Business as usualVorsicht Stress-Falle!

Symbolbild StressGetty Images

Christian ist ein ruhiger und sehr gewissenhafter Typ Mitte 30. Trotz sehr guter Angebote großer Kanzleien hat er sich vor sechs Jahren gegen die Juristerei und für die Beratung entschieden und das auch nie bereut. Zuletzt hat er ein großes Innovationsprojekt geleitet. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen und wurde mit einem Angebot des Kunden belohnt. Christian hat nicht lange gezögert und das Strategieteam mit fünf Mitarbeitern übernommen.

Die neue Capital
Die neue Capital

Als wir uns ein paar Monate später wiedersahen, erkannte ich ihn kaum noch. Von dem selbstbewussten, souveränen Berater war nicht mehr viel übrig: eine müde Erscheinung mit tiefen Schatten unter den Augen. Der Job mache „eigentlich“ Spaß, das Team sei nett, die Themen interessant, und doch sei er total fertig. Warum? Er habe Angst, Fehler zu machen, sagte er. Er tue sich mit jeder Art von Entscheidung schwer. Vorlagen seines Teams seien oft nicht vollständig zu Ende gedacht – und so kompensiere er die Mängel, indem er häufig bis spät in die Nacht arbeite. Ab morgens um fünf plagten ihn die Themen dann erneut.

Eine Abwärtsspirale, die gar nicht so leicht zu durchbrechen war. Wir haben im ersten Schritt analysiert, wie Christian genau arbeitet. Er nimmt sich Zeit, um einen Sachverhalt und das daraus resultierende Problem zu verstehen. Er arbeitet sich durch das notwendige Material und beleuchtet mögliche Optionen. Dann wägt er Argumente sorgfältig gegeneinander ab und baut daraus eine Entscheidungsempfehlung. Welche Entscheidung wünscht sich nicht solch eine Vorbereitung!

Er musste lernen, inhaltlich loszulassen

Bloß war dieses Maß in seiner neuen Rolle nicht zu halten. Weder für ihn noch für seine Mitarbeiter, für die diese Form der Zusammenarbeit maximal frustrierend war. Also haben wir zunächst einmal festgehalten, wie eine Vorlage für Christian mindestens aussehen muss, damit seine eigene Stressfalle nicht zuschnappt – und Christian hat daraus ein Training für seine Mitarbeiter entwickelt: Hat ihnen erläutert, wie er denkt, wie er arbeitet und welche formellen Anforderungen er wiederum an ihre Arbeit hat. Das hat beiden Seiten sehr geholfen. Der wichtigste Schritt für ihn war jedoch zu lernen, inhaltlich loszulassen. Und seine Zeit nur noch damit zu verbringen, Fragen zu stellen, statt selber an den Antworten zu feilen.

Die meisten von uns reagieren in Situationen, in denen sie überfordert sind, genau wie Christian: Sie tun das, was sie am besten können – aber nicht das, was die Situation erfordert. Gerade, wer in einem neuen Job neue Aufgaben bekommt, läuft schnell in diese Falle.

Christian sagt heute, dass der Schritt hinaus aus dieser Falle der schwerste in seiner beruflichen Entwicklung gewesen sei. Aber auch der, der ihn heute zu einem stolzen Chef macht – mit einem fachlich exzellenten Team, das ihn nachts ruhig schlafen lässt.