GastkommentarWarum die BWL Innovationen braucht

Hörsaal an der Universität Osnabrück
Hörsaal an der Universität OsnabrückGetty Images

Von außen betrachtet ist die Entwicklung in der deutschen Hochschullandschaft insgesamt ziemlich beeindruckend. In meiner Rolle bei der AACSB – dem größten Netzwerk für Business-Bildung und globale Akkreditierungsagentur – stehe ich ständig mit Vertretern von Hochschulen und der Wirtschaft in Europa, dem Nahen Osten und Afrika im Dialog. Aus dieser Perspektive heraus, die Business Schools dabei helfen will, die nächste Generation der besten Manager auszubilden, muss ich aber auch sagen: Die gegenwärtige Kritik an Deutschlands wohl populärstem Studienfach, der Betriebswirtschaftslehre, ist aus internationaler Sicht auch nicht ganz unberechtigt. Warum schaffen es denn tatsächlich so wenige BWLer in die Führungsetage deutscher Unternehmen?

Viele Betriebswirte in Deutschland lieben ihren „Wöhe“. Und es gibt viele gute Gründe, warum die „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ eines der meistverkauften Einführungswerke für Business-Studierende ist. In letzter Zeit mehren sich jedoch die Stimmen, die Reformen wollen. Die Argumente: Das Fach sei zu mathematisch, zu realitätsfern, nicht zukunftsfähig. Es bereite zum Beispiel nicht auf die Gründung eines Unternehmens vor. Auf das Führen von Menschen. Oder überhaupt auf eine erfolgreiche Laufbahn als Wirtschaftsexperte. Warum ist das so?

Die Wirtschaftswelt befindet sich bekanntlich in einem rasanten und tiefgreifenden Wandel, der von demografischen Veränderungen, globalen Einflüssen und neuen Technologien vorangetrieben wird. Zugleich wird von den Unternehmen verlangt, dass sie über ihr Handeln Rechenschaft ablegen, mehr Verantwortung zeigen, und nachhaltiger wirtschaften. Disruption, Automatisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz – wir erleben Paradigmenwechsel, die unsere Realität massiv und dauerhaft verändern. Und all das passiert heute. Diese so vieles verändernden Trends bedeuten ganz klar, dass Unternehmen heute und morgen etwas anderes brauchen als gestern.

Neue Programme, Lehrpläne und Kurse entwickeln

Die gleichen Faktoren, die Unternehmen beeinflussen, verändern auch die Bildung an den Hochschulen. Im heutigen dynamischeren Umfeld müssen Business Schools auf die sich verändernden Bedürfnisse der Geschäftswelt reagieren, indem sie der Gemeinschaft die passenden Kenntnisse und Fähigkeiten bereitstellen. Sie müssen innovativ sein und in intellektuelles Kapital investieren; sie müssen neue Programme, Lehrpläne und Kurse entwickeln. Und das in einer Zeit, in der die Hochschulen oftmals infolge von Einsparungen zusätzlich unter Druck geraten.

Viele deutsche Institutionen sind auf einem sehr guten Weg. Insgesamt hat die AACSB seit 2010 zehn Business Schools in ganz Deutschland akkreditiert, die den anderen fast 800 AACSB-akkreditierten Institutionen weltweit völlig ebenbürtig sind. Gute Beispiele finden sich überall. Sowohl öffentliche als auch private Hochschulen leisten in Deutschland hervorragende Arbeit, indem sie traditionelle Wissenschaft mit ihrer Anwendung in der Industrie kombinieren. So sind beispielsweise die TU München und die Universität Münster gerade auch für ihre berufliche Relevanz und Praxisorientierung bekannt. Bei den privaten Business Schools sind etwa die Frankfurt School of Finance oder die HHL Leipzig hervorzuheben. Und es gibt weitere Beispiele, wie etwa die ESMT Berlin, die dank eines Austauschprogramms eine außergewöhnliche internationale Erfahrung bietet. Auch an den Fachhochschulen, die eine immer größere Rolle spielen, entstehen immer mehr sehr gute Programme einschließlich sehr relevanter Forschungsprojekte. Institutionen wie die Fachhochschule Pforzheim sind seit eh und je mit der Wirtschaft und der Industrie verzahnt.

Allerdings gibt es trotz anerkannter Qualitätsstandards keinen weltweit gültigen einheitlichen Ansatz für die Business-Ausbildung. Im Gegenteil: Ein Schlüsselprinzip der AACSB ist, dass die Hochschulen ihren jeweils eigenen Weg zu höchster Qualität in Forschung und Lehre entwickeln und optimieren.

Unis könnten internationaler werden

Durch diese Linse der Vielfalt betrachtet lässt sich dennoch sagen: Eine Reihe von Universitäten könnte internationaler werden. Ich war gerade an einer 350 Jahre alten Universität in Schweden, und deren 15 Master-Programme werden alle auf Englisch gehalten. Dies hilft, internationale Studierende und Professoren zu rekrutieren und verstärkt auf internationaler Ebene sichtbar zu sein. Um wettbewerbsfähig zu sein, sollten deutsche Hochschulen auf Mehrsprachigkeit setzen und gleichzeitig ihren eigenen lokalen Wurzeln treu bleiben.

Im besten Falle geht es bei Exzellenz außerdem nur teilweise um Wissen. Sondern noch mehr um die Fähigkeiten und Einstellungen, um eine bestimmte Art zu denken. Die besten Hochschulen der Welt gehen auch in dem Sinne über die klassischen Lehrbücher hinaus, dass sie eine abgerundete Ausbildung anstreben, einschließlich Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation, kulturelle Techniken, Führung und andere Aspekte emotionaler Intelligenz.

Ein wichtiger Aspekt ist der ebenfalls aktuelle Trend zur Entwicklung in Echtzeit. Wenn neue Themen wichtig werden, verlangen die Unternehmen fast sofort nach relevantem Fachwissen. Das fordert den Hochschulen eine immer schnellere Reaktion ab. Infolgedessen wird auch die digitale Bereitstellung von Inhalten immer wichtiger. Zu den wichtigsten Themen gehören natürlich gerade Big Data, Entrepreneurship und Innovation.

Es ist für die Hochschulen von zentraler Bedeutung, auf Veränderungen im Markt und die Anforderungen der Studenten rasch einzugehen. Deutschland kann hier noch etwas aufholen. Der „Wöhe“ ist sicher ein toller Start, aber die Hochschulen müssen weiter denken.