ExklusivFalschgold-Prozess beginnt mit Panne

Die Hauptangeklagten Gerald Saik (in rot) und seine Frau verstecken ihre Gesichter beim Prozessauftakt
Die Hauptangeklagten Gerald Saik (in rot) und seine Frau verstecken ihre Gesichter beim Prozessauftakt
© Jens Brambusch

Wie eine schwere Last scheint das dunkle Holz an der Decke die Luft aus dem Sitzungssaal 806 im Berliner Landgericht zu pressen. Es ist stickig, die Schwüle der Straße bahnt sich ihren Weg durch die zu kleinen Fenster. Der Raum ist überfüllt. Zwölf Strafverteidiger sitzen sich gegenüber, vor ihnen zwei Reihen mit jeweils drei Stühlen, auf denen die sechs Angeklagten hintereinander sitzen, wie in einem Bus. Blick Richtung Richter der 24. Großen Strafkammer.

Das Barockgebäude aus der Kaiserzeit liegt auf der Rückseite der Justizvollzugsanstalt Moabit. Kurze Wege für die zwei Hauptangeklagten, die seit ihrer Festnahme am 2. September 2015 in Untersuchungshaft sitzen: Gerald Saik, der vor zwei Tagen seinen 56. Geburtstag feierte, und seine zwölf Jahre ältere Ehefrau Marion Moldovan-Saik. Mit Schreibblöcken und Ordnern schützen sie ihre Gesichter vor den Fotografen und Kamerateams.

Stoisch und reglos

Ansonsten sitzen sie stoisch auf ihren Plätzen. Er vor ihr. Kein Augenkontakt, fast regungslos. Er in roter Trainingsjacke zu Jeans und blauen, sportlichen Halbschuhen. Sie in einem schwarz-weiß gemusterten dünnen Pullover, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, eine Brille. Ganz Biederfrau. Nicht einmal blicken sie zur Seite, zu den Anwälten und anderen Mitangeklagten, schon gar nicht ins Publikum, wo geprellte Anleger und Anwälte den Prozess verfolgen. Fragen des Richters wie zu den Personalien beantworten sie kurz und knapp.

Ein dritter Angeklagter, ein Steuerberater aus Köln, wurde am 1. April aus der Haft entlassen. Den drei anderen blieb die Untersuchungshaft erspart – unter ihnen ein Berliner Anlegerschutzanwalt. Und jetzt sitzen sie hier im Gericht auf der Anklagebank.

6500 Anleger geprellt

Die Staatsanwaltschaft erhebt den Vorwurf des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs. Die Anklageschrift umfasst 222 Seiten. Capital hatte darüber als erstes berichtet. Zwischen August 2011 und Januar 2015 hatte die BWF-Stiftung des Ehepaar Saik von rund 6500 Kleinanlegern mehr als 57 Mio. Euro eingesammelt. Meist über Vermittler, die bis zu 20 Prozent Provision kassierten. In Hochglanzprospekten bewarb die Stiftung ihr Konzept. Anlegern bot sie an, Gold zu erwerben. Das Besondere: Das Gold sollte die BWF kostenfrei einlagern, um es dann nach einer vertraglich festgelegten Laufzeit zu einem garantierten Rückkaufpreis auszuhändigen – unabhängig vom Goldkurs. Bis zu 180 Prozent Rendite wurden garantiert. Die, behauptete die BWF, wolle sie erwirtschaften, indem sie Handel mit Juwelieren betrieb. Denn Juweliere, so die Mär, würden oft nicht schnell genug an Gold für ihren Schmuck kommen, weshalb sie bereit seien, mehr als den üblichen Goldpreis zu zahlen.

Das Produkt „Gold Standard“ bewarb die BWF als eine „gewinnbringende Alternative zu Fonds oder Sparbuch“. Die Argumente: der garantierte Rückkaufpreis von bis zu 180 Prozent des Investments. Kein Agio, keine Abschlussgebühren. Das Gold lagert in Deutschland. „Sie können es sich jederzeit ausliefern lassen.“ Kein Kursrisiko.

Razzia mit 120 Polizisten

Am frühen Morgen des 25. Februars 2015 war die Berliner Polizei ausgerückt, um einen riesigen Tresorraum im Keller einer Villa in Zehlendorf zu filzen. Gegen 7 Uhr rollen mehrere Mannschaftswagen leise über das Kopfsteinpflaster des Königswegs, vorbei an den Anwesen, die sich hinter hohen Hecken verstecken. Sie halten vor der weißen Villa mit der Nummer 5. Vor der Tür wachen zwei steinerne Samurai mit Schwertern, ein hoher grüner Zaun soll ungebetene Gäste fernhalten.

Beamte verschwinden in dem Haus. Stunden später kommen sie wieder heraus, bepackt mit Ordnern und Computern und Wannen voller Goldbarren. Oder besser: mit dem, was sie für Goldbarren halten. An 19 Objekten in Berlin und Köln schlagen die Beamten zeitgleich zu. Ein Großeinsatz mit 120 Polizisten, begleitet von fünf Ermittlern der Bafin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.