Mode„Seidentücher sind absolut Männersache“

Christophe Goineau
Christophe Goineau ist Kreativdirektor für Männerseide bei HermésTibor Bozi

Capital: Christophe Goineau, warum ist das Carré-Tuch so legendär? 

CHRISTOPHE GOINEAU: Der besondere Zauber liegt zweifellos in der bedingungslosen Liebe zum Detail. Wahre Handwerkskunst bedeutet, etwas anzufertigen und die Expertise sowie den Mut zu haben, noch einmal ganz von vorn zu beginnen, wenn das Ergebnis nicht den eigenen Vorstellungen oder Qualitätsansprüchen entspricht. Leidenschaft und emotionale Tiefe steckt in jedem Objekt, ganz gleich, ob es sich um ein Seidentuch, eine Businesstasche oder einen Mantel handelt. Was gerade ein Carré für Männer besonders reizvoll macht ist, dass es selbst eine formelle Garderobe wohldosiert akzentuieren können. Ein Hauch Fantasie, eine frische Brise.

Was genau ist Ihre Aufgabe bei Hermès und wie sieht ein typischer Tag in ihrem Job aus?

Als ich zu Hermès kam, arbeitete ich zunächst im Vertrieb für das Seiden-Metier. „Metiers“ heißen bei uns die Abteilungen für Design und Kunsthandwerk. Doch bald stellte ich fest, das mich der schöpferische Prozess hinter unseren Produkten noch mehr interessierte als der Vertrieb, ich wollte dorthin, wo das Herz unseres Unternehmens schlägt. Also übernahm ich die Funktion des Kollektionsmanagers für Männerseide und bin seit 2011 Kreativdirektor für diesen Bereich. Dabei arbeite ich eng mit Véronique Nichanian zusammen, die seit unglaublichen 30 Jahren Chefdesignerin der Menswear von Hermès ist. Ich bin jeden Tag von Zeichnungen, Illustrationen, Farben und außergewöhnlichen Materialien umgeben, lerne neue Künstler und ihre erfrischenden Perspektiven kennen … Damit unsere Herrenmode ein rundes Bild abgibt, stimmen Véronique und ich uns eng ab, wir pflegen eine Art Ping-Pong-Beziehung.

Welches Hermès-Halstuch für Männer ist gerade Ihr Favorit?

Hermés Seidentuch "Last Night"
Hermés Seidentuch „Last Night“ (Foto: Studio des Fleurs)

In der kommenden Winterkollektion fällt meine Wahl auf das blaue Carré „Last Night”, das unsere Verbindung zur Musik zeigt. Die Inspiration für diesen Druck stammt von einem DJ-Mischpult und das Format ist mit 100 mal 100 Zentimetern für Herren leicht zu tragen.

Zu welchem Outfit sieht ein Halstuch besonders gut aus?

Ich finde, Männer sollten tragen, was sie mögen und worin sie sich gut und attraktiv fühlen. Vor allem aber sollten sie neue Dinge ausprobieren, denn Eleganz hat mit selbstbewusster Ausstrahlung und auch ein wenig Mut zu tun. Den Mut beispielsweise, sich modisch nicht ständig zu wiederholen. So könnte man sagen, das Tuch ist die neue Krawatte, viel mehr als bloß ein Accessoire für den Winter. Jedes Carré erzählt seine eigene Geschichte und ist Ausdruck eines modernen Stils, der formell mit casual mixt. Zum hochwertigen T-Shirt, zum Hemd oder Blazer, unterm Parka … Ein Tuch macht nahezu alles mit. Und eine gute Figur dabei.

Was ist das Besondere an „Männerseide“?

Für die Männerkollektion unserer Seidentücher setzten wir eine hochfeine Mischung von Seide und etwas Kaschmir ein, damit die Carrés nicht so glänzen wie in der Damenlinie. Dadurch rutscht und knittert das Tuch auch weniger, ist angenehm zu tragen und nicht zu warm am Hals.

Wenn sich ein Mann für das erste Seidentuch interessiert, zu welchem Muster, welchen Farben sollte er als „Anfänger“greifen?

Die wichtigste Regel lautet: Es gibt keine Regeln mehr. Heute suchen endlich auch Männer in der Mode das aus, was zu ihrem Stil, ihrer Stimmung, ihrem Charakter und Lebensgefühl sowie ihrer Identität passt. Tücher setzen wie auch Krawatten sehr wichtige Akzente und können visuell kommunizieren, wie man sich gerade fühlt. Es gibt Varianten in Seide mit anderen Wollmischungen, mit Baumwolle und eben Kaschmir. Wir nennen es daher „Silk Mix“. Die Motive sind inspiriert von Themenwelten wie Mechanik und Autos, Sport, Gesellschaftsspielen und Musik.

Im Sommer waren Sie mit dem Pop-up-Konzept in München, das sich speziell an Männer richtete. Wie kam es zu dieser Event-Reihe?

Véronique Nichanian und ich lieben beide Musik über alles, und als wir über die fertige neue Kollektion schauten, fiel uns auf, dass einige Motive grandiose Plattencover wären. Das war der Impuls für dieses Abenteuer bei dem uns Thierry Planelle begleitet hat, der bereits seit 15 Jahren für die Soundtracks unserer Herren-Modeschauen verantwortlich ist. Also entwickelten wir eine Art Pop-up-Installation im Look eines Plattenladens, in dem die Gäste tolle Musik hören und bei Drinks und guter Stimmung Männerseidentücher entdecken können. Natürlich gab es auch Vinylhüllen im Hermès-Design und Kassetten mit Krawattenmustern. Musik und Mode verbindet so viel, vor allem eines: reichlich Emotion und die Fähigkeit, uns neue Denkanstöße zu geben.