„Wolf of Wall Street“-Vorbild Wer war der echte Jordan Belfort?

Gibt sich geläutert: Jordan Belfort
Jordan Belfort war der echte Wolf von der Wall Street
© Getty Images
Der Film „Wolf of Wall Street“ erzählt viel über das Leben Jordan Belforts, aber wenig über seine Betrugsmethoden: Pushen, hinhalten, absahnen. Capital erklärt, wie Belfort Anleger über den Tisch zog

Die Drogen, die Prostituierten im Handelssaal, die Partys, die versenkten Yachten: Martin Scorsese hat das Leben des Anlagebetrügers Jordan Belfort verfilmt – und wenn es um die bizarren, hollywoodreifen Details aus Belforts Leben geht, ist der Film „Wolf Of Wall Street“ erstaunlich genau. Fast alles hat sich – laut Belforts Autobiografie – tatsächlich so zugetragen. Bloß, wenn es um die eigentliche Betrügereien geht, bleibt der Film erstaunlich vage. Ständig regnet es Geld im Handelssaal – nur, woher es kommt, erfährt der Zuschauer kaum. Dabei sind die Details seines Komplotts genauso interessant.

Also: Wie hat Belfort Geld ergaunert?

Bevor Jordan Belfort in den späten Achtzigern seine Maklerfirma Stratton Oakmont gründete, hatte er bereits eine Ausbildung zum Zahnarzt abgebrochen und danach eine Weile tiefgekühlte Hummer und Steaks verkauft – allerdings überlebte diese Firma nicht lang. Weil er an der Wall Street mehr Geld witterte, absolvierte er anschließend eine Ausbildung zum Broker, gründete sein neues Unternehmen Stratton Oakmont – und machte es in wenigen Jahren zur größten Brokerfirma in den Vereinigten Staaten. Mehr als 1000 Makler habe er zeitweise beschäftig und mehr als 50 Mio. Dollar pro Jahr gemacht, sagt er selbst.

Kurse manipuliert, Anleger übers Ohr gehauen

Legal war das Geld allerdings nicht verdient. Ronals L. Rubin hat für die amerikanische Börsenaufsicht SEC den Fall Stratton Oakmont untersucht, und nach der Festnahme erklärte Belfort ihm in stundenlangen Verhören, wie Kurse manipuliert und Anleger übers Ohr gehauen wurden. Stratton Oakmont suchte zunächst kleine Firmen für einen Börsengang (Initial Public Offering, IPO). Geschäftsfeld egal, wichtig war vor allem eine vielversprechende Geschichte, die sie ihren Anlegern verkaufen konnten. Tatsächlich wurden die Aktien aber gar nicht öffentlich emittiert – sondern zunächst ausschließlich von Stratton aufgekauft. Eigentlich eine illegale Praxis, weswegen Stratton Strohmänner einsetzte, die die Aktien kauften, um sie dann mit einem geringen Aufschlag an Stratton weiterzugeben.

Schon vorher züchteten die Stratton-Broker ihre Opfer heran: Anleger, denen sie bei zunächst bei ein oder zwei Börsengängen kleine Gewinne ließen. Angefixt und vertrauensselig, wurden sie beim nächsten Börsengang zu großen Investments überredet. Gab es zum Beispiel eine Neuemission mit einen Ausgabepreis von 4 Dollar pro Aktie, wurde ein Investor mit 100.000 Dollar auf dem Konto so lange bearbeitet, bis er – noch vor dem ersten Handelstag – 25.000 Aktien orderte.

Kurz vor dem ersten Handelstag aber riefen die Broker ihre Opfer an, um ihnen mitzuteilen, dass die Aktien so begehrt waren, dass nur ein kleiner Teil der Order tatsächlich für den Ausgabepreis von 4 Dollar abgewickelt werden könne. Dafür aber boten sie an, gleich nach Handelsbeginn den Restbetrag zu investieren. Viele Kunden nahmen das Angebot blind an – weil sie davon ausgingen, dass der Preis ja nicht weit über den 4 Dollar liegen würde. Kunden, die nicht annehmen wollten, wurde so lange bearbeitet, bis sie es doch taten.

Allein dadurch, dass sie ihren Kunden die Vier-Dollar-Aktien wertloser Firmen andrehten, hätte die Broker von Stratton Oakfort ein Vermögen verdienen können. Allerdings, schreibt Rubin, wäre ihnen die Börsenaufsicht bei diesem stumpfen Trick bald auf die Schliche gekommen. Also gaukelte Stratton den Kunden einen funktionierenden Aktienmarkt vor – zumindest für einige Wochen. Der Reibach, den sie so machen konnten, war um einiges größer.

Fingierte Orders trieben Kurse nach oben

Gesetzt den Fall also, dass von den Vier-Dollar-Aktien eine Million Stück emittiert werden sollten – und die Broker ihre Investoren schon davor zu frühzeitigen Aktienbestellungen über insgesamt 12 Mio. Dollar überreden konnten: Um nun den maximalen Gewinn einstreichen zu können, hatte Stratton ein Interesse daran, den Preis der Aktien auf 12 Dollar pro Stück zu treiben, bevor sie sie ihren Kunden verkauften.

Sobald der Börsenhandel mit den Aktien startete, platzierten Belforts Strohmänner Kauforders – unlimitiert, also „zu jedem Preis“. Gleichzeitig verkaufte Stratton Oakmont nach und nach einige Aktien, versah die Orders allerdings jeweils mit einem Limit, um mit jeder Order einen bestimmten Mindestpreis erzielen zu können. Das Limit aber wurde in jeder Verkaufsrunde ein wenig erhöht. Mit anderen Worten: Der Preis der Aktien wurde mit fingierten Orders künstlich nach oben getrieben.

Der Markt registrierte also einen Preisanstieg: 4,25 Dollar; 4,50 Dollar; 4,75 Dollar. Manchmal dauerte es nur Minuten, den Zielpreis zu erreichen – also etwa die 12 Dollar der Beispielrechnung. Erst dann verkaufte Stratton seinen Kunden tatsächlich die Aktien, strich 12 Mio. Dollar ein – und an diesem Punkt begannen dann auch die wilden Parties, die der Film zeigt.

Kunden wurden hingehalten

Hätten die Kunden allerdings versucht, ihre Aktien sofort wieder loszuwerden, wäre der Preis gleich wieder gefallen – weil es ja keine realen Käufer gab, die bereit waren, 12 Dollar für ein Murkspapier zu zahlen. Stratton Oakmont hätte sich verdächtig gemacht. Um den Kurssturz zu verhindern, kaufte Stratton darum nach der Neuemission etwa einen Monat lang die Aktien zum entsprechenden Preis zurück. Weil das aber den Gewinn schmälerte, setzten die Broker alles daran, die Kunden zum Halten der Aktien zu bewegen. Bei Kunden, die sich nicht dazu breitschlagen ließen, gingen dann eben die Verkaufsaufträge zufällig verloren, oder ihre Anrufe wurden einfach ignoriert. Rund 200 Mio. Dollar soll Stratton Oakmont so ergaunert haben, bevor der Betrug aufflog.

Die „Pump and Dump“ genannte Methode, Kurse aufzublähen und Anleger dann auf wertlosen Papieren sitzen zu lassen, hat Belfort zwar nicht erfunden – aber er hat sie mit seinem System perfektioniert. Verschwunden ist „Pump and Dump“ allerdings bis heute nicht. Im Internet-Zeitalter laufen ähnliche Betrugsmaschen etwa über das Versendung von E-Mails mit gefälschten Unternehmensnachrichten. Die Versender der Spam-Mails hoffen, dass Anleger wegen der gefälschten Berichte die Papiere kaufen – nachdem sie selbst sich natürlich schon vorher eingedeckt haben. Der Rest funktioniert ähnlich wie zu Belforts Zeiten: Steigt der Kurs, weil viele Anleger zugreifen, verkaufen die Betrüger ihre Aktien und die Investoren bleiben auf wertlosen Papieren sitzen.

Belforts Firma Stratton Oakmont machte die Börsenaufsicht SEC 1998 dicht, nachdem massenhaft Beschwerden eingegangen waren. Belfort wurde verhaftet und wegen Anlagebetrug und Geldwäsche angeklagt. 2003 verurteilte ihn ein Gericht zu einer vierjährigen Haftstrafe, außerdem musste er die Anleger entschädigen: 110 Mio. Dollar sollte er in einen Fonds für rund 1500 seiner Opfer einzahlen. Tatsächlich allerdings sind erst rund 11 Mio. Dollar geflossen. Aus dem Gefängnis wurde er nach 22 Monaten entlassen.

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