KolumneWarum sich Deutschland Homeoffice gar nicht leisten kann

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Kein Anfang des Innovationsmanagements

Ich weiß nicht genau, wer sich den Begriff „Innovationsmanagement“ hat einfallen lassen und in die Management-Lehre getragen hat. Ich vermute aber, dass sie oder er noch nie im Leben selber eine Idee gehabt hat. Denn Innovationen lassen sich nicht managen.

Innovationen entstehen in einem komplexen sozialen Prozess: Ein Kollege wirft eine erste schmutzige Idee in die Runde, ein anderer nimmt sie auf, verändert sie, spielt sie zurück – und ein dritter verwirft das alles und kommt mit einer ganz neuen Idee. Innovation ist ein Resonanzphänomen.

Sie können in diesem Vorgang zwar (ohne Garantie auf Erfolg) intervenieren – managen, sprich planen, Umsetzung einfordern und kontrollieren, können Sie ihn nicht.

Und diesem komplexen Geschehen entziehen Sie eine wesentliche Basis, wenn in Ihrem Unternehmen Homeoffice zum Normalfall wird.

Das Ende der Innovation

Klar, kann die bestehende Hinterbühne auch unter solchen Bedingungen notdürftig aufrechterhalten werden: Schließlich können Sie nach einem Zoom-Meeting bei Ihrem Kollegen anrufen und Ihre Idee weiterspinnen. Oder sich halt eben doch mal wieder auf einen Kaffee verabreden. Aber tun Sie das dann auch wirklich? Die Hürde ist schon ganz schön hoch.

Was definitiv ganz entfällt, sind alle spontanen Treffen: die zufälligen Begegnungen in der Küche oder im Fahrstuhl, der Austausch im Vorbeigehen, das verstohlene Zwinkern beim Verlassen des Meetings.

Ja, es gibt genügend Mitarbeiter, die im Homeoffice auch das gute Gefühl vermissen, das sie haben, wenn sie mit ihren vielen Kollegen zum Plausch zusammenfinden können. Diese Menschen sind wahrscheinlich etwas weniger misanthropisch veranlagt als ich. Ich bin definitiv nicht einer, der sich danach sehnt, endlich wieder viele Menschen um sich herum zu haben. Aber um dieses gute Gefühl geht es auch gar nicht: Es geht ganz knallhart um einen höchst relevanten Teil Wertschöpfung.

Denn Innovation ist etwas Soziales. Und das Soziale passiert nun mal auf der Hinterbühne eines Unternehmens – oder gar nicht.

Unfreiwillige Geburtenkontrolle

Noch ein letztes, in unser aller Zukunft reichendes Argument gegen Homeoffice möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Ich habe gelesen, dass mit dem Homeoffice der Partnermarkt in den Unternehmen massiv eingebrochen ist. Bisher – so die Aussage – habe jeder vierte bis fünfte seinen Lebenspartner innerhalb des eigenen Unternehmens gefunden. Es drohe eine Vermehrung der Singles. Mit fatalen Folgen. Denn bei uns in Deutschland ist die Geburtenrate eh schon so niedrig. Wollen Sie wirklich wissentlich in Ihrer Firma dazu beitragen, dass sie noch niedriger wird?

 


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem aktuellen Buch „Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden“ stellt er den Krisen in unserem Land Ideen von Selbstorganisation und Eigenverantwortung entgegen.