ThemaDas Tönnies-Drama

Jahrelang Seite an Seite: Robert Tönnies (l.) und sein Anwalt Mark Binz
Jahrelang Seite an Seite: Robert Tönnies (l.) und sein Anwalt Mark Binz
© Heinrich Holtgreve

Die flache Hand saust mit einem lauten Knall auf das Holzpult im Bielefelder Landgericht. Das Gesicht rot vor Zorn, die Halsadern dick. „Das kann nicht sein!“, ruft Clemens Tönnies wieder und wieder. Seine Stimme wird lauter und lauter. „Robert Tönnies, bist du verrückt geworden?“, brüllt er seinem Neffen quer durch den Saal zu. Dann schleudert er dessen Anwälten entgegen: „Was Sie mit dem Jungen machen, ist hanebüchen!“

Jetzt haut Mark Binz auf den Tisch. „Was soll das heißen?“, empört sich der Anwalt des Neffen. Und auch Robert Tönnies platzt der Kragen, vor Wut schlägt er gegen das Mikrofon. Er habe zig Beispiele, warum er seinem Onkel heute misstraue: die privaten Geschäfte, die Stiftungen in Liechtenstein, dessen Rechtsstreit mit seiner Mutter. „Ich könnte da wochenlang drüber sprechen“, donnert er. Nach einer kurzen Pause schiebt er hinterher: „Und meine Anwälte beeinflussen mich auch nicht.“

Bahlsen, Dussmann, Riegel und Oetker

Seit fast drei Jahren bekämpfen sich Neffe und Onkel nun vor mehreren Gerichten, in einem halben Dutzend Prozessen. Es geht um die Macht in einem der größten Fleischkonzerne Europas. 5,6 Mrd. Euro Umsatz. 8 000 Mitarbeiter. Und es geht um eine Familie, die am Streit zerbrochen ist. So wie die Bahlsens, Dussmanns, Riegels und Oetkers.

Eine Einigung scheint fast unmöglich, seit die Familientreffen bei Tönnies vor Gericht stattfinden. Zu groß ist die Wut über den anderen.

Dabei brüstet sich der Mann mit dem weißen Schopf, der an jedem Prozesstag in seiner schwarzen Robe neben Robert sitzt, damit, ein Friedensstifter zu sein. Mark Binz sieht sich selbst als Spezialist für die Bereinigung von Konflikten in Unternehmerdynastien und reichen Clans. Er freue sich, „wenn sich Familienmitglieder oft Jahre später bei mir dafür bedanken, dass meine Arbeit geholfen habe, den Familienfrieden wiederherzustellen und das Unternehmen zu erhalten“, hat er einmal in einem Interview erzählt.

Sollten sich die verfeindeten Tönnies-Lager doch noch einigen, Mark Binz könnte das nicht als seinen Erfolg verbuchen. Wie die in Bielefeld erscheinende Neue Westfälische am Wochenende berichtete, soll sich Robert Tönnies von seinem Anwalt getrennt haben. Für Einigungsgespräche unter Leitung eines Mediators hatte Robert Tönnies bereits die Kanzlei Taylor-Wessing (Düsseldorf) beauftragt. Für die prozessuale Vertretung setzt er nun auf die US-Kanzlei Latham & Watkins. In gesellschaftsrechtlichen Angelegenheiten lässt Robert Tönnies sich künftig von der Düsseldorfer Kanzlei Rellermeyer + Partner vertreten.

Ein Schlag für den erfolgsverwöhnten Stuttgarter Anwalt, der dafür bekannt ist, tief in die Trickkiste zu greifen, um Druck auf die Gegenseite aufzubauen. Capital hatte bereits im Mai vergangenen Jahres das Geschäftsmodell des Anwalts genauer unter die Lupe genommen.

Mehr als 300 große Fälle

Tatsächlich ist seine Stuttgarter Kanzlei selten weit weg, wenn es in großen deutschen Familienunternehmen kracht. Im Streit bei Haribo hat er mitgemischt. Und auch bei Voith, Breuninger, Electronic Partner (EP) und Heitkamp&Thumann. Als 2010 eine Fehde in der Verlegerfamilie Neven DuMont begann, bot Binz dem Sohn des Patriarchen sogleich seine Dienste an – obwohl er selbst bis Ende 2008 im Aufsichtsrat des Medienkonzerns gesessen hatte. Konstantin Neven DuMont lehnte ab.

Mehr als 300 große Fälle habe er in den vergangenen 30 Jahren betreut, sagt Binz – „mit einer Erfolgsquote von mehr als 90 Prozent“. Reinhold Würth hat er dabei beraten, aus seinem Schraubenimperium eine Stiftung zu machen. Fielmann und Boss begleitete er bei ihren Börsengängen. Nach eigenen Angaben ist die Nachfrage so groß, dass seine Kanzlei eine Warteliste führen muss.

Allerdings haben die Einigungen, die Binz vermittelt, oft einen Preis – in jeder Hinsicht: für die Familien, weil Binz wie kaum ein Zweiter die Klaviatur der Eskalation beherrscht. Damit rühmt er sich immer wieder. Und auch für seine Mandanten: Denn je länger der Streit dauert, desto lukrativer wird es für Binz.

Capital hat Binz schriftlich um Stellungnahme zu seinen Methoden und seinem Geschäftsmodell gebeten. Doch statt zu antworten, schaltete er einen Medienanwalt ein.

Lästige Gesellschafter

Binz gilt nicht nur als einer der bekanntesten deutschen Anwälte, seit er 2000 mit einer Strafanzeige den Mannesmann-Prozess gegen Josef Ackermann und Klaus Esser ins Rollen brachte. Sondern auch als einer der bestbezahlten. Und jetzt ist also Tönnies dran. Der Fall sollte sein Meisterstück werden.

Seine Strategie für Familienfehden hat Binz im Herbst 2011 im „Unternehmermagazin“ offen beschrieben. Der Beitrag mit dem Titel „Lästige Gesellschafter in Familienunternehmen: Opfer und Täter“ wirkt wie ein Drehbuch, wie eine Anleitung zur Kriegsführung. Sein Text will nicht so recht passen zum Image des auf Ausgleich bedachten Vermittlers, das Binz behutsam pflegt. Und er weist frappierende Parallelen zu seinem Vorgehen im Fall Tönnies auf – Punkt für Punkt:

„Geradezu klassisch ist die Kombination zweier Neffen mit Onkel. (…) Für eine gemeinsame ­Unternehmenspolitik fehlt es an wechselseitiger Wertschätzung und ­Vertrauen“ *