InterviewWas Karl-Theodor zu Guttenberg nachts wach hält

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Was bedeutet für Sie Erfolg heute und was glauben Sie, wird sich in der Zukunft an den Bestandteilen Ihres Erfolgs ändern?

Erfolg wird klassisch – ob man es mag oder nicht – an Zahlen gemessen. Erfolg wird aber auch an Perspektive gemessen. Und da gibt es schon einen Unterschied. Erfolg bemisst sich in dieser Hinsicht daran, ob Sie wirklich einen Zukunftsbeitrag leisten – nicht nur ihr Unternehmen, sondern auch die Mitarbeiter. Die Gesellschaft muss natürlich in der Lage oder willens sein, die Kommunikation entsprechend zu führen. Das ist nicht ohne Risiko, weil sie immer wieder daran gemessen werden, wie hoch Ihre Ziele waren. Da lohnt sich auch wiederum der Blick zu den Technologie- und Digitalunternehmen und nicht nur zu den Kolossen. Die Bereitschaft dort ein Risiko einzugehen ist bei weitem höher, was oft auch daran liegt, dass die großen Konzerne mit obszön vielen Mitteln unterfüttert sind und diese sogenannten Moonshots wagen können. Damit schaffen sie einen Identifikationsgrad der gekoppelt ist an Ziele, die viele Menschen mehr interessieren als die Ziele, die sich ein deutscher Finanzdienstleister oder ein traditionelles Automobilunternehmen setzen. Solche Ziele könnten dann sein: Wir wollen das Leben der Menschen verlängern, wir wollen für Menschen die Möglichkeit schaffen, außerhalb der Erde zu leben. Man kann diese Leute natürlich als verrückt bezeichnen, aber aus solchen Ideen erwachsen Schritte, die durch Zögern und Zaghaftigkeit nicht zustande gekommen wären. Anderen Unternehmen fehlen offensichtlich die Bereitschaft oder der Wille zu sagen: Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass die nächste Generation uns als ein hoch interessantes Unternehmen wahrnimmt! Ich glaube, dass dieser Reputationsaspekt in der Zukunft viel wichtiger wird.

Was war einer Ihrer größten Fehler in der Vergangenheit und wie haben Sie daraus gelernt bzw. Ihr Handeln verändert?

Sicherlich Selbstüberschätzung und zumindest im politischen Leben zu wenig zu delegieren und zu viel an sich zu ziehen. Daraus hart lernen zu dürfen, ist eine zumindest heilsame Erfahrung gewesen.

Was für Risiken und Chancen sehen Sie in der aktuellen Flüchtlingsproblematik?

Die Risiken sind zahlreich beschrieben. Eine Chance wäre, dass wir in Deutschland eine gewisse Arbeitskraftnachfrage befriedigen können – das gelingt aber nur, wenn wir das Problem der Integration bewältigen. Sie können am Arbeitsplatz nur bedingt jemanden integrieren, wenn sie gleichzeitig die gesellschaftliche Integration nicht hinbekommen. Nicht wenige der knappen Million Menschen, die gekommen sind, werden bleiben. Das wird noch eine enorm komplexe Aufgabe. Jede Kultur kann durch eine andere enorm bereichert werden, aber die eigene sollte nicht aufgegeben werden. Und das sind Spannungsfelder, die in meinen Augen noch nicht wirklich einer Lösung zugeführt sind.

Wie wird sich die politische Entwicklung in Sachen USA, Russland etc. auf die globale Marktwirtschaft und Unternehmen auswirken?

Too early to tell! Das ist noch nicht erkennbar zum jetzigen Zeitpunkt. Die Trump-Administration eiert und wackelt von einer konträren Ansicht zur anderen, was Russland betrifft. Das wird nicht zwingend besser und es macht das Leben in Europa nicht leichter, das zwischen diesen beiden Interessenfeldern natürlich immer wieder einen Konflikt sieht.

Welche Veränderungen erwarten Sie insgesamt in der Zukunft in der politischen Arena?

Die Gegenwart der Politik ist schon eine nacheilende und eine, die angesichts der Geschwindigkeit der heutigen Entwicklungen kaum mithält. Ich komme zurück zu den neuen Technologien: Mittlerweile lebt man wieder auf zwei komplett unterschiedlichen Planeten und teilweise sind das dann regulatorische Panikreaktionen aus der Politik –  oft Jahre nachdem bestimmte Entwicklungen eingetreten und schon wieder weiter fortgeschritten sind. Deswegen ist die Rolle der Politik derzeit mit Blick auf wirtschaftliche Entwicklungen nicht nur eine konstruktive, produktive, sondern eine rein reaktive. Kann und wird man das ändern können? Ich halte es nicht für ausgeschlossen, aber es bedarf in der Politik wirklich eines fundamentalen Umdenkens und höherer Kompetenz auf Wirtschafts- und Technologieebene.