InterviewHelmut Jahn: „Architekten sind keine Künstler“

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Welche Träume wollen Sie noch verwirklichen?

Ich war nie jemand, der viel geträumt hat. Ich habe das Glück gehabt, einer der Architekten zu sein, die immer Arbeit hatten. Ich habe noch keine Kirche gebaut. Ich habe noch kein Museum gebaut. Beides würde mich natürlich reizen. Aber ich will keine Zeit damit vergeuden, mich damit zu beschäftigen, womit ich unglücklich bin. Ich möchte mich lieber damit beschäftigen, wo ich noch etwas verändern kann.

Balkone im Sony Center, von unten betrachtet
Balkone im Sony Center, von unten betrachtet (Foto: U. Zintel)

In welche Ihrer Gebäude kehren Sie gern zurück?

Es gibt ein paar, in die ich lieber zurückkehre als in andere. Aber das hat nicht so viel mit der Qualität der Architektur zu tun, mehr damit, wie der Bauherr mit dem Gebäude umgegangen ist. Ich habe in Chicago am McCormick Place eine Ausstellungshalle gebaut, in der auch ein Ableger der Regierung von Illinois untergebracht ist. Sie hat das lange Zeit sehr vernachlässigt und sich zu wenig um den Unterhalt gekümmert. Nun spricht sie über Verkauf, weil sie das nötige Geld nicht ausgeben will. Das ist wie ein Auto, wie eine Wohnung oder ein Kleid: Alles muss leben und unterhalten werden. Jetzt gibt es Bestrebungen, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Auch beim Sony Center in Berlin ist es so, das gehört jetzt einem kanadischen Hedgefonds. Da gibt es Überlegungen, wie das Gebäude in seiner Nutzung und in seinem Bauzustand nach 20 Jahren wieder größeres Augenmerk erfahren könnte.

Ist Denkmalschutz die Adelung ­eines Gebäudes?

Es ist viel wichtiger, dass es weiter genutzt wird. Es gibt immer Gebäude, die einfach verfallen, und andere finden eine neue Nutzung. Da zeigt sich der wahre Wert eines Gebäudes, immer erst mit Zeitabstand, oft von einigen Jahrzehnten. Dass es immer noch fähig ist – oder sogar: mehr als gedacht fähig ist –, sich an neue Arten des Gebrauchs anzupassen. Zum Beispiel wenn Bürogebäude an die Bedürfnisse von neuem Arbeiten oder Technologiefirmen angepasst werden können. Hier ins Sony Center sind nur Tech-Companies eingezogen – Wework, Facebook, alle sind hier. Und es hat sich gezeigt, dass es anpassungsfähig war.

Erst wenn der Bau altert, wissen Sie, dass es gute Arbeit war?

Die guten Gebäude werden mit der Zeit besser – und die schlechten werden schlechter.

 


Das Interview mit Helmut Jahn ist in Capital 02/2020 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay