GastbeitragWarum Chefs ihre eigenen Kritiker schätzen sollten

Symbolbild: Gespräch mit Mitarbeiterdpa

#1 Kritiker haben das Unternehmenswohl im Blick

Wer viel schafft, aktiv und produktiv ist und sich reibungslos als Ja-Sager in das System Unternehmen einfügt, gilt bei vielen Chefs als guter Mitarbeiter. Kritiker sind dagegen unbequem. Sie ecken an, ziehen womöglich noch die Kompetenz von Führungskräften in Zweifel, kratzen damit an deren Ego und stiften überhaupt reichlich Unruhe im Unternehmen. Wie unnötig, wie selbstsüchtig! Doch halt: Meist geht es diesen Kritikern gar nicht um ihren eigenen Vorteil, sondern vor allem um das Wohl des Unternehmens. Konstruktive Kritiker erkennen Missstände, benennen Fehlentwicklungen und raten dazu, rechtzeitig einzulenken oder neue Wege einzuschlagen.

Das Feedback dieser unbequemen Mitarbeiter ist für Unternehmen unschätzbar wertvoll und setzt bisweilen notwendige Veränderungen erst in Gang. Die notorischen Ja-Sager, immer noch die Lieblinge der meisten Chefs, sind dagegen in der Regel vornehmlich in eigener Sache unterwegs. Sie wollen ihren Status und ihren weiteren Aufstieg nicht gefährden. Aus Angst, den Unmut von Unternehmenslenkern auf sich zu ziehen, schweigen sie selbst bei offensichtlichen Fehlurteilen dieser – wie die Untergebenen in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Hier traut sich erst ein Kind, die Wahrheit auszusprechen, dass der Kaiser in Wirklichkeit keine Kleider anhat.

#2 Kritiker sind schonungslos ehrlich

Mutige Mitarbeiter, die auf Fehler aufmerksam machen und Ideen für positive Veränderungen haben, bringen Unternehmen voran – nicht die Ja-Sager. Vorgesetzte sollten daher dankbar sein, wenn die eigenen Mitarbeiter ihnen helfen, Missstände zu erkennen oder rechtzeitig die Weichen neu zu stellen. Doch in der Realität gilt oft immer noch: Bloß nicht den Chef kritisieren! Schuld daran sind eitle und kritikunfähige Führungskräfte, die konstruktivem Feedback im Wege stehen und so den Erfolg von Unternehmen gefährden.

In den eigenen Leitlinien heißt es zwar oft, Vorgesetzte seien offen für Rückmeldungen und kritisches Feedback. Doch legt ein Mitarbeiter tatsächlich einmal den Finger in die Wunde, muss er befürchten, den Unmut seines Chefs auf sich zu ziehen und berufliche Konsequenzen zu erfahren. Vorgesetzte sitzen bekanntlich am längeren Hebel. Die gängigen Bewertungsportale im Internet sind voll mit Kommentaren frustrierter Ex-Mitarbeiter, denen ein in seiner Eitelkeit gekränkter Chef den Garaus gemacht hat. Entsprechend hoch sind die Hemmschwellen für Mitarbeiter, als Kritiker im Unternehmen gegen den Strom zu schwimmen.

Klarheit und ehrliche Worte sind im Zweifel aber für das Unternehmen wichtiger als vermeintliche Harmonie. Denn Vorgesetzte sollten nicht vergessen: In der Regel wissen ihre Mitarbeiter besser über einzelne Belange in den Abteilungen Bescheid. Sie sehen eher, wo der Schuh drückt, was falsch läuft. Warum also nicht die Ideen und Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter nutzen, damit es dem Unternehmen besser geht? Chefs sollten den Mut von Kritikern schätzen, die sich selbst angreifbar machen, weil für sie das Wohl des Unternehmens an erster Stelle steht.