SingapurGroße Pause am besten Airport der Welt

The Whiskey House - Der Laden für edlen Whiskey ist Teil eines zweistöckigen Wein-, Zigarren- und Spirituosenhauses. Terminal 2, Departure, Level 2.Mindy Tan

Der beste Airport der Welt reckt seine Gangway nach unserem Flugzeug. Dort, wo die dicke Gummiwulst der Zugangsbrücke auf der Außenhaut des Fliegers anliegt, quillt tropische Schwüle durch eine Ritze. Hinter mir drängeln die Leute, die Stewardess lächelt zum Abschied. Ein paar Schritte hinauf, dann bin ich im Terminal, das ja, logischerweise, das beste Terminal der Welt sein muss. Willkommen am Flughafen Singapur. Durchatmen. Und jetzt?

Wer viel reist, weiß: Umsteigen macht selten Freude. Unter allen Zwischenstopps aber gibt es einen, der am nervtötendsten ist: den Sechs-Stunden-Zwischenstopp.

Bis zu drei Stunden sind kein Problem. Da blättert man im Presseladen durch ein paar Magazine, holt sich einen Kaffee, probiert die Sonnenbrillen der Saison, schlendert zum Gate – und schon geht’s weiter.

Ein halber Tag und mehr sind auch in Ordnung: Da verlässt man den Flughafen, macht ein Selfie vor der größten Sehenswürdigkeit der Stadt, guckt den Einheimischen zu und lässt sich von Trip Advisor ein Restaurant empfehlen. Vielleicht findet man sogar ein paar Stunden Schlaf in einem Hotel, dann Croissant, Taxi, Anschlussflug.

Drei Stunden, halber Tag: Geht beides. Doch genau in der Mitte davon liegt das Ödland des Umsteigens, das Schlechter-geht’s-nicht der Flugverbindung, die Talsohle der Lebensfreude: der Sechs-Stunden-Zwischenstopp. Zu kurz, um rauszugehen. Viel zu lang, um problemlos die Zeit zu vertrödeln.

Ich aber bin nun hier im Changi Airport. Im Gepäck die Hoffnung: Dieses Mal wird’s nicht so schlimm.

Schließlich ist das hier der beste Flughafen der Welt. Den Titel haben nicht nur die Singapurer ihrem Airport verliehen – sie sind derart stolz auf Changi, dass sie den Tower auf ihre 20-Cent-Münze geprägt haben. Das sagten auch weltweit 13,8 Millionen Passagiere, die 2017 über den Airport of the Year Award abstimmten. Diesen Oscar der Branche hat Changi gewonnen – zum fünften Mal in Folge. Auch deshalb, weil sein Transitbereich angeblich so viel zu bieten hat wie ein Vergnügungspark.

Also, denn mal los.

Terminal 3, Departure Area. Durch eine raffiniert geschachtelte Metalldecke fällt Sonnenlicht auf den polierten Steinboden, ein Wandgarten erstreckt sich über Hunderte Meter. Erste Aufgabe für meinen Flughafenaufenthalt: eine Badehose kaufen. Es soll hier einen Pool geben.

In einem Geschäft im Untergeschoss werde ich fündig. Surfshorts kosten 30 Singapur-Dollar, etwa 20 Euro. Man erklärt mir, dass ich pro 10 Singapur-Dollar, die ich in Changi ausgebe, ein Ticket für die Riesenrutsche erhalte.

So ziemlich jede Luxusmarke ist in Changi vertreten
Shopping – You name it, we’ve got it: So ziemlich jede Luxusmarke ist in Changi vertreten. Yves Saint Laurent wartet in Terminal 2, Transit, Level 2. (Foto: Mindy Tan)

Eine Wasserrutsche? Nein, eine normale, erklärt man. Mir erscheint das etwas albern, aber: Dreimal rutschen bedeutet sicher fünf Minuten totgeschlagene Zeit – und darauf kommt es ja an.

Bei der Rutsche handelt es sich offenbar um ein Exemplar der Extraklasse: Ein deutsches Unternehmen hat die Metallröhre geliefert, 33,6 Meter Länge, vier Stockwerke Höhe, ein Schild verspricht Spitzengeschwindigkeiten von sechs Metern pro Sekunde. Als ich mich hineinschwinge, stellt sich freilich heraus, dass man dieses Tempo auf einem leicht schwitzigen Jeanshosenboden nicht erreicht.

Ich zuckele hinunter und komme vier Stockwerke weiter unten zum Stehen, klettere aus der Röhre und erblicke zwei Putzfrauen. Für ihre Mittagspause haben sie sich Hartschalensitze mit Zeitungen ausgepolstert wie Vögel ihre Nester. Aus einem Lautsprecher rieselt eine Jazzversion von „Bésame mucho“. Einmal rutschen reicht dann wohl. Suche ich mal weiter den Pool.

Teppich-Weltmeister

Check-in, Security, Transitbereich. Trotz Tausender Menschen ist es erstaunlich leise. Das liegt an der in 70er-Jahre-Farben gemusterten Auslegware. Changi ist nicht nur stolz auf seinen Titel als bester Airport, sondern auch auf den Titel als größter Abnehmer für Flughafenteppich weltweit. Er ist leicht instand zu halten – ist er schmutzig, reißt man ihn einfach raus. Außerdem schluckt der Teppich jedes Trittgeräusch. Ein Passagier scheint die ruhige Atmosphäre so zu schätzen, dass er sich darauf für ein Nickerchen ausgebreitet hat.

Wer in Changi müde wird, der hat noch andere Möglichkeiten. In „Snooze Lounges“ dösen Reisende auf lederbezogenen Liegen, es gibt Steckdosen zum Handyaufladen, auch Decken werden verteilt.

Noch komfortabler sind die Hotels, von denen innerhalb des Transitbereichs gleich mehrere betrieben werden. Die Zimmer haben bis zu vier Betten und hinter schweren Vorhängen bodentiefe Fenster, durch die man direkt aufs Rollfeld blickt. Abgerechnet wird im Sechs-Stunden-Takt. Für einen Single werden 90 Singapur-Dollar fällig, knapp 60 Euro. Alles schön. Aber wo ist denn nun dieser Pool?

Ich laufe vorbei an Läden von Marc Jacobs, Omega, Gucci, Burberry, Salvatore Ferragamo, Hermès – sie sind alle hier. Das Vorurteil, dass die Singapurer fanatische Shopper seien, muss stimmen. Kurz bleibe ich in einem Geschäft hängen, das The Whiskey House heißt, ausgestattet ist wie ein Genfer Juwelier und Spirituosen in lackierten Mahagoni-koffern verkauft. Die teuerste Flasche, die ich finde, ist ein 30 Jahre alter Scotch – für umgerechnet 4500 Euro.

Dann aber, endlich, schwimmen gehen. Auf der Dachterrasse von Terminal 1. An einer Drehtür neben dem Transit Hotel hängt ein Schild: „Home is where the pool is“. 17 Singapur-Dollar Eintritt, inklusive Handtuch. Draußen streicht der Wind durch Bananenstauden, ein Gärtner schneidet Blumenrabatten, in der Sonne glitzert das Wasser. Sieht aus wie in einer Ferienanlage.

Der versteckte Pool
Der versteckte Pool – vom Jacuzzi aus die Jets bei Landung und Start beobachten, dazu ein Kaltgetränk von der Bar. Terminal 1, Transit, Level 3. (Foto: Mindy Tan)

Im Jacuzzi lerne ich Alex kennen. Er hat raspelkurze Haare, ist Australier, trinkt sein Bier aus der Dose und arbeitet im echten Leben als Geologe für eine Ölfirma. Eine Woche Dienst in der Pilbara-Wüste, eine Woche frei. Gerade kommt er aus Vietnam, wo er durch Vietcong-Tunnel gekrochen ist.

Seine Mutter stammt aus Essen, deshalb interessiert Alex sich dafür, was in Deutschland passiert: Wer denn eigentlich die Bomben neben dem Bus von Borussia Dortmund gezündet habe? Ein Börsenspekulant, sage ich. „Menschen des Spätkapitalismus“, sagt Alex und schüttelt den Kopf. Wir lachen, eine Brise schiebt die leeren Bierdosen leise scheppernd über die Kacheln. Nehmen wir noch zwei.

Ein Stündchen später sitze ich immer noch auf dem Sonnendeck. Alex ist nach Perth weitergeflogen, ich bin jetzt allein. Kaum ein Passagier verirrt sich hierhin. Da erscheint ein eleganter, älterer Mann, Sonnenbrille, Polohemd, Sky-du Mont-Frisur. Brite, würde ich schätzen, sicher weit gereist. Mit lässiger Geste nickt er mir zu. Wortlose Anerkennung unter Auskennern: Hast du also auch hergefunden.

Kleine Schätze heben

Plötzlich habe ich richtig gute Laune. Es ist doch erstaunlich, dass man selbst in einem vollständig kartografierten Terrain wie einem Flughafen noch etwas entdecken kann.

Changi bietet all den Luxus, den man auf einem Erstliga-Airport heute erwartet. Was die Sache aber wirklich amüsant macht, sind die unverhofften Extras. Die kleinen Schätze, die man hier heben kann. Ja, ich laufe noch durch den Schmetterlingsgarten und durch den Kaktusgarten, der auf einer Dachterrasse liegt und eine eigene Bar hat – aber das meine ich gar nicht. Ins Kino gehe ich auch noch, der Eintritt ist frei, und neben der Leinwand läuft eine rote Digitaluhr, damit niemand seinen Flug verpasst – aber das meine ich auch nicht.

Ich meine das Essen. Natürlich gibt es in Changi Küche auf solidem internationalem Niveau. So kredenzt etwa The Kitchen, ein Restaurant des österreichischen Starkochs Wolfgang Puck, eine famose Apfeltarte.

Aber die echte Singapurer Küche wird in den gut versteckten Mitarbeiterkantinen serviert. Auch Reisende sind dort willkommen – wenn sie sie denn finden. Hinweisschilder führen den Hungrigen in Terminal 2. Es geht Richtung Parkhaus, in einen Aufzug, eine Treppe hinauf. Oben ein vor Menschen wimmelnder Raum, darin Dutzende Stände wie in einer Markthalle.

Satt für 2,30 Euro

Hawker Centre nennt man solche Food-Courts, für die Singapur zu Recht berühmt ist. Ethnische Chinesen bilden die Bevölkerungsmehrheit im Land, dazu kommen Malaien und Inder, und jeder kocht die Rezepte aus der alten Heimat. Laksa, Hokkien Mee, Biryani, alles da. Hier stapeln sich Pilze und Kräuter, dort rollt jemand Sushi.

Kantine in Changi
Hawker Centre – alle Klassiker der Singapurer Fusion-Küche für kleines Geld. In der Public Area von Terminal 2 den Schildern „Staff Canteen“ folgen. (Foto: Mindy Tan)

Ich bestelle den Klassiker Hainanese Chicken Rice – in Hühnerbrühe, Knoblauch und Ingwer gegarter Reis, dazu Hühnchen und Salatgurke, Chili- und Sojasoße. Als ich ein Foto machen will, nimmt der Koch den Teller noch mal zurück, packt mehr Fleisch darauf und wischt den Rand blank. Das Ganze kostet umgerechnet bloß 2,30 Euro. Das ist mal ein Flughafenpreis!

Versuch geglückt: Auf diesem Airport kriegt man sechs Stunden problemlos rum. Trotzdem habe ich nichts dagegen, als mein Flug aufgerufen wird. Tschüss, Changi!

Moment – es dauert doch noch. Der Tower erteilt keine Starterlaubnis. Mit 45 Minuten Verspätung heben wir ab Richtung Dubai – wo ich, kein Scherz, den Anschlussflug nach Frankfurt verpasse.

Ein halber Tag Aufenthalt. Ich fahre in die Stadt, mache ein Selfie vor dem Burj Khalifa und gucke den Einheimischen in ihren Lamborghinis hinterher.

Auf dem Flughafen Changi war es tatsächlich lustiger.

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