir tun, steht die Leidenschaft für jedes einzelne Produkt an erster Stelle und nicht die unternehmerische Marge. Sonst könnten wir gleich zukaufen, statt eigene Werke auszutüfteln. Aber das entspricht nicht der Philosophie von Zenith und wäre mir viel zu kurzfristig gedacht!“

Stephane Waser, Maurice Lacroix
Stephane Waser, Maurice Lacroix

STEPHANE WASER, MAURICE LACROIX
„Früher hat man hauptsächlich auf und rund um eine Messe wie die BaselWorld seine Neuheiten kommuniziert, Gespräche mit Händlern und Journalisten geführt. Jetzt sind durch soziale Medien und Influencer alle News quasi in Echtzeit vom Messestand in der ganzen Webwelt „live“. Ein Strohfeuer, das rasch verglüht ist. Deshalb verfolgen (nicht nur) wir aktuell eher eine Art Drei-Monats-Strategie und gehen in diesem Intervall gezielt mit neuen Modellen an alle wichtigen Kunden und Multiplikatoren heran.

2019 ist überhaupt sehr spannend, vor allem politisch und damit eben auch wirtschaftlich. Die Stichworte kennen wir alle: Brexit, Handelskrieg der USA mit China und so weiter. Das setzt uns unter Druck, gerade in nicht einfache aber geschäftlich reizvolle Märkte einzusteigen und die richtigen Partner mit bester Reputation und großer Marktkenntnis zu finden. Ein Beispiel ist Katar, wo zudem noch gewisse Embargos greifen. Ein anderes Beispiel ist Indien, wo wir aktuell versuchen, Fuß zu fassen. Über zwei Jahre lang haben wir intensiv gesucht und Gespräche geführt, jetzt ist Maurice Lacroix bei sechs Händlern und insgesamt 15 Verkaufspunkten im Programm. Gerade das moderat bepreiste Sortiment rund um das Modell „AIKON“ ist dort ideal positioniert.

Derweil bleibt Deutschland für uns schon aus der Firmentradition heraus extrem wichtig, unser Team hier ist so groß wie die gesamte europäische Mannschaft. Eigene Läden zu eröffnen, von dieser Idee haben wir uns wieder verabschiedet, denn Maurice Lacroix ist und bleibt eine erfolgreiche Händlermarke.“