KolumneWinterkorn und das Erfolgs-Aus bei VW

Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn
Der frühere VW-Chef Martin Winterkorndpa

Eine vermeintliche Lüge, eine US-Anklage, eine Strafanzeige aus dem Bundestag – Martin Winterkorn hat derzeit wenig zu lachen, während er auf Akteneinsicht für seine Anwälte wartet. Den Knacks trägt – wie schon so oft in dieser Debatte – das Unternehmen davon. Der Erfolg des VW-Konzerns dürfte demnächst auch fürs bloße Auge sichtbar ausbleiben.

Denn ja, noch schreibt der Automobilriese schwarze Zahlen, ich behaupte nichts anderes. Die VW-Aktie klettert in erfreulichen Gefilden herum, das VW-Management investiert Milliarden in Batterien für E-Fahrzeuge. So sieht doch kein erfolgloses Unternehmen aus! Wobei …

Mehr als erfolgreich

Erfolg ist ja nicht gleich Erfolg. Und unter diesem Gesichtspunkt glaube ich schon, dass Herr Winterkorn am Erfolgsbarometer von VW nicht spurlos vorübergeht. Falls Sie darauf warten, dass ich ihm nun die Schuld für künftige Misserfolge des Unternehmens in die Schuhe schiebe, lade ich Sie ein, an dieser Stelle aus dem Artikel auszusteigen. Diese moralische Diskussion und Schuldsuche langweilt mich zu sehr, als dass ich sie führen möchte. Das darf gerne die US-Justiz übernehmen.

Die Frage lautet doch vielmehr: Inwiefern wirkt sich Winterkorns Verhalten in seiner ehemaligen Führungsrolle trotz aller schwarzer Zahlen auf den Erfolg von VW aus? Denn Erfolg ist eben nicht nur Erfolg aus Sicht der Kapitalverzinsung.

Kuchenschlacht

Der echte Erfolg eines Unternehmens baut auf vier Elementen auf – wie eine gute Pizza Quattro Stagioni. Bei allen vieren geht es um Zufriedenheit und alle vier sind gleichermaßen relevant.

Nehmen wir also das erste Stück der Zufriedenheitspizza her – und zwar nach dem Zufallsprinzip, denn keines der vier Elemente ist mehr oder minder wichtig –: die Zufriedenheit der Unternehmensinhaber. Diese, das lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen, ist hergestellt, wenn unterm Strich der Rubel rollt. Solange die Herrschaften Inhaber mit ihrem eingesetzten Kapital einen schönen Profit erzielen, sind sie in der Regel zufrieden und außerdem gewogen, es weiter einzusetzen oder gar noch eine Schippe draufzulegen. Wunderbar.

Also weiter zum zweiten Pizzastück: Was wäre ein erfolgreiches Unternehmen ohne zufriedene Kunden? Nicht mehr lange erfolgreich vermutlich. Deshalb sind Sie als Unternehmer angewiesen auf Kunden, die Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung als echte Qualitätsarbeit wahrnehmen. Die Ihr Produkt als besser im Vergleich zum Wettbewerb einordnen und mit dem Kauf wiederum für Ihren Erfolg am Markt sorgen.

Der Magen wird langsam voll – Pizzastück Nummer drei: die Zufriedenheit Ihrer Mitarbeiter. Haben Sie das Gefühl, etwas Gutes geleistet und ein Produkt kreiert zu haben, das ankommt und auf Wertschätzung stößt, werden Sie stolz und zufrieden sein. Diese zufriedenen Mitarbeiter sind es, die in der Folge wiederum Lust haben werden, Zeit und Mühe in ihre Arbeit zu investieren und damit Ihr Unternehmen erfolgreich zu halten.

So, eins geht noch: ein Stück Zufriedenheitspizza für die Gesellschaft. Das klingt nun womöglich nach idealistischer Verklärung, aber tatsächlich können Sie mit Ihrem Unternehmen auch die Gesellschaft zufriedenstellen. Indem Sie Steuern zahlen, Gesetze und Vorschriften einhalten, in soziale Projekte investieren. Denn Korruption, Steuerhinterziehung oder die Verschandelung der Umwelt kratzen an der Zufriedenheit der Gesellschaft mit Ihrem Unternehmen und somit auch direkt an Ihrem Erfolg.

In Ordnung, genug Kuchen für heute. Gehen wir auf die Waage.

Pikante Details

So wie Sie eine unvollständige Pizza keinen Gästen mehr vorsetzen können, so kann Ihr Unternehmenserfolg nicht bestehen, wenn Sie einzelne der vier Stücke herausschneiden oder sie unterschiedlich stark gewichten. Alle vier Elemente müssen sich sorgfältig die Waage halten, denn sobald Sie auch nur eines der Elemente missachten, kann Ihr Unternehmen im 21. Jahrhundert nicht länger als erfolgreich gelten.

Das zeigt die Causa Winterkorn deutlich. Zwar erfüllt VW noch das Element der Profitabilität, aber wie ist es denn um die Zufriedenheit der Kunden bestellt, die ihren Diesel nicht länger als sparsames Heiligtum sehen? Und wie zufrieden kann die Gesellschaft noch sein, wenn seit Monaten ein pikantes Detail nach dem anderen über VW ans Licht kommt? Nicht umsonst wird Winterkorn in den USA derzeit mit Haftbefehl gesucht.

In Balance

Ein erfolgreiches Unternehmen, das erfolgreich arbeiten möchte, muss also immer alle vier Erfolgselemente erfüllen, wenn es langfristig in seiner Spitzenposition bleiben möchte. Zwar tauchen immer wieder neue Moden auf, die das eine oder das andere Element in den Vordergrund rücken und fokussieren möchten, aber letztlich entsteht Erfolg durch ein sorgfältiges Ausbalancieren aller vier Teile.

Krankt nur eines der Erfolgselemente, wird das vielleicht eine Weile gutgehen oder zumindest von außen nicht direkt ersichtlich sein. Aber auf lange Sicht, da bin ich überzeugt, kippt so schließlich der Erfolg des ganzen Unternehmens. Unzufriedene Mitarbeiter engagieren sich nicht mit vollem Elan für die Zufriedenheit ihrer Kunden. Unzufriedene Kunden bringen keinen Profit. Mangelnder Profit führt zu unzufriedenen Unternehmensinhabern.

Deshalb tut es mir für VW insgesamt auch viel mehr leid als für Martin Winterkorn persönlich: VW ist, was seinen Erfolg angeht, nicht erst seit den letzten Strafzahlungen auf dem absteigenden Ast. Der Konzern war auch vor der Dieselaffäre lange nicht mehr erfolgreich. Wirklich erfolgreich.