InterviewHelmut Jahn: „Architekten sind keine Künstler“

Jeden Morgen ein Croissant und eine Tageszeitung, so beginnt Helmut Jahn hier in Berlin den Tag
Jeden Morgen ein Croissant und eine Tageszeitung, so beginnt Helmut Jahn hier in Berlin den TagUrban Zintel

Helmut Jahn empfängt in seiner Berliner Wohnung. In dem Einzimmer-Apartment im Sony Center am Potsdamer Platz lebt der Chicagoer Architekt, wann immer er in der Hauptstadt ist. In Deutschland arbeitet der gebürtige Zirndorfer seit einigen Jahren wieder häufiger. Der Termin findet einige Wochen vor Jahns 80. Geburtstag statt, den er Anfang dieses Jahres begangen hat – und man trifft einen Mann, der immer noch voller Gedanken und Ideen steckt, wie seine ganze Karriere lang. Und voller Stilwillen: Im schmalen weißen Hemd mit eingestickten Initialen präsentiert Jahn die Wohnung, in der er jedes Detail entworfen hat. Weiß ist die beherrschende Farbe, minimalistisch die Ausstattung, inspirierend der Blick nach beiden Seiten – auf der einen schaut Jahn in den Innenhof des Sony Centers, mit dem er Berlin vor 20 Jahren ein Wahrzeichen gebaut hat. Auf der anderen Seite blickt er auf die Bellevuestraße, auch ein Zipfel Tiergarten ist zu sehen, ein Stück des alten Berlin. Jahn hat immer Moderne und Postmoderne verbunden und ist dabei selbst ein bedächtiger Typ geblieben. Er bewegt sich so, wie er spricht, langsam und überlegt, in seiner Rede ist der fränkische Einschlag klar herauszuhören.

Herr Jahn, Sie haben über 50 Jahre Architektur erlebt und auch alle Veränderungen beim Bauen. Vor lauter Nachhaltigkeitserfordernissen, Kosten, Technologien – kann ein Architekt heute eigentlich noch ein Architekt sein, oder verschwindet das Kreative?

HELMUT JAHN: Ich habe es schon oft gesagt: Architekten sind keine Künstler. Ein Künstler macht alles alleine, hat alles im Kopf. Architektur ist Problemlösung: Je technischer es wird und je komplizierter es wird, desto mehr bedarf es eines Teams, das sehr sophisticated ist. Das ist wie in der Medizin, da geht es um das Leben. Immer wieder entwickelt man auch Lösungen, bei denen sich mit der Zeit herausstellt, dass sie nicht notwendig waren. Man darf nicht nur an Fortschritt denken, sondern auch daran, wie Menschen damit umgehen sollen. Was Sie hier sehen … (Er nimmt sein Smartphone zur Hand) … wenn ich hier einen Knopf drücke, geht das Fenster der Wohnung auf. Und wenn ich noch mal drücke, werden die Gläser dunkler, und dann kommt die Sonne nicht rein. Früher oder später sollte man solch ein Apartment haben.

Sie haben hier vor 20 Jahren alle Spielereien einbauen lassen. Damals war das noch neu. Durchgesetzt hat sich kaum etwas.

Ich glaube immer noch, dass das die Zukunft ist. Aber die Leute wollen es einfach nicht. Die leben lieber so, wie sie es gewohnt sind, wie die Großmutter.

Wie ein Zirkuszelt, das bald wieder abgebaut werden soll, sieht die Kuppel des Sony Centers aus (Foto: U. Zintel)
Wie ein Zirkuszelt, das bald wieder abgebaut werden soll, sieht die Kuppel des Sony Centers aus (Foto: U. Zintel)

Angst, Nostalgie spielen auch eine Rolle, wenn man sieht, wie sich Städte entwickeln. Sie ziehen Menschen an, gleichzeitig werden sie zu Orten des Unbehagens: zu eng, zu laut, zu teuer. Sie haben all die Jahre in und mit Städten gebaut, sehen Sie eine Lösung?

Es gibt die gleichen Probleme in der ganzen Welt. Aber sie werden unterschiedlich angegangen. In Deutschland und vor allem in Berlin ist man da weit zurück. Denn die Probleme kann man nicht nur lösen, indem man bezahlbare Wohnungen baut oder Sozialwohnungen. Man muss die Stadt so entwickeln, dass sie am internationalen Markt konkurrenzfähig ist. Dass sie internationale Investoren anlockt. Und dass sie gleichzeitig mehr Leute anzieht. Diese Leute werden dann Wohlstand in die Stadt bringen.

Und wenn bei diesem Wettlauf die auf der Strecke bleiben, die eine Stadt auch braucht: Krankenpfleger, Busfahrer, Studenten?

Es versteht sich, dass Stadtentwicklung nicht nur Zielen dienen soll, die mit Profit und Geld zu tun haben. Man muss gleichzeitig die In­fra­struktur der Stadt verbessern, Lebensverhältnisse schaffen für Leute, die Luxuswohnungen nicht bezahlen können. Dazu muss man verstehen, dass eine gesunde soziale Mischung in der Stadt etwas ist, das jedem guttut. Aber das erreicht man nicht mit den Mitteln, zu denen man oft in Deutschland greift.

Welchen Einfluss kann der Architekt darauf nehmen, dass die Stadt freundlicher wird?

Wenn die Architektur gut ist und die Stadt funktioniert, fühlen sich die Menschen besser. Sie müssen nicht mehr eine Stunde jeden Tag hin und zurück an die Stadtränder fahren. Denn sie können auch Wohnungen in der Stadt haben. Dabei gewinnt jeder; wenn sich Leute besser fühlen, arbeiten sie auch besser.

Aber der Raum ist begrenzt. Führt das nicht automatisch zu Verteilungskämpfen?

In vielen Fällen sind hohe Gebäude die Antwort. In Frankfurt planen wir den Eden Tower, das sind Luxuswohnungen in einem Hochhausturm. In Berlin-Kreuzberg planen wir ein Wohngebäude, das ist das genaue Gegenteil: Es geht um erschwingliche Wohnungen, auch und vor allem für Flüchtlinge.

Gerade Hochhäuser stoßen aber oft auf Ablehnung, besonders in Berlin. Die Sorge um das alte Gesicht der Stadt ist groß.

Das ist Quatsch! Das ist Irrsinn! Wenn man als Architekt, als Stadtplaner einen Weg findet, um ein Ziel zu erreichen, das ist ja das eigentlich Interessante. Aber hier in Berlin etwa steckt man überhaupt keine Ziele! Hier sagt man: Man darf nicht höher als 120 Meter bauen. Wir arbeiten zurzeit an einem Hochhaus am Europa-Center, das ist 300 Meter hoch. Das hat jetzt schon eine Diskussion ausgelöst, und es wird interessant sein zu sehen, ob sich die Stimmung da ändert.

Helmut Jahn, heute 80, wurde vor über 50 Jahren in Chicago zum Architekturstar
Helmut Jahn, heute 80, wurde vor über 50 Jahren in Chicago zum Architekturstar (Foto: U. Zintel)

Immer höher bauen klingt wie eine Diskussion der Vergangenheit. Erfordert nicht gerade die Klimakrise, mehr auf Raum und Grün zu setzen als auf Verdichtung?

Gerade die hohen und die kompakten Häuser sind das beste Mittel, um in Städten mehr offenen Raum zu schaffen. Die Grundstücke in der Stadt sind heutzutage so viel wert, dass man es einem Bauherrn erlauben muss, mehr zu bauen. Dann nämlich kann er ein besseres Gebäude schaffen. Die Obergrenze für die Höhe eines Gebäudes sollte die sein, an der es technisch unsinnig wird.

Ein Bauherr, mit dem Sie zu tun hatten, hatte viel Geld – aber auch eigenwillige Wünsche. Wie war die Erfahrung mit Donald Trump?

Wir haben uns eigentlich gut verstanden, Donald Trump und ich. Nur am Ende nicht mehr. Nach einer Besprechung hat sein Bruder Robert Trump mich an die Seite genommen und mir gesagt: „Helmut, du musst das echt lassen. Du bist der Einzige, der Donald sagt, was er nicht machen kann. Nicht mal Ivana darf das.“ Er lässt sich nicht gern auf Fakten ein, die ihm widersprechen. Aber wenn es um Statik, Bauten und Ökonomie geht, ist das schwierig.

Sind Sie im Streit auseinandergegangen?

Das Gebäude wurde genehmigt, aber nie dort gebaut. Trump hat das Grundstück weiterverkauft. Er hat Geld gemacht durch das, was man „Zoning“ nennt, man könnte auch Bodenspekulation sagen. Das ist ­eigentlich die risikoloseste Methode, um Geld zu verdienen.

Sie haben die Firmenzentralen von Xerox, Bayer oder der Post gebaut. Heute zählen zu den glanzvollsten neuen Gebäuden die Bauten von Google, Facebook, Apple – würde so etwas Sie auch reizen?

Ich würde lügen, wenn ich jetzt Nein sagen würde. Natürlich wäre das ein Traum. Aber in der Regel gibt es für solche Gebäude keine Ausschreibungen. Solche Konzerne hat es ja gar nicht gegeben damals, als es noch üblich war, dass sich Betriebe ein architektonisches Denkmal setzen. Jetzt setzen die Internetkonzerne dieses Denken fort, weil sie Geld wie Heu haben.

Welche Träume wollen Sie noch verwirklichen?

Ich war nie jemand, der viel geträumt hat. Ich habe das Glück gehabt, einer der Architekten zu sein, die immer Arbeit hatten. Ich habe noch keine Kirche gebaut. Ich habe noch kein Museum gebaut. Beides würde mich natürlich reizen. Aber ich will keine Zeit damit vergeuden, mich damit zu beschäftigen, womit ich unglücklich bin. Ich möchte mich lieber damit beschäftigen, wo ich noch etwas verändern kann.

Balkone im Sony Center, von unten betrachtet
Balkone im Sony Center, von unten betrachtet (Foto: U. Zintel)

In welche Ihrer Gebäude kehren Sie gern zurück?

Es gibt ein paar, in die ich lieber zurückkehre als in andere. Aber das hat nicht so viel mit der Qualität der Architektur zu tun, mehr damit, wie der Bauherr mit dem Gebäude umgegangen ist. Ich habe in Chicago am McCormick Place eine Ausstellungshalle gebaut, in der auch ein Ableger der Regierung von Illinois untergebracht ist. Sie hat das lange Zeit sehr vernachlässigt und sich zu wenig um den Unterhalt gekümmert. Nun spricht sie über Verkauf, weil sie das nötige Geld nicht ausgeben will. Das ist wie ein Auto, wie eine Wohnung oder ein Kleid: Alles muss leben und unterhalten werden. Jetzt gibt es Bestrebungen, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Auch beim Sony Center in Berlin ist es so, das gehört jetzt einem kanadischen Hedgefonds. Da gibt es Überlegungen, wie das Gebäude in seiner Nutzung und in seinem Bauzustand nach 20 Jahren wieder größeres Augenmerk erfahren könnte.

Ist Denkmalschutz die Adelung ­eines Gebäudes?

Es ist viel wichtiger, dass es weiter genutzt wird. Es gibt immer Gebäude, die einfach verfallen, und andere finden eine neue Nutzung. Da zeigt sich der wahre Wert eines Gebäudes, immer erst mit Zeitabstand, oft von einigen Jahrzehnten. Dass es immer noch fähig ist – oder sogar: mehr als gedacht fähig ist –, sich an neue Arten des Gebrauchs anzupassen. Zum Beispiel wenn Bürogebäude an die Bedürfnisse von neuem Arbeiten oder Technologiefirmen angepasst werden können. Hier ins Sony Center sind nur Tech-Companies eingezogen – Wework, Facebook, alle sind hier. Und es hat sich gezeigt, dass es anpassungsfähig war.

Erst wenn der Bau altert, wissen Sie, dass es gute Arbeit war?

Die guten Gebäude werden mit der Zeit besser – und die schlechten werden schlechter.

 


Das Interview mit Helmut Jahn ist in Capital 02/2020 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay