ManagementWas sich Manager von der Familie abschauen können

Die Familie kann eine wichtige Schule für Manager sein
Die Familie kann eine wichtige Schule für Manager seinGetty Images

Eltern sein und Führungskraft sein findet oft in der gleichen Lebensphase statt. Die Reflektion des eigenen Denkens, Fühlens, Redens und Handelns im jeweiligen Lebensbereich zeigt Eltern / Führungskräften die erstaunlichen Parallelen zwischen „Führen in der Familie“ und „Führen eines mittelständischen Unternehmens“.

Chef sein heute bedeutet, komplexe Aufgabenstellungen zu bewältigen: Kommunikator sein, Motivator sein, Psychologe sein, Begleiter sein, Förderer sein, Berater sein, Trainer sein, Kritiker sein, Impulsgeber sein und vieles mehr. Eltern sein heute heißt, ähnliche Aufgaben wie die oben genannten im häuslichen Bereich zu übernehmen. Ein Vergleich zeigt folglich ganz konkrete Linien zwischen Management und Erziehung – Chef sein und Eltern sein. Es geht darum, dass Eltern als Führungskräfte gezielt ihre emotionalen und sozialen Kompetenzen aus beiden Bereichen gewinnbringend miteinander verknüpfen. Dieser Transfer ist eine überaus große Chance, um authentisch erfolgreich als Eltern und Führungskraft zu sein.

Führungskraft sein wird insbesondere zu Beginn der Karriere oft als „Rolle einnehmen“ empfunden. „Führen“ lernen Manager in ihren Ausbildungen ja nicht im klassischen Sinn. Mit der Elternrolle wächst der Manager automatisch in das Führen hinein: Der (Selbst-)Erkenntnis-Prozess ermöglicht unkompliziert und ohne theoretisches Training eine Umsetzung von adäquatem Führungsverhalten im Unternehmen. Wo kann konkret ein Transfer stattfinden? Drei Beispiele:

1. Zeitmanagement: „Das Wichtigste zuerst.“

In der Familie gibt es für jede neue Woche einen Plan, der alle Termine der Familienmitglieder zeigt. Die benötigten „Fahrer“ für Sport-, Musikunterricht- und andere Termine der Kinder sind geplant. Ein „Back-up“ für unvorhergesehene Situationen ist berücksichtigt. Der Vater organisiert, systematisiert, automatisiert und delegiert, damit in der Familie der Alltag für alle – zumindest hypothetisch – entsprechend reibungslos laufen kann. Der Zeitplan ist die Grundlage für die zeitliche Struktur der Familie. Alle Familienmitglieder wissen, dass ihr individueller und damit auch gemeinsamer Alltag durch viele Unwägbarkeiten, durch viel Unvorhergesehenes geprägt ist. Der Plan vermittelt ihnen jedoch den Rahmen, der – so weit möglich – Sicherheit/Verlässlichkeit gibt.

Im Unternehmen versucht der Vater als Führungskraft seine komplexen Aufgaben mit einem sinnvollen Zeit-Management zu bewältigen. Er bearbeitet das Wichtigste und Dringendste zuerst. Dann folgt das Wichtige, jedoch nicht so Dringende und so weiter. Auch als Chef plant er folglich, seine komplexen Aufgaben in einem gewissen Zeitrahmen zu bewältigen.

Der Alltag straft seine Pläne jedoch immer wieder Lügen. Nichts desto trotz gibt ihm seine „Prioritäten-To-Do-Liste“ einen Rahmen für seine Führungsaufgaben. Er bindet seine Mitarbeiter in die Zeitpläne ein und delegiert auch.

Erkenntnis: Das Zeit-Management und damit das Selbst-Management der einzelnen Beteiligten (sowohl in der Familie als auch in der Firma) gibt dem System Familie / Unternehmen eine geplante Struktur. Der Zeitplan (mit viel Raum für Unvorhergesehenes) gibt dem Unternehmer und den Mitarbeitern die Möglichkeit, taktisch und strategisch zu arbeiten und eventuell flexibel auf die alltäglichen Unwägbarkeiten zu reagieren. Wichtig: „Zeitpuffer“ und „Stille Stunden“ lassen Raum für bewusste „Aktion“, nicht nur „Re-Aktion“. Das bedeutet, spontane (Mitarbeiter-)Gespräche können „zwischendurch“ geführt, kreatives, innovatives Denken oder auch Erholungsphasen in den Tag eingebaut werden.

2. Meeting-Kultur: „Sich Treffen ist sich Austauschen“

Die Mutter hat in ihrer Familie eine regelmäßige „Familienkonferenz“ etabliert. Bei den jeweiligen Treffen der Familienmitglieder wird die Woche geplant (siehe bitte oben „Zeitmanagement“), es werden zum Beispiel die einzelnen Wünsche für den nächsten Urlaub besprochen oder der Kauf einer neuen Wohnungseinrichtung abgestimmt. Dabei ist es der Mutter ein wichtiges Anliegen, dass jedes Familienmitglied seine Befindlichkeiten, Wünsche, Vorhaben und anderes einbringen kann und wirklich einbringt.

Im Unternehmen nutzt die Mutter als Führungskraft regelmäßige Meetings mit bestimmten Mitarbeiter-Teams, um gezielt Themen zu besprechen: die kommende Woche, das nächste Projekt, die Strategie für das nächste Quartal. Auch die Weihnachtsfeier oder das Sommerfest kann Thema sein. Sie möchte, dass jeder im jeweiligen Thema involvierte Mitarbeiter sich auf das Meeting vorbereitet und dort seinen Betrag leisten kann.

Erkenntnis: Das Sich-Treffen und Austauschen ist absolut zielführend. Sowohl Familienmitglieder als auch Mitarbeiter wollen zu bestimmten Themen eventuell überzeugt werden und nicht etwas kommentarlos angeordnet bekommen. Der Situation adäquates Mitbestimmungsrecht ist für alle Beteiligten motivierend. Die Kreativität und Eigenverantwortung wird gefördert. Die Mutter / Unternehmerin hat im Hinterkopf: Jeder Mensch will etwas gelten. Darum ist die Kommunikation in Meetings respektvoll. „Killerphrasen“ wie „Nun passen Sie mal auf…“ oder „Jeder vernünftige Mensch weiß doch, dass…“ sind tabu. Jeder Teilnehmer darf / soll etwas zum Thema beitragen, darum folglich auch vorbereitet in das Meeting gehen. Der Mitarbeiter spürt, dass seine Anwesenheit richtig und wichtig ist. Resultat des Meetings sollen Entscheidungen sein. Das Ergebnis sollte protokolliert und auf den gewünschten Erfolg in der Zukunft überprüft werden.

3. Lern-Kultur: „Wer fragt, der lernt“

Die Mutter kann ihrer Tochter, der Oberstufenschülerin nicht bei den Hausaufgaben helfen. Sie gibt offen zu, dass ihr die Thematik fremd ist. Sie schaut im Internet nach und informiert sich gezielt, um die Tochter in ihrer Schularbeit unterstützen zu können.

Im Unternehmen geht sie als Führungskraft ebenso offen damit um, wenn sie zu einer Thematik Fachkompetenz von jemand anderem benötigt. Sie fragt gezielt einen Mitarbeiter um Unterstützung, der für diesen Themenbereich ein Fachmann ist.

Erkenntnis: Offenheit im Umgang mit „mangelndem“ Fachwissen, gepaart mit dem Willen, dazuzulernen ist „Stärke zeigen“. Keine Mutter, keine Chefin muss alles wissen, muss alles können, muss perfekt sein. Sowohl die Mutter als auch die Führungskraft muss jedoch bereit sein, vermeintliche „Schwäche“ zu zeigen. Und kann diese somit in Stärke umwandeln. Offenheit, Neugier, Fragen statt Sagen, andere Wege gehen sind – neben weiteren Aspekten – Erfolgsfaktoren auf dem Weg in die Zukunft. „Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ „Wer immer die gleichen Wege geht, kommt immer zum gleichen Ziel.“ Und: Wer vorgibt, alles zu wissen (und dabei „erwischt“ wird), wirkt darüber hinaus unsympathisch und unglaubwürdig. Lern-Kultur bedeutet: Wenn der Chef lernen mag, dürfen und mögen auch die Mitarbeiter lernen.

Führungskräfte sollen „Möglichmacher“ sein. Sie sollen „Ermutiger“ ihrer Mitarbeiter, deren Trainer und Coaches und vieles mehr (siehe oben) sein. Sie sollen die „Kulturlotsen“ in und damit der Firma sein.

Manager, die in ihrem familiären Umfeld bewusst erleben, das sie auch dort Dinge möglich machen, ermutigen und im weiteren Sinn als Coach agieren, heben für sich Ressourcen, die sie als Führungskraft einsetzen und weiter ausbauen können.

Aufmerksame Eltern können ihre Kinder als grundlegende wertvolle „Sparringspartner“ erleben: Auch für die Entdeckung, Entwicklung und das authentische und somit stimmige Leben ihrer Führungsqualitäten als Chefs im Unternehmen.


Stephanie Robben-Beyer ist Business Coach mit dem Spezialgebiet „Empathische Kommunikation“ Weitere Informationen: www.dr-robben-coaching.de