ThemaWie Firmen kreativer sein können

Kreativität
Sei kreativ! Wenn das immer so einfach wäre

Florian Rustler ist Gründer und Geschäftsführer der creaffective GmbH. Creaffective unterstützt Organisationen weltweit ihre Innovationskraft zu stärken und eine Kultur der Innovation zu entwickeln.


Kreativität wird definiert als „die Fertigkeit Neues zu schaffen, das Nutzen bringt“. Mit diesem Verständnis wird die Relevanz von Kreativität schnell offensichtlich, egal ob es sich um persönliche oder berufliche Situationen handelt. Immer dann, wenn Menschen vor einer Frage stehen,  deren Lösung nicht bekannt oder offensichtlich ist, kann Kreativität gefragt sein.

In Unternehmen kann dies für bestehende Probleme und Herausforderungen wichtig sein und besonders für den Bereich der Innovation. Gründe, warum Firmen daran gelegen ist, dass ihre Mitarbeiter kreativ sind, gibt es viele.

Veranlagung, Training und Motivation

Die Kreativitätsforschung spricht von drei Schlüsselzutaten der Kreativität: Einerseits hat Kreativität mit Veranlagung zu tun, also etwas, das man von Natur aus hat. Die gute Nachricht ist, dass jeder Mensch kreativ ist und sein kann. Unterschiedliche Menschen sind jedoch mit unterschiedlichen Talenten ausgestattet. Das bedeutet, dass jeder Mensch kreativ sein kann, jedoch nicht jeder im gleichen Gebiet und auf die gleiche Art und Weise kreativ sein wird.

Kreativität ist andererseits eine Fertigkeit, die von jedem Menschen bewusst trainiert und verbessert werden kann. Dazu gehören Wissen und Anwendungskompetenz von Grundlagen des kreativen Denkens, die Fertigkeit in Möglichkeiten zu denken und nicht zu schnell zu urteilen. Besonders in Gruppen sind Techniken und Prozesse hilfreich, um das kreative Denken einer Gruppe bewusst zu strukturieren und zu organisieren.

Eine dritte zentrale Zutat ist die Motivation. Nur wenn jemand Interesse oder Leidenschaft an einem Thema hat, wird er oder sie wirklich kreativ sein, die notwendige Disziplin und das notwendige Durchhaltevermögen an den Tag legen.

In unserer Arbeit mit Unternehmen kommt im Gespräch dann oft die Frage auf, was das Unternehmen tun könne, um die Mitarbeiter zu motivieren, kreativer zu sein und ihre Ideen einzubringen und umzusetzen. Beispielhaft und symptomatisch zeigt sich das in Ideen- oder Innovationsmanagementprozessen in Unternehmen, wo die verantwortlichen „Manager“ oft klagen, dass die Ideen und die Beteiligung allgemein sehr gering seien.

Obige Frage geht dabei von der Grundannahme aus, dass die Menschen nicht ausreichend motiviert sind und man sie mit extrinsischen Mitteln (wie Geld und anderen Privilegien) motivieren müsse oder könne.

Was wäre, wenn die Menschen motiviert sind…

Ich glaube, dass diese Annahme falsch ist! Um mit Reinhard Sprenger, dem Autor des Buches „Mythos Motivation“ zu sprechen, sollten Unternehmen Mitarbeitern nicht unterstellen, dass sie grundsätzlich Leistung zurückhalten und mit bestimmten Mitteln dazu gebracht werden müssen, diese abzurufen. Besonders für Kreativität ist es aus einer Vielzahl an Forschungsarbeiten gut belegt, dass Menschen der intrinsischen Motivation bedürfen, um kreativ zu sein und extrinsische Elemente wie Geldprämien etc. diese intrinsische Motivation sogar verdrängen.

Für Tätigkeiten, die ein hohes Maß an Kreativität erfordern, müssen wir sogar davon ausgehen, dass ein Mensch grundsätzlich motiviert ist! Falls er das nicht wäre, könnte man ihn mit externen Mitteln nur sehr begrenzt und nicht nachhaltig bewegen und vor allem nicht dazu bringen, wirklich kreativ zu sein.

Trotzdem zeigt sich nun in vielen Unternehmen ein Bild, in dem Mitarbeiter allem Anschein nach nicht motiviert genug sind, ihre Kreativität einzubringen und Dienst nach Vorschrift machen. Ich glaube jedoch, es liegt nicht an von vornherein mangelnder Motivation sondern an Faktoren, die dafür sorgen, dass Menschen ihre Motivation verlieren.

Wenn diese Annahme richtig ist, dann lautet Fragen, die sich Unternehmen stellen müssen: „Wie könnten wir unsere Mitarbeiter nicht weiter demotivieren?“ Und „Wie könnten wir es unseren Mitarbeiter ermöglichen, ihre Kreativität zu nutzen?“. Diese andere Sichtweise auf das Problem macht auch andere Handlungsoptionen denkbar.

Die Kreativitätsforscherin Teresa Amabile von der Harvard Universität hat in einer faszinierenden und sehr umfangreichen Arbeits-Tagebuchstudie mit Menschen aus Projektteams in Unternehmen gezeigt, was Menschen motiviert und demotiviert und was Kreativität anreget oder diese stranguliert. Nachzulesen sind die Ergebnisse in Amabiles Buch „The Progress Principle“ aus dem Jahr 2011.

Fortschritt ermöglichen!

Was Menschen in Unternehmen am stärksten motiviert ist es, in einer Sache, die sie interessiert, in welche sie Energie hinein investiert haben, Fortschritte machen können und wenn das Unternehmen diesen Fortschritt ermöglicht.

Fortschritt ermöglichen kann bedeuten, dass Menschen Zeit bekommen, ein Thema zu erkunden oder auszuarbeiten, dass Ressourcen bereitgestellt werden, zu experimentieren und einfache Tests zu machen und dass die Prozesshürden dazu niedrig sind. Ein Gefühl von Fortschritt stellt sich bei Menschen auch ein, wenn sie Anerkennung (hier ist nicht Geld gemeint), Wahrnehmung und Rückmeldung zu ihrer Arbeit bekommen und sie das Gefühl haben, Unterstützung zu erfahren.

In vielen Innovationsmanagement- und Ideenmanagement-Prozessen, um das obige Beispiel noch einmal aufzugreifen, fehlen viele der genannten Faktoren.

Ein Beispiel eines Kunden mag dies noch einmal verdeutlichen: Ein Herr aus dem Controlling hat privat Spaß an der Programmierung von Apps. In einem Gespräch hat ihm ein Kollege aus einer anderen Abteilung von einem Prozessproblem berichtet. Rein aus Interesse und Neugier begann unser Controller in seiner Freizeit an einer Smartphone-App dafür zu basteln, die er dem Kollegen in einem weiteren Gespräch vorstellte. Nach diesem Gespräch wurde ihm vom Unternehmen eine gewisses Zeitbudget zur Verfügung gestellt, um auch während der Arbeitszeit weiter an der App zu arbeiten. In einem Gespräch mit mir meinte er lapidar: „Wenn die mir eine Geldprämie angeboten hätten, für den Fall, dass ich die App zu Ende entwickle, hätte ich die Arbeit sofort eingestellt.“