KolumneWarum Brandbriefe in die Irre führen

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Wer will den Brand?

Die scheinbare Lösung lautet dann: Leitbilder! In Workshops, Kick-offs und Coachings können Sie Ihre Leute ganz einfach und in zigfacher Ausführung wichtige Leitbilder aufmalen und das gewünschte Verhalten in Trainings operationalisieren lassen. Dann wird schon alles besser werden.

Und wenn es nicht besser wird, tja, dann wird dasselbe im nächsten Jahr nochmal gemacht. Aber dieses Mal müssen alle auf dem Flipchart unterschreiben, um dem ganzen Spektakel ein bisschen mehr Wichtigkeit zu verleihen.

Im nächsten Jahr hängen Sie das Leitbild zusätzlich im Flur auf.
Im übernächsten Jahr kommt es gerahmt über den Empfang.
… und trotzdem wird’s nix.

Ja – wollen Ihre Leute denn nicht?! Da kommt doch fast schon Verständnis für Herrn Lutz und seine poetischen Freunde auf. Da muss der Brandbrief ja quasi sein, um mal wieder alle Beteiligten wachzurütteln!

Moment, Sie vergessen einen wichtigen Faktor: Die Empfänger des avisierten Brandbriefs, die wollen alle! Sicherlich gibt es in jedem Unternehmen die Handvoll Pappenheimer, die keine Lust auf nichts hat, aber die sind Ihnen ohnehin bekannt und denen brauchen Sie auch keinen Brief schreiben.

Alle anderen – dabei bleibe ich – wollen.

Im Umkehrschluss heißt das: Denen müssen Sie keinen Brandbrief schreiben. Sondern für sie gilt es, die Strukturen zu ändern.

Poesie mit Struktur

Denn Menschen agieren in Kontexten. Dementsprechend sind sie sich auch der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst – die Mitarbeiter der Deutschen Bahn beispielsweise lesen ja auch Zeitung und wissen, dass ihre Züge unpünktlich fahren. So wie die Mitarbeiter der Deutschen Bank wissen, dass sie besser nicht den Kopf hängen lassen und „liefern müssen“, Herr Sewing.

Der Fokus von Richard Lutz & Co. sollte also nicht darauf liegen, eine Dringlichkeit aufzubauen und sie allen ihren Mitarbeitern unter die Nase zu reiben. Lieber lassen sie das Briefeschreiben – und schauen stattdessen, wie sie ihre Organisationen leistungsfähiger strukturieren können. Und wie sie die Kontexte, die sie anbieten, endlich aus dem gedanklichen und organisatorischen Industriezeitalter herausholen.