GastbeitragSchwedens Innovationskultur? Arschbombe und Ungehorsam

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Heute scheint die Sonne, heute komme ich später

Öfter mal eine Pause machen und dann gut gelaunt weiter arbeiten. Das ist schwedische Effizienz

Und deshalb folgt die Arbeit auch sehr viel mehr den Menschen, als sie es in Deutschland tut. Warum sich morgens zwei Stunden durch den Stau kämpfen? Weshalb nicht um 14 Uhr zur Ballettaufführung abdüsen? Warum nicht mittags im hauseigenen Fitnessstudio schwitzen oder ein Nickerchen im Schlafraum halten? Und keiner schaut schief, auch nicht die Kollegen. Und schon gar nicht auf die Uhr. Denn Menschen sind weder effizient noch kreativ, wenn sie acht Stunden auf dem Hintern hocken. Menschen sind dann effizient, wenn sie die Energie aus den verschiedenen Lebensbereichen nutzen. „Denn wenn es in deinem Privatleben nicht läuft, läuft es auch nicht im Job“, so Tommy, Inhaber der kleinen Baufirma MTA an der Westküste Schwedens.

Ganz abgesehen davon, dass die Schweden ihren Arbeitgebern für diese Flexibilität extrem dankbar sind. Geben und Nehmen lautet die Devise des Nordens. Und die ist vor allem NICHT vertraglich festgelegt, sondern entspringt einem tiefen Verständnis für das Leben. „Frihet under ansvar“, sagt der Schwede dazu: Freiheit gibt’s nur mit Verantwortung. Wer um 15 Uhr zum Skirennen abzischen darf, der hat auch kein Problem damit, abends seine Mails zu checken – oder am Samstagmorgen auf dem Fußballplatz. Die besten Ideen bekommt man eh beim Sammeln von Beeren in den Schären.

Und wer kontrolliert dann die Rasselbande?

Diese Frage sollten Sie in Schweden unbedingt stellen. Die Reaktion wird köstlich sein und reicht von schallendem Gelächter bis zum „im-Ernst-jetzt?“-Blick. Man kontrolliert sie nicht. Das ist die Essenz. Man hat Vertrauen. Alle skandinavischen Länder, auch Finnland und Island sind sogenannte „high-trust“-Länder. Die gesamte Gesellschaftsstruktur baut auf dem Gedanken auf, dass der Mensch gut ist und nur sein Bestes geben möchte. Mit dem Gedanken können Menschen laufen und Energie fließen lassen.

Deutschland hingegen wird von Angst regiert und setzt eher auf Kontrollmechanismen und Regulierungen, in der Hoffnung damit mangelndes Vertrauen zu kompensieren. Das kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern auch die Leidenschaft der Menschen. So schafft man keine Kultur der Innovationen. Oder Länder der Ideen.

Neu? Geil!

Hausaufgaben, Klassenliste, Post vom Rektor gibt es in Schweden per App. Skandinavier haben nicht nur Vertrauen in andere Menschen, sondern auch in die Zukunft. In einer offiziellen EU Umfrage aus dem Jahre 2017 erklärten zum Beispiel 86 Prozent der Schweden, Globalisierung als eine Chance für wirtschaftliches Wachstum zu sehen. 80 Prozent der Schweden stehen einer kürzlich veröffentlichten Umfrage nach der Europäischen Kommission, Robotern und künstlicher Intelligenz positiv gegenüber. Denn Veränderung ist für Wikinger einfach nur eine Tatsache. Alles wird sich verändern. Die Frage ist nur: wann? Anstatt Neuem mit Skepsis zu begegnen, lautet das Motto deshalb hier: „Erst ausprobieren, dann kritisieren.“ „Erst machen, dann entschuldigen.“ „Erst anfangen, dann verbessern.“

Sie verschicken Hausaufgaben per Schul-App und die Steuererklärung per SMS. Auch alle sonstigen „Briefe“ landen im Smartphone. Sie bezahlen das Brötchen per Kreditkarte und „swishen“ den Eintritt zum Nachbarschaftsfest von Smartphone zu Smartphone. In Schweden gibt es quasi für alles einen Upload. Digitalisierung ist der ständige Begleiter in der Innovation Leaders. Innovative Kulturen gieren nach Zukunft und allem Neuen. Während wir noch am Rand herumtippeln, krachen die Wikinger ganz selbstverständlich mit einer Arschbombe neben uns durchs Eis. Vertrauen und Furchtlosigkeit sind die besten Voraussetzungen für Innovationen.

 


Maike van den Boom verhilft Unternehmen zum Glück. Sie inspiriert als Keynote-Speaker, überzeugt als Skandinavien-Kennerin und begleitet Unternehmen langfristig in eine glückliche, boomende Zukunft. Ihr letztes Buch erschien 2018 bei Fischer-Krüger: „Acht Stunden mehr Glück – warum die Skandinavier glücklicher arbeiten und was wir von ihnen lernen können“. In ihrem Blog schreibt die Bestsellerautorin rund um die Themen Glück in Gesellschaft und  Unternehmen. Maike van den Boom ist Mitorganisatorin des European Bildung Networks und wohnt in Stockholm