GastbeitragSchwedens Innovationskultur? Arschbombe und Ungehorsam

Wo wir noch zögerlich am Rand umher tippeln kracht der Skandinavier mit einer Arschbombe durchs Eis#visittampere by Touko Hujanen

„Und? Wie war der Mathetest?“, frage ich meine Tochter vorsichtig (6. Klasse, schwedische kommunale Grundschule in einem Stockholmer Vorort). „Keine Ahnung“, so die lässige Antwort aus dem Nebenzimmer. „Sind nicht alle fertig geworden. Wir schreiben morgen weiter.“

Kontrolle ade, scheiden tut nicht weh! Denn Eigenmotivation, Leidenschaft und Neugierde behält man am besten ohne Druck. Und damit fährt Schweden gut. Sie sind wirtschaftlich stabil, führen den Europäischen Innovationsanzeiger an und wurden vom Weltwirtschaftsforum 2017 zum besten Land in quasi allem ausgerufen. Darüber hinaus gehört es zu den glücklichsten Ländern der Welt. Im Weltglücksbericht 2019 (World Happiness Report) liegen sie mit dem siebten Platz ganze zehn Plätze vor uns. Verflixt! Wie machen sie das nur?

Im Ducken und Verrenken charmant ungeübt

„Die Zunge welkt, wenn man sie nicht benutzt“, so sagte schon Astrid Lindgren und so lernen es schon die Schwedenkinder. Noten gibt es erst ab der sechsten Klasse, Entwicklungsgespräche hingegen bereits in der Ersten. Denn es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um deine eigene Meinung. Kleine und große Menschen sollen sich frei entwickeln können.

„Sei du!“, lautet der Kernwert der schwedischen Hotelkette Scandic. „Sei du!“, ist der Kernwert des Nordens. Was erhalten wir dadurch? Selbstbewusste Menschen, die nicht einfach irgendetwas tun, sondern nachfragen, sich einbringen und mitdenken und so unsere Welt mit ihren Ideen bereichern. Und das tun sie nicht nur, dass sollen Sie auch explizit.

Denn Menschen die Mitdenken sind die beste Rückversicherung für ein Unternehmen. Mitarbeiter arbeiten schließlich mit, nicht nur für. Deshalb ist es explizit erwünscht, dass jeder den Mund aufmacht und auch den Chef darauf hinweist, dass eine Entscheidung wirklich nicht die beste war oder im schlimmsten Fall verheerende Folgen haben kann. Die deutsche Automobilindustrie hätte sicherlich Milliarden sparen können, wenn nur einer gewagt hätte den Einbau von Manipulationssoftware in Dieselfahrzeuge lauthals infrage zu stellen.

Innovationskultur entsteht aus Vielfalt

Wer nie so recht gelernt hat, seine Gedanken und sein Handeln taktisch an einer Note 1 auszurichten, der entwickelt sich facettenreicher. Und das ist gut so, denn nur einzigartige Menschen können schließlich einzigartige Beiträge liefern. Nur mit Stürmern gewinnt man kein Fußballspiel. Neues entsteht durch Vielfalt. Und das ist die Basis für Kreativität und eine starke Innovationskultur.

Schweden müssen nicht lernen „out of the box“ zu denken. Sie waren nie in dieser Box. „Wir wissen noch nicht mal, wo diese Box ist“, wie mir Ola Bergström (Universität von Göteborg) erklärte. Schweden schreiben halt morgen einfach weiter. Wer langsam denkt und schreibt, ist ja nicht dümmer, sondern im Zweifel sogar pfiffiger. Schulen wie Unternehmen formen sich tendenziell um die Eigenarten der Menschen herum. Sie wirken dadurch zugegebenermaßen nach deutschem Empfinden leicht chaotisch. Ein wenig deutsche Struktur stünde da auch den Schweden gut zu Gesicht. Jedoch ist der Grundgedanke schlau. Denn durch diese Flexibilität nutzen sie die Energie und die Kraft der Leidenschaft jedes Einzelnen.

Heute scheint die Sonne, heute komme ich später

Öfter mal eine Pause machen und dann gut gelaunt weiter arbeiten. Das ist schwedische Effizienz

Und deshalb folgt die Arbeit auch sehr viel mehr den Menschen, als sie es in Deutschland tut. Warum sich morgens zwei Stunden durch den Stau kämpfen? Weshalb nicht um 14 Uhr zur Ballettaufführung abdüsen? Warum nicht mittags im hauseigenen Fitnessstudio schwitzen oder ein Nickerchen im Schlafraum halten? Und keiner schaut schief, auch nicht die Kollegen. Und schon gar nicht auf die Uhr. Denn Menschen sind weder effizient noch kreativ, wenn sie acht Stunden auf dem Hintern hocken. Menschen sind dann effizient, wenn sie die Energie aus den verschiedenen Lebensbereichen nutzen. „Denn wenn es in deinem Privatleben nicht läuft, läuft es auch nicht im Job“, so Tommy, Inhaber der kleinen Baufirma MTA an der Westküste Schwedens.

Ganz abgesehen davon, dass die Schweden ihren Arbeitgebern für diese Flexibilität extrem dankbar sind. Geben und Nehmen lautet die Devise des Nordens. Und die ist vor allem NICHT vertraglich festgelegt, sondern entspringt einem tiefen Verständnis für das Leben. „Frihet under ansvar“, sagt der Schwede dazu: Freiheit gibt’s nur mit Verantwortung. Wer um 15 Uhr zum Skirennen abzischen darf, der hat auch kein Problem damit, abends seine Mails zu checken – oder am Samstagmorgen auf dem Fußballplatz. Die besten Ideen bekommt man eh beim Sammeln von Beeren in den Schären.

Und wer kontrolliert dann die Rasselbande?

Diese Frage sollten Sie in Schweden unbedingt stellen. Die Reaktion wird köstlich sein und reicht von schallendem Gelächter bis zum „im-Ernst-jetzt?“-Blick. Man kontrolliert sie nicht. Das ist die Essenz. Man hat Vertrauen. Alle skandinavischen Länder, auch Finnland und Island sind sogenannte „high-trust“-Länder. Die gesamte Gesellschaftsstruktur baut auf dem Gedanken auf, dass der Mensch gut ist und nur sein Bestes geben möchte. Mit dem Gedanken können Menschen laufen und Energie fließen lassen.

Deutschland hingegen wird von Angst regiert und setzt eher auf Kontrollmechanismen und Regulierungen, in der Hoffnung damit mangelndes Vertrauen zu kompensieren. Das kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern auch die Leidenschaft der Menschen. So schafft man keine Kultur der Innovationen. Oder Länder der Ideen.

Neu? Geil!

Hausaufgaben, Klassenliste, Post vom Rektor gibt es in Schweden per App. Skandinavier haben nicht nur Vertrauen in andere Menschen, sondern auch in die Zukunft. In einer offiziellen EU Umfrage aus dem Jahre 2017 erklärten zum Beispiel 86 Prozent der Schweden, Globalisierung als eine Chance für wirtschaftliches Wachstum zu sehen. 80 Prozent der Schweden stehen einer kürzlich veröffentlichten Umfrage nach der Europäischen Kommission, Robotern und künstlicher Intelligenz positiv gegenüber. Denn Veränderung ist für Wikinger einfach nur eine Tatsache. Alles wird sich verändern. Die Frage ist nur: wann? Anstatt Neuem mit Skepsis zu begegnen, lautet das Motto deshalb hier: „Erst ausprobieren, dann kritisieren.“ „Erst machen, dann entschuldigen.“ „Erst anfangen, dann verbessern.“

Sie verschicken Hausaufgaben per Schul-App und die Steuererklärung per SMS. Auch alle sonstigen „Briefe“ landen im Smartphone. Sie bezahlen das Brötchen per Kreditkarte und „swishen“ den Eintritt zum Nachbarschaftsfest von Smartphone zu Smartphone. In Schweden gibt es quasi für alles einen Upload. Digitalisierung ist der ständige Begleiter in der Innovation Leaders. Innovative Kulturen gieren nach Zukunft und allem Neuen. Während wir noch am Rand herumtippeln, krachen die Wikinger ganz selbstverständlich mit einer Arschbombe neben uns durchs Eis. Vertrauen und Furchtlosigkeit sind die besten Voraussetzungen für Innovationen.

 


Maike van den Boom verhilft Unternehmen zum Glück. Sie inspiriert als Keynote-Speaker, überzeugt als Skandinavien-Kennerin und begleitet Unternehmen langfristig in eine glückliche, boomende Zukunft. Ihr letztes Buch erschien 2018 bei Fischer-Krüger: „Acht Stunden mehr Glück – warum die Skandinavier glücklicher arbeiten und was wir von ihnen lernen können“. In ihrem Blog schreibt die Bestsellerautorin rund um die Themen Glück in Gesellschaft und  Unternehmen. Maike van den Boom ist Mitorganisatorin des European Bildung Networks und wohnt in Stockholm