KolumneÜber die Freiheit zur Innovation

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Freiheit bedeutet reales Experiment

Angstfreiheit im Kopf allein reicht natürlich nicht. Innovationen brauchen buchstäblich Raum und Zeit für Experimente. Moderne Methoden wie das Design Thinking nennen das „Prototypen bauen“. Prototypen sind nichts anderes als zu Material und Form geronnene Ideen in einem frühen Stadium. Befragt man erfolgreiche innovatorische Unternehmen, heißt es immer wieder: Unser Unternehmen gab uns Zeit, Räume und Budget. Ob diese Räume nun „Lab“ oder „Spin-Off“ heißen, ist egal. Es mag banal klingen, aber nicht wenige Unternehmen strangulieren ihre Innovatoren, indem sie ihnen eben wenig Zeit, kein Budget und kleine Räume geben. Wer einmal versucht hat, in einem fensterlosen, stickigen Raum ein „Creative Meeting“ abzuhalten, kennt das Problem. Und dieses ist eben nicht punktuell, sondern strukturell: Es fehlt die Freiheit, das Vertrauen, der weite Atem. Alles liegt unter einer kleingeistigen Decke der finanziellen Verlustangst.

Fragt sich denn niemand, warum Menschen, die in ihrer Freizeit neugierig sind, Risiken eingehen und kreative Lösungen finden, am Arbeitsplatz auffallend oft den Kopf einziehen, Dienst nach Vorschrift machen und jede Idee vermissen lassen? Die strukturelle Kultur des operativen Klein-Klein und ein schlechter Ruf des Begriffs „Experiment“ lassen jede innovatorische Tätigkeit implodieren, bevor sie begonnen hat.

Freiheit bedeutet Kooperation

Die Zeiten des einsamen Genies, das in seinem Kabuff sitzt und nach einer langen Phase des Brütens „Heureka“ ruft, sind vorbei. Ideen und Innovationen entstehen heute im Team, durch gemeinsam Erfinden, Beurteilen, Verbessern. Das ist nicht nur sachdienlich, sondern unterstützt den evolutionären Trieb des Menschen zur Kooperation.  Denn im Gegensatz zu veralteten Theorien und Ideen ist der Mensch dem Menschen eben nicht (nur) ein Wolf. Die moderne Psychologie weiß, dass Menschen nicht nur Konkurrenz-, sondern auch Kooperationsverhalten als belohnend, ja beglückend empfinden können. Daher liegt der letzte wichtige Impuls zur Innovation in einer starken Vernetzung der Mitarbeiter im Unternehmen. Erhöhen Sie die intellektuelle und innovatorische Reibungsfläche! Schaffen Sie Foren zum Austausch, zur Präsentation von Ideen! Schaffen Sie Strukturen zum kollektiven Lernen!

Aber das funktioniert nur, wenn eine weitgehend angstfreie Kultur herrscht. In der Vernetzung liegt gleichzeitig eine große Chance und eine große Gefahr: Austausch verstärkt die dominante Kultur – im Guten wie im Schlechten. Besteht der kulturelle Beitrag der Führungskräfte zu einem Gutteil aus Angst und deren Produktion, wird das Innovation lähmen. Haben Führungskräfte hingegen „Freiheit im Kopf“, fällt es ihnen leichter, Freiheit bei ihren Mitarbeitern zuzulassen. So entsteht eine innovatorische Spirale: Freiheit führt zu Mut, Mut führt zu vielfältigeren Ideen, ein größeres Ideenspektrum mit höherer Wahrscheinlichkeit zur bahnbrechenden Innovation.

Innovation beginnt somit nicht an der Werkbank, nicht einmal im Kopf des Mitarbeiters. Innovation beginnt im Kopf der Führungskraft, bei ihrer Sehnsucht nach Freiheit. Denn nur wer sich nach der Lösung auf der anderen Seite der Mauer sehnt, kann diese durchbrechen.