KolumneWarum Krisen nicht gerecht sind

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Natürlich könnten Sie einwenden, dass die nicht-innovativen Firmen in diesen Märkten schon immer die schlechteren Karten hatten. Bisher aber konnten diese sich von ihren kleineren Kuchenstücken ausreichend gut ernähren: Ihre Strategie, sich den ganzen innovativen Spielereien zu verwehren und stattdessen darauf zu fokussieren, ihre Kosten niedrig zu halten, ging lange Zeit auf. Doch in der aktuellen Situation fallen für sie keine Kuchenstücke, ja noch nicht einmal mehr Brösel ab.

Ich denke, ich hänge mich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Einige oder sogar viele dieser Unternehmen werden gerade zu echten Verlierern …

Heute schon Druck gemacht?

Viele der so betroffenen Firmen schieben ihre Situation auf den gestiegenen Marktdruck, ausgelöst durch die Krise. Das klingt so, als sei es der Markt, der drückt. Das ist natürlich Unsinn, denn der Markt ist ja kein Akteur, er kann gar nicht drücken. Akteure sind die Anbieter und die Kunden.

Wobei auch die Kunden nicht die sind, die drücken. Kunden tun – wie der Name schon sagt – nur etwas kund. Das, was sie kundtun, ist das, was der Wettbewerber gerade macht.

Ein Beispiel: Wenn Sie vor 15 Jahren in einem Café einen Cappuccino bestellt und um das WLAN-Passwort gebeten hätten, hätte der Gastwirt wahrscheinlich nur die Stirn gerunzelt und mehr oder weniger freundlich gefragt: „Was soll das? Wollen Sie nun einen Cappuccino oder nicht?“ Und Sie hätten sich vielleicht ein bisschen geschämt, einen solchen Wunsch überhaupt geäußert zu haben.

Wenn Sie das gleiche heute fragen, läuft der Wirt höchstens knallrot an und gesteht: „Wir haben gar keines.“ Ihm ist sehr wohl bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass Sie kehrt machen und ins Café nebenan gehen.

Was ich sagen will: Ein Unternehmer muss nicht deshalb etwas anbieten, weil seine Kunden es wollen. Das muss er erst tun, wenn die Wettbewerber es anbieten: Der Marktdruck stammt von den Wettbewerbern.

Das war schon immer so. Der Unterschied heute ist nur: Der Druck, den die Firmen mit den geglückten Innovationen auf alle anderen ausüben, ist besonders radikal. Er ist so hoch, dass er den anderen Anbietern an die Existenz geht.

Deshalb liegt eine Frage für alle Unternehmensverantwortlichen aktuell besonders nahe: Wie kann auch uns eine Innovation glücken?

„salud“ statt Rezept

In solchen Phasen haben Rezepte Hochkonjunktur: Diese entstehen so, dass ein Beobachter beschreibt, wie die Firmen, denen Innovationen geglückt sind, das angestellt haben. Und alle anderen versuchen, das Rezept nachzukochen, in der Hoffnung, dass sie damit ebenfalls eine Innovation erzeugen. Was aber in den seltensten Fällen glückt.

Die Ursache: Der Nukleus einer Innovation ist eine Idee. Und Ideen entstehen nicht aufgrund einer Methode, sondern durch Menschen, die sich von einer Situation positiv provozieren lassen.

Wenn ich Ihnen also etwas raten darf: Setzen Sie Ihre Hoffnung nicht auf irgendwelche Methoden, auch wenn diese Ihnen noch so vollmundig angepriesen werden. Suchen Sie stattdessen nach den Menschen in Ihrem Unternehmen, die Ideen haben. Geben Sie denen den nötigen Freiraum und verschonen Sie sie davor, ihre Idee verargumentieren zu müssen. Für Ideen gibt es nämlich immer nur nachher gute Argumente, vorher ist eine Idee nur ein Gefühl.

Zu keiner Zeit war es leichter, sich mit einer Innovation auf die Gewinnerseite zu katapultieren. Und zu keiner so bitter nötig.

Da ich ein unverbesserlicher Optimist bin, habe ich für morgen früh folgenden Plan: Selbst wenn ich nicht so der Stehlampen-Fan bin, werde ich nach dem Bad im Meer nach einem freien Tisch auf dem großen Platz Ausschau halten. Und wenn ich einen ergattere, hebe ich dort eine Tasse feinsten spanischen Kaffees zu einem ¡salud! auf diese Hoch-Zeit für Innovationen. Darf ich für Sie mit prosten?

 


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem aktuellen Buch „Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden“ stellt er den Krisen in unserem Land Ideen von Selbstorganisation und Eigenverantwortung entgegen.