Interview„Ich will Männer anziehen, die bestes Schneiderhandwerk schätzen“

Alessandro Sartori
Alessandro SartoriGetty Images


Alessandro Sartori, 52, stammt aus derselben Region wie die Marke Zegna. Seine Mutter war Schneiderin, und er folgte ihrem Vorbild. Ehe er 2016 zum dritten Mal einen Job bei Zegna übernahm, führte er für LVMH die Marke Berluti zum Erfolg. Als reines Herrenlabel ist Ermenegildo Zegna mit 500 Läden weltweit und einem Umsatz von 1,18 Mrd. Euro (2017) einzigartig. Das Familienunternehmen, 1910 gegründet, besitzt Schafherden, Webereien – und ließ für die letzte Modenschau den Mailänder Hauptbahnhof sperren.


Capital: Jeder Karriere-Coach rät: „Kehr niemals um.“ Sie dagegen starteten bei Zegna und kamen gleich zweimal zurück. Warum?

ALESSANDRO SARTORI: Ich bin wie ein Koch, der in der besten Küche mit hochwertigen Zutaten und fantastischen Kollegen an Rezepten feilen darf. Wo sonst findet man Rohstoffquelle, Design und Produktion noch unter einem Dach? Wolle, Seide, Kaschmir, Alpaka, Nylon – alles stellen wir selbst her. Mit jeder fixen Idee spreche ich direkt mit Profis anderer Abteilungen, fordere sie heraus oder ernte ein „Geht nicht“. Und dann ist da natürlich Gildo Zegna …

… CEO und Enkel des Firmengründers. Mit Gildo verstehen Sie sich bekanntlich blind. Wie wichtig ist der gute Draht zum Boss?

Eine Wellenlänge zu haben und sich zu vertrauen, das ist unverzichtbar für Erfolg. Mit Gildo sind 99 Prozent unstrittig, über den Rest diskutieren wir offen. Ohne Drama.

Looks aus Zegnas Herbst- und Winterkollektion
Looks aus Zegnas Herbst- und Winterkollektion

Wie sind Sie selbst als Chef?

Ich versuche, jedem Mitarbeiter seine Freiheit zu lassen. Wer alle in eine Form pressen will, unterbricht nur den natürlichen Inspirationsfluss. Klar, auch an Schwächen sollte man arbeiten, aber grundlegende Vorlieben ändert niemand. Da ist Respekt angebracht, nicht Sanktion.

Designer stehen unter starkem Druck, dass ihre Entwürfe im Laden schnell „drehen“. Beeinflusst das Ihre Arbeit?

Zu Beginn einer neuen Kollektion muss ich grenzenlos kreativ sein können, ohne Kompass und Wegweiser losmarschieren. Steht der Plan, ist das Bild komplett, erfülle ich gern Wünsche – wenn unserem Vertrieb etwa ein bestimmtes Produkt oder eine Farbe fehlt. Ich gehe in unsere Läden, hole mir Feedback von Verkäufern und Kunden, drehe „How to style“-Videos für interne Schulungen und will wissen, ob wir unser Ziel erreicht haben.

Welchem Konzept von Männermode spüren Sie nach?

Seit der Schulzeit läuft vor meinem inneren Auge ein Film, den ich wohl nie gesehen, sondern selbst gedreht habe. Darin geht es um die Garderobe der Zukunft, und Kostüme wie Hauptdarsteller verändern sich ständig. Nur der Kern bleibt: Ich will Männer anziehen, die bestes Schneiderhandwerk schätzen, es nur nicht zu sichtbar am Leib tragen wollen. Und alle, die bisher einen Bogen um Anzüge gemacht haben, aber mehr wollen als irgendwelche lässigen Looks. Was wir zeigen, sind neue Silhouetten, perfekt konstruiert und mit innovativen Stoffen umgesetzt.

… noch ein Beispiel aus der Herbst-Winterkollektion

Hätten Sie gedacht, einmal „Turnschuhe“ zu entwerfen wie den neuen „My Cesare“-Sneaker?

Vielleicht nicht, wobei das kurzsichtig war. Schließlich haben wir schon viel Ballast abgelegt: steife Kragen, schwere Westen, üppige Stickmuster, zig Hutformen, klobige Schuhe. Heute sind Strickpullis ganz leicht, sehen Nylonjacken schick aus, ist das Nein zu unbequemen Outfits ein Stilstandard geworden. Zu dieser Einstellung passt ein Sneaker, der bei uns in aufwendiger Handarbeit entsteht, perfekt.

Was sind aktuelle Herausforderungen der Branche?

Es wird kaum mehr aus Bedarf, sondern aus emotionalen Gründen gekauft, Kunden wollen verstanden werden und Hilfe dabei bekommen, ihre Erscheinung behutsam zu verbessern. Außerdem haben nahezu alle Codes, die früher galten, ihre Bedeutung verloren. Ich kann heute zum Anzug aus feinster Wolle ein T-Shirt tragen, unterm Bomber ein Maßhemd mit Krawatte, zum Smoking edle Sneaker. Wer als Verkäufer gut sein will, muss also wie ein Profi-stylist beraten.

Mode vereint Kunst mit Kommerz. Welche Styles des Kultfilms „Wall Street“ verdienen ein Comeback?

Zunächst: Michael Douglas war unglaublich in dem Film! Sicher, seine Figur war überzeichnet, dafür umso wirkungsvoller. Die Männermode der Achtziger war geprägt vom Spiel mit Accessoires: Uhren, Siegelringe, Manschettenknöpfe, Brillen, Hosenträger … Das reinste Kuriositätenkabinett! Vieles davon ist bereits zurückgekehrt, weil sich vor allem junge Leute für Retro-Trends begeistern können.

Ein weiterer Look von Zegna

Im Begleittext zu Ihrer Herbst-Kollektion findet sich ein klares Plädoyer gegen Mauern jeglicher Art. Wie politisch darf, muss Mode sein?

Vom Beginn meiner Karriere habe ich es nie als meine Aufgabe gesehen, mich politisch zu positionieren. Heute scheint es mir wichtiger, das Zeitgeschehen auf passende Art in meiner Arbeit zu kommentieren. Ich lehne Schubladendenken und Vorschriften darüber ab, was schön ist. Glücklicherweise teilen das Unternehmen Zegna und ich diese Haltung: Wir begrüßen jeden in -unserer Mitte, so wie man uns weltweit willkommen heißt. Mein Team eint sieben Nationen, verschiedene Kulturen, Religionen und sexuelle Präferenzen. Auch unsere Models wählen wir bewusst divers aus.

Ihr Job ist der ganze Markenauftritt, vom Schaufenster bis zu Instagram. Sind Sie gut organisiert?

Es gibt chaotische, strukturierte, kindliche und pedantische Kreative. Ich bin von allem etwas. In regelmäßigen Abständen nehme ich mir ein paar Stunden und räume auf: Unterlagen, Dateien im Computer, meine Gedanken. Nur Bleistifte rechtwinklig ausrichten – das werde ich wohl nie tun.

 


Das Interview ist in Capital 07/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay