ReportageWie der Staat unbequeme Steuerfahnder kaltstellt

Seite: 2 von 4

Erst belobigt – dann kaltgestellt

Einst brachte Wehner dem Staat Millionensummen ein, indem er hinterzogenes Steuergeld aufspürte. Heute arbeitet er in Fulda als Fahrlehrer. Wie konnte es in einem Rechtsstaat so weit kommen?

Wer das begreifen will, muss sich mit der Geschichte der einst schlagkräftigsten Steuerfahndung Deutschlands befassen, die am Finanzplatz Frankfurt illegale Geldströme entdecken und Steuerhinterziehung in den Banken verfolgen sollte. Neben Wehner, Schmenger und den Fesers sorgten Hunderte weitere Kollegen im Finanzamt Frankfurt V dafür, dass Steuersünder überführt werden. Mit großem Erfolg.

Wehner ist gerade mal Mitte 30, als ihn der Bannstrahl der Finanzverwaltung trifft. Da hat er bereits an mehreren politisch brisanten Fällen mitgearbeitet. Er war dabei, als Frankfurter Steuerfahnder zur Jahrtausendwende gegen den ehemaligen Schatzmeister der CDU, Walther Leisler Kiep, ermittelten. Es ging um illegale Parteispenden und um Millionen an Schwarzgeld, das die CDU in Liechtenstein versteckt hatte. Und er wurde auch tätig, als Frankfurter Fahnder 2001 die Daten zahlreicher deutscher Anleger erhielten, die ihr Geld auf Schwarzgeldkonten in Liechtenstein transferiert hatten.

Doch die Ermittler wurden von hohen Vorgesetzten zurückgepfiffen. Ohne Begründung. Mehr noch, eine Amtsverfügung machte es ihnen faktisch unmöglich, große Fälle von Steuerhinterziehung effektiv zu verfolgen. Mitarbeiter, die gegen diese Entscheidung aufbegehrten, wurden versetzt und gemobbt, die hartnäckigsten Fahnder am Ende zum Psychiater Thomas H. geschickt. Der erklärte sie mit gleichlautenden Satzbausteinen in Gutachten für „paranoid“, „querulatorisch“ oder „anpassungsgestört“.

Einer, der damals hautnah dabei war, ist der ehemalige Abteilungsleiter der Fahnder, Frank Wehrheim. Er hat im Laufe seiner 30-jährigen Karriere beim Finanzamt Frankfurt viele Steuerbetrüger zu einem Geständnis bewegt. Was ihm Mitte der 90er-Jahre in die Hände fällt, spielt jedoch in einer höheren Liga: Zehntausende Fälle von Hinterziehung liegen auf seinem Tisch, und bei allen Fällen handelt es sich um Kunden der Commerzbank. Ein Bankmitarbeiter hat die Staatsanwaltschaft informiert. Es geht um viele Millionen D-Mark. Wehrheim und seine Fahnder durchsuchen 1996 mit Staatsanwälten die Zentrale, inklu­sive der Vorstandsetage. Das hat es in Deutschland zuvor noch nicht gegeben. Die Fahnder werden in ihrer Branche gefeiert und von ihrem Dienstherrn belobigt. Die Commerzbank muss 400 Mio. D-Mark Steuern und 120 Mio. D-Mark Verzugszinsen nachzahlen.

Doch bald dreht sich der Wind. Als 1999 die CDU in Hessen die Landtagswahl gewinnt, wird Roland Koch Ministerpräsident und Karlheinz Weimar Finanz­minister. Die Steuerfahnder stehen damals kurz vor ihrem nächsten spektakulären Fall: Eine CD-ROM mit Daten vieler Steuerhinterzieher, die ihr Geld in Liechtenstein versteckt hatten, ist aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt. Wehrheim besorgt sich die Daten, die Frankfurt betreffen, 70 bis 80 Fälle. Sein junger Kollege Wehner ermittelt mit.

Wieder könnte sich der Staat Millionen zurückholen, doch diesmal sollten Wehrheim und Wehner die Fälle nicht weiter bearbeiten, auf Anweisung von oben. Die Fahnder fragen sich: Gibt es einen Zusammenhang zur CDU-Schwarzgeldaffäre? Auch hier geht es um Konten in Liechtenstein. 20 Mio. D-Mark hat die hessische Union dort illegal in eine Stiftung mit dem Namen Zaunkönig geleitet. Staatsanwälte durchsuchen Büros der Partei und ihres Beraters Horst Weyrauch.