Uhren „Die Nomos-Erfolgsgeschichte wäre ohne Mauerfall nicht denkbar gewesen“

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Seit Jahren setzt Nomos Maßstäbe bei Uhren aus Glashütte – und längst auch im Einsatz für die Demokratie. Marken-Geschäftsführerin Judith Borowski über das Engagement des Unternehmens gegen Cybermobbing und Rassismus

Judith Borowski ist seit 17 Jahren Marken-Geschäftsführerin (CBO) von Nomos Glashütte und für die Presse- sowie Öffentlichkeitsarbeit der Uhrenschmiede verantwortlich. Von 2001 bis 2019 hatte sie zudem die Kreativleitung der firmeneigenen Agentur Berlinerblau inne. Vor ihrer Zeit bei Nomos Glashütte machte Borowski als Journalistin, Grafikerin sowie Buchautorin Karriere.

Judith Borowski, Nomos Glashütte beteiligt sich am Projekt „Business Council for Democracy“*, bei dem Mitarbeiter für Cybermobbing und Verschwörungsmythen sensibilisiert werden sollen. Ihr Zwischenfazit?

Ein extrem wichtiges Projekt. Mich hat überrascht, wie viele Kollegen von „Hate Speech“ betroffen sind, vor allem junge Frauen. Außerdem kann jeder, glaube ich, in Sachen digitaler Medienkompetenz dazulernen: Wie reagiere ich auf Beleidigungen und Drohungen, wer kann mir im Netz helfen, welche Regeln und Gesetze gelten? Wie überprüfe ich Quellen, Postings, Bilder – kurz: Wie bringe ich in Erfahrung, was wahr ist?

Das Modell „Orion 33 Gold“ von Nomos Glashütte.
Das Modell „Orion 33 Gold“ von Nomos Glashütte.
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Mit Nomos Glashütte beziehen Sie immer wieder öffentlich Stellung für Toleranz. Wollen Sie manchmal „nur“ über Uhren sprechen?

Klar spreche ich lieber über unsere Uhren als über Politik, Uhren schließlich sind unser Geschäft, und ich bin nicht Politikerin. Uhren haben immer Priorität. Aber um manche Themen kommt man leider nicht herum – die fallen uns vor die Füße. Ohne Demokratie etwa wäre unser unternehmerisches Handeln schwer: Wir brauchen sie und die mit ihr verbundene Rechtsstaatlichkeit. In letzter Zeit hat sie es aber schwer. Radikalisierung, Diskriminierung, Intoleranz: Bei Nomos wollen wir das nicht haben.

Wie eine Hausordnung.

Eine Haltung. Hier Grenzen zu setzen, nehmen wir uns heraus. Es ist für uns Bürgerpflicht, die Demokratie, die wir hier in Sachsen erst seit 1989 haben, mitzubewahren. Und auch den guten Ruf des Made in Germany. Radikalismus trägt nicht dazu bei.

Wie ist das, wenn der CEO selbst in der Lokalpolitik ist?

Sein Engagement ist toll! Für Konzernmarken-Chefs wäre dies vielleicht schwierig. Aber Nomos ist inhabergeführt und wir sind tief in Glashütte verwurzelt, bauen hier unsere Uhren, wie es seit 175 Jahren Tradition ist. Daher tragen wir auch Verantwortung für diesen Ort. Uwe Ahrendt ist hier aufgewachsen. Er war lange im Stadtrat aktiv und nun eine Weile Interims-Bürgermeister. Nun ist er wieder ganz im Unternehmen. Dennoch: Nomos soll sich nicht nur mit dem Nimbus dieser berühmten Stadt schmücken. Wir wollen auch etwas zurückgeben und in die nächste Generation tragen.

Das Modell „Tangente 38 – 50 ans de Médecins Sans Frontières“ von dessen Verkauf pro Uhr 100 Euro an die Hilfsorganisation fließen.
Das Modell „Tangente 38 – 50 ans de Médecins Sans Frontières“ von dessen Verkauf pro Uhr 100 Euro an die Hilfsorganisation fließen.
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Wo muss ein Unternehmen auch mal als Corporate Citizen sagen: „Das ist nicht unsere Aufgabe“?

Oft. Aber: Wirtschaftsvertreter äußern sich ständig politisch. Zu Subventionen, Steuern, Arbeitskräftemangel, Kurzarbeit, Standortfaktoren... Die Nomos-Erfolgsgeschichte wäre ohne den Mauerfall nicht denkbar gewesen. Und es kann uns nicht egal sein, wie man in den 52 Ländern, die wir aktuell beliefern, über Sachsen denkt. Wir, die wir hier leben und arbeiten, wissen, dass die allermeisten Sachsen demokratisch ticken. Der Blick von außen auf Deutschland ist jedoch ein anderer, einer, der weniger Grautöne kennt.

Gerade jetzt, wo die Herkunftsbezeichnung Glashütte zu einem geschützten Siegel werden soll, richtig?

Glashütte ist ein Leuchtturm der ostdeutschen Wirtschaft. Die Uhren sind erfolgreich und weltberühmt. Und sie sind Kulturgüter, die eine jahrhundertealte Handwerkstraditionen hochhalten. Wir tragen unsere Uhr direkt auf der Haut, blicken x-mal am Tag darauf; Uhren begleiten unser Leben. Diese Herkunft müssen wir schützen und ihren Ruf bewahren. Genau dies hat Berlin nun getan – die Herkunftsbezeichnung ist nun Gesetz und weltweit geschützt.

Könnte der Zusammenhalt aller Glashütten Uhrenmanufakturen noch gestärkt werden?

Der Ort ist ja klein. Man kennt einander. Es gibt Gremien, etwa den Trägerverein des Uhrenmuseums, wo man sich trifft und gemeinsam agiert. Zudem gibt es Kontakte durch Mitarbeiter, die auch mal zwischen den Marken wechseln. Lehrlinge von A. Lange & Söhne wurden in der ehemaligen Kirche, die heute Nomos gehört, feierlich verabschiedet: Der Austausch ist gut, finde ich. Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam hier am Ort eine Uhrenmesse veranstalteten – das könnte für Fachhändler und Uhrenliebhaber reizvoll sein.

Die von Werner Aisslinger gestaltete „Autobahn“ gibt es nun in einem Director's Cut (hier: die Version „A3“).
Die von Werner Aisslinger gestaltete „Autobahn“ gibt es nun in einem Director's Cut (hier: die Version „A3“).
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Das Thema Nachhaltigkeit hat die Uhrenbranche fest im grünen Griff. Was packt Nomos Glashütte diesbezüglich an?

Zunächst habe ich davor erheblichen Respekt. Das Thema ist größer und komplizierter als man denkt. Eine mechanische Armbanduhr, von uns selbst vor Ort in Glashütte gefertigt, eine Uhr, bei der ich selbst die Zeit „mache“, übers Tragen und den Dreh an der Krone: Nachhaltiger geht doch eigentlich nicht. Trotzdem haben wir im Oktober einen sechsmonatigen Prozess gestartet, unterstützt vom Landesumweltministerium und einem Team von Wissenschaftlern, bei dem wir das Unternehmen auf Nachhaltigkeit abklopfen, besser machen: Soziales, Governance, Ökonomie, Ökologie. In jedem Team, jeder Abteilung. Dafür haben wir Kapazitäten geschaffen.

Den Status Quo eruieren, als Basis für eventuelle Maßnahmen.

Es geht darum, die Ist-Situation zu klären und Daten zu sammeln. Aus Glauben Wissen machen: Rohstoffe, Lieferanten, Zertifizierungen, Codices, Gehälter, Gesundheit, Transparenz … Dann können wir Prioritäten setzen, ggf. dies und das besser machen. Große Missstände erwarte ich nicht, aber wir werden sicherlich Verbesserungsspielräume entdecken. Da geht es nicht um eigene Hühner für die Kantine. Nachhaltigkeit birgt aus meiner Sicht vielmehr die Chance, Innovationen zu fördern, unsere Wirtschaft enkelfähig zu machen.

*Das Business Council for Democracy, kurz: BC4D, ist eine gemeinsame Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, des Institute for Strategic Dialogue (ISD Germany gGmbH) und der Robert Bosch Stiftung GmbH. Die sechs Pilotunternehmen sind Evonik, Kion Group, Volkswagen AG, NOMOS Glashütte, UFA GmbH und die ALBA Group. Das Projekt wird nun bundesweit im großen Maßstab ausgerollt werden.


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