WhiskyAndreas Thümmler - vom Deal zur Destille

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Die Destille (l.) liegt im ­750-Einwohner-Ort Rüdenau im Odenwald, eine knappe Autostunde südöstlich von Frankfurt (Foto: Felix Schmitt)

Wie ihm dieses Bruder-Lustig-Image zum Erfolg verhalf, illustriert keine Anekdote besser als die vom „Personal Eater“. Als er 2004 mit Verisign den Jamba-Deal verhandelte, musste er sich als guter Gastgeber wochenlang durch die Speisekarten aller Berliner Sternelokale fressen. Weil ihm das auf die Linie schlug, bat er seinen Fitnesstrainer um Beistand. Der Trainer war ein Mann mit großem Appetit, weshalb der Andi ihn fortan bei allen Geschäftsessen an seiner Seite platzierte und ihm nach den ersten paar Bissen seinen Teller rüberschob. Das ging ein paar Tage so, bis die amerikanischen Verhandlungspartner ihre Neugier nicht mehr zurückhalten konnten – sie fragten, wer denn um Himmels willen dieser Kerl sei, der nie einen Ton sagte, aber zuverlässig Andis Teller leerte. „Das ist mein Personal Eater“, sagte der Andi – und die Amis brüllten vor Lachen, so laut, dass das ganze Bocca di Bacco wackelte. Wenig später wechselte Jamba für 273 Mio. Dollar den Besitzer.

„Ich bin jetzt auch ohne den Eater ganz fit geworden“, sagt der Andi heute. Die Rauf- und Saufgeschichten? „Das ist mein altes Image. Ich bin jetzt 47, ich bin nicht mehr wie früher.“ Noch immer fliege er beruflich um die Welt, klar gehöre da auch ein bisschen Wining and Dining dazu – aber so doll wie damals, nee. Es sei doch super hier in Rüdenau. Heile Natur, bodenständige Leute, frische Luft, Sicherheit.

Auf dem bewaldeten Hang gegenüber der Destille sieht man terrassiertes Gelände. Wenn es stimmt, was der Andi erzählt, geht das auf die Römer zurück, die unten am Main ein Kastell mit 500 Legionären unterhielten. Wenn deren Centurio mal ausspannen wollte, habe er sich in seinen Weinberg zurückgezogen. Die Römer hätten zudem eine Therme betrieben, gespeist aus drei örtlichen Quellen. Daraus zapft der Andi heute das Wasser für seinen Whisky.

Die Rhein-Main-Region wurde im 7. Jahrhundert christianisiert, von irischen Mönchen unter der Führung eines gewissen Kilian, der später heiliggesprochen wurde. Auch dazu hat der Andi eine Geschichte parat, die so hübsch ist, dass man sie einfach glauben muss. Um ihre Schäflein zu überzeugen, taten sich die Iren damals als Heiler hervor. Zur Behandlung der Beulenpest setzten sie destilliertes Aqua vitae ein: Gerstenbrand, den mittelalterlichen Vorläufer des Whisky. „Die Iren hatten die Methode von den Arabern“, erzählt der Andi. „Die haben damit Parfum hergestellt. Die irischen Mönche dachten sich: Ey, wozu sollen wir uns damit einreiben? Die haben das Parfum lieber gesoffen.“ Das gefiel ihren Schäflein in der Rhein-Main-Region. „Die sagten zu den Mönchen: Ihr könnt hierbleiben, Hauptsache, ihr brennt so viel wie möglich von dem Zeug.“ So will es der Andi nun auch halten.

Auf den Whisky kam er, als er Investmentbanker in London war. Er verdiente viel Geld, die Highlands waren nahe – „und irgendwas muss man ja sammeln“. 2011 war er auf Whiskytour in Irland. In Kilbeggan, der ältesten Destille der Welt, probierte er einen Stoff, der so fantastisch schmeckte, dass er das ganze Fass kaufen wollte. Kilbeggans Master Distiller, der berühmte David -Hynes, winkte ab: „Wir verkaufen keine Fässer, nur Flaschen.“ Andi: „Ich gehe hier nicht weg, bevor ich dieses Fass kriege!“ David: „Keine Chance.“

Andi fuhr nach Dublin, buchte seinen Flug um und kehrte tags darauf zurück. „Gib mir dieses verdammte Fass!“ David: „Vergiss es.“ Noch mal zurück nach Dublin, noch mal umgebucht. „Ich hatte ein Business-Ticket“, gluckst der Andi vergnügt, „war mir scheißegal!“ Als er am dritten Tag wieder in Kilbeggan aufschlug, knickte David ein. Es war der Beginn einer wunderbaren, whiskygeschwängerten Freundschaft.

Ein verkaterter Morgen

Etwa ein Jahr später stand die alte Textilfabrik in Rüdenau zum Verkauf. Der Andi lud seinen Freund David ein, sich das Ding anzuschauen und ein wenig herumzuspinnen, was sich damit anstellen ließe. Eine kleine Craft-Destille vielleicht? Nachts saßen die beiden am Lagerfeuer und soffen sich durch Andis Sammlung. „20, 25 Whiskys haben wir weggeknattert“, erzählt er. „Ich kann mich an nichts erinnern.“

Ein paar Wochen später jedoch trudelte eine Rechnung ein, die sich niemand erklären konnte. „Hast du was in Schottland bestellt?“, fragte Andis Buchhalterin. Hm, nö, wieso? Nun – irgendjemand hatte zwei kupferne Brennblasen geordert, Fassungsvermögen je 6000 Liter, fällige Anzahlung: 480.000 Pfund.

„Bist du irre?“, fuhr der Andi am Telefon den David an. „Was willst du?“, antwortete der: „Wir haben uns umarmt, wir haben uns die Hand gegeben – in Irland ist das ein Deal!“ Der Andi lacht beim Erzählen. „Und der Typ hatte nichts Besseres zu tun, als rechtsverbindlich zu bestellen!“