Medienpartnerschaft

MobilitätDer Führerschein ist ein Relikt vergangener Zeiten

Die Mobilauten des Phase XI Lab© Phase XI

Heute ist die Welt pauschalreisengleich erschlossen und wir sind an einem Punkt angelangt, an dem nicht eine fehlende technische Neuerung, sondern unser Umgang und Verständnis von Mobilität den wahren blinden Fleck auf der Landkarte markieren. Die Macher des Labs „Utopien der Mobilität“ der PHASE XI haben daher elf kreative Pionierfahrten angedacht und umgesetzt – für eine von Grund auf neugedachte Form und Programmatik der Mobilitätsvermittlung und Schulung in Deutschland.

Norbert Krause sitzt im Auto. Das Auto parkt, er ebenfalls. 22 Stunden und 48 Minuten lang. Denn das ist genau die Zeit, die ein deutscher PKW durchschnittlich am Tag ungenutzt auf einem Parkplatz steht. Mehr als 95 Prozent des Tages brauchen wir unser Auto nicht. Als eine der elf Pionierfahrten des Labs „Utopien der Mobilität“ inszeniert Krause daher im Rahmen der Europäische Mobilitätswoche in Köln seine Aktion „22h 48min“. In der Innenstadt sitzt er in einem parkenden Auto und führt dabei Gespräche mit Passanten, Journalisten und Interessierten. „Ein normaler Parkplatz in Deutschland ist fast 12qm groß, ein Kinderzimmer oft noch nicht mal 10qm“, erzählt Krause. „Bestimmte Probleme sind einfach keine Frage der Technik, sondern eine Frage der Priorisierung!“

Norbert Krause ist einer der sechs Mobilauten des Labs „Utopien der Mobilität“, zusammen mit Björn Vofrei, Johanna Worbs und Lutz Woellert von der Identitätsstiftung sowie Amelie Künzler und Sandro Engel von Urban Invention. Gemeinsam suchen sie die Zukunft der Mobilität nicht in E-Mobilität, autonomem Fahren oder Carsharing-Apps, sondern dahinter. Mit ihren Pionierfahrten wollen sie sich der aktuellen Mobilitätsdebatte aus einer ungewohnten Richtung annähern. Anstatt in 80 Tagen um die Welt, lassen sie den Journalisten Jan Fischer als Pionier in 80 Minuten um den eigenen Wohnblock reisen. An einer vielbefahrenen Hannoveraner Straßenkreuzung platzieren sie einen Hochsitz als Aussichtplattform und laden Passanten dazu ein, die Absurdität des alltäglichen Verkehrs aus einer neutralen Position zu beobachten. Und den Mobilauten Jens Eike Krüger haben sie, angelehnt an die klassische Bildungsreise, zwei Monate auf verschiedene Missionen durch ganz Deutschland geschickt mit der Aufgabe, die eigene Filterblase zu verlassen. Dabei ist jede Pionierfahrt nicht bloß eine Inszenierung, sondern immer auch eine Forschungsreise, aus der die Mobilauten konkrete Vorschläge ableiten. „Der Hochsitz zum Beispiel“, erklärt Johanna Worbs, „wird in Kooperation mit der Region Hannover umgesetzt und schafft Aufmerksamkeit für das Thema Verkehrssicherheit. Wir haben allein hier in der Region alle 15 Minuten einen Unfall. Vielfach ist die Unfallursache dabei das mangelnde Verständnis der verschiedenen Verkehrsteilnehmer für die Perspektive der anderen. Der Hochsitz ist ein Schritt dahin, den Menschen einen notwendigen Perspektivwechsel zu ermöglichen.“

Der Handlungsansatz des Labs entspringt dem Zukunftsprojekt PHASE XI – eine Expedition mit der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieses Projekt, das vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie durchgeführt wird, widmet sich in acht Themenfeldern von Ernährung über Bürokratie bis Ländlicher Raum der Entwicklung von Prototypen, die neue Perspektiven auf gesellschaftlich und wirtschaftlich relevante Themen liefern. „Mobilität ist von den acht vielleicht das Themenfeld, zu dem es aktuell im Autoland Deutschland die meisten Modellprojekte, Zukunftswerkstätten und Netzwerke gibt. Aber wir wollen zeigen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft auch in einem so intensiv diskutierten Feld neue Lösungsansätze bieten kann“, erläutert Ivana Rohr, Projektverantwortliche für PHASE XI beim Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes.

Entscheidend für die Qualität der Arbeit in dem komplexen Themenfeld ist, dass die sechs Macher des Labs „Utopien der Mobilität“ selbst zuvor schon mehrfach Mobilitätsprojekte gedacht und umgesetzt haben. Dazu Amelie Künzler: „Wir haben vor Jahren angefangen, einen interaktiven Ampeltaster zu entwickeln. Ausgangpunkt war, dass man als Fußgänger die Zeit an der roten Ampel doch besser nutzen könnte, als einfach nur zu warten. Daher haben wir eine Ampel so umgebaut, dass ich als Wartender mein Gegenüber auf der anderen Straßenseite über den Ampeltaster zu einem kurzen Spiel herausfordern kann. Dabei hat sich gezeigt, dass dies den Leuten nicht nur Spaß macht, sondern auch die Rotläufer signifikant verringert – und damit den Verkehr sicherer macht.“ Dieser Ansatz wurde im Rahmen von PHASE XI weitergedacht und im Rahmen einer Pionierfahrt die Fußgängerampel noch gezielter zum Touchpoint für sozialen Austausch im urbanen Raum entwickelt.

Die Schlussfolgerung aus den Pionierfahrten des Labs „Utopien der Mobilität“ zum Ende des Projekts lautet: Es braucht eine von Grund auf neugedachte Form und Programmatik der Mobilitätsvermittlung und Schulung in Deutschland. Björn Vofrei beschreibt die Situation wie folgt: „In der Schule gibt es einmal eine Fahrradprüfung und eventuell macht man dann noch einen Führerschein. Das ist viel zu wenig.“ Lutz Woellert ergänzt: „Täglich sterben zehn Menschen bei Verkehrsunfällen, Eltern fahren ihre Kinder bis vor die Schule und erhöhen damit nachweislich das Unfallrisiko, laufend kommen neue Verkehrsmittel wie Segways, E-Roller oder Lastenfahrräder hinzu – und es gibt keine Programme oder eine Idee dafür, wie all diese Veränderungen, Probleme und vor allem der Umgang damit den Menschen vermittelt werden kann.“ Die Ergebnisse aus den Teilprojekten fassen die Mobilauten daher aktuell in einer Toolbox zusammen, die als Prototyp zu einer interaktiven Auseinandersetzung mit Mobilitätsthemen einlädt. Die Kernaussage: Urbane und ländliche Mobilität werden sich in der Zukunft wandeln und damit die Herausforderungen für die Verkehrsteilnehmenden. Der PKW-Führerschein wird ein Relikt vergangener Tage sein. In der Zukunft gibt es den Mobilautenpass, den alle mit 12 Jahren nach einer Einführung zum ersten Mal bekommen. Der Pass ist kostenlos, doch spätestens nach vier Jahren ist eine Erneuerung verpflichtend. Denn wir bewegen uns in einem dynamischen Bereich, der sich ständig weiterentwickelt.

Ziel des Projekts PHASE XI ist es, Potenziale des kreativen Unternehmertums für andere Branchen sichtbar zu machen und Ideen, Modelle und Prototypen für die nächsten 11 Jahre Kultur- und Kreativwirtschaft gemeinsam zu entwickeln.

 

Was kommt als nächstes? Am 01.12. stellen alle PHASE XI Teams ihre Ergebnisse und Prototypen bei der Zukunftskonferenz im Säälchen am Holzmarkt in Berlin vor – zum Anschauen, Anfassen und Diskutieren. Reden wir über die Zukunft! Anmeldung und weitere Informationen unter www.logbuch-phase-elf.de