ManagementWas Manager von Olympioniken und Trainern lernen können

Francesco Friedrich hält seine Goldmedaille in die Kamera
Francesco Friedrich gewann im Zweier- und im Viererbob Golddpa

Die Leistungen der deutschen Olympioniken im südkoreanischen Pyeongchang sind Weltspitze. Ob Biathlon, Rodeln, Bob, Eishockey, Nordische Kombination oder Eiskunstlauf – die Athleten bewiesen im Wettbewerb mit 87 anderen Nationen, dass sie in der Lage sind, ihr volles Leistungspotenzial genau dann abzurufen, wenn es gefordert ist. Mit anderen Worten: Sie bewiesen neben Können vor allem emotionale und mentale Stärke. Diese Stärke ist ein Produkt langer, disziplinierter Arbeit – und kann der Wirtschaftswelt als Inspiration dienen. Denn Spitzensportler und Manager haben ein gemeinsames Ziel: Besser sein als ihre Mitbewerber oder Gegner.

Je höher der Leistungsdruck, desto entscheidender ist der mentale Aspekt. Die Olympioniken sind mit Selbstvertrauen an den Start gegangen, haben Selbstzweifel, das Agieren ihrer Gegner und andere Störfaktoren ausgeblendet, waren auf den Augenblick konzentriert. Sie haben Versagensangst und Leistungsdruck Stand gehalten, sind gelassen geblieben. Es sind jene weichen Faktoren, die großen Einfluss auf den Erfolg der Olympioniken hatten und in den Chefetagen deutscher Unternehmen noch immer unterschätzt werden: Geduld, Vertrauen, Selbstbewusstsein, intrinsische Motivation und die Freude am Tun, um nur einige zu nennen.

Kein Weiterkommen ohne die weiche Währung Vertrauen

Führungskräfte nehmen in den Unternehmen eine Schlüsselrolle ein, ähnlich wie die Trainer von Topathleten. Neben ihrem Fachwissen sind soziale Kompetenz, innere Haltung sowie das Selbstmanagement von Führungskräften entscheidend für das erfolgreiche Führen von Teams. Der Bundestrainer der Nordischen Kombinierer Hermann Weinbuch, bereits als „Goldschmied“ betitelt, sagt: „Jupp Heynckes erreicht die Spieler, spricht viel, zeigt ihnen, dass er an sie glaubt. Das versuche ich auch. Die Athleten müssen spüren, dass ich in ihnen etwas sehe: dass sie Stärken besitzen, dass sie Weltspitze werden können.“ (FAZ, 16.2.18).

Als die Eishockeymannschaft das Halbfinale der Olympischen Winterspiele erreichte, sagte Bundestrainer Marco Sturm, früher hätte dem Team im Viertelfinale ein bisschen der Glaube ans Weiterkommen gefehlt. Dieser Glaube habe sich verändert. Der Glaube versetzt Berge, sagt der Volksmund und meint damit nichts anderes, als das der Glaube an sich selbst und das Wissen, dass auch andere an mich glauben, beflügelt. Biathletin Vanessa Hinz sagte, als sie in der Mixed Staffel antrat: „Es hat gut getan, das Vertrauen der Trainer bekommen zu haben.“ Dieses Vertrauen zahlt auf das Selbstvertrauen der Athletinnen ein.

Das gilt ebenso für jenes Vertrauen, das Chefs ihren Mitarbeitern entgegenbringen. Noch immer fühlen sich laut Gallup Engagement Index 2016 70 Prozent der Beschäftigten in Deutschland emotional gering gebunden und machen Dienst nach Vorschrift, weitere 15 Prozent haben bereits innerlich gekündigt. Die Untersuchung belegt auch: Wie lange Mitarbeiter im Unternehmen bleiben und wie produktiv sie in dieser Zeit sind, hängt in erster Linie vom Führungsverhalten des direkten Vorgesetzten ab. Vertrauen und eine stärkenorientierte Führung werden hier zum echten Wettbewerbsfaktor in Zeiten des Fachkräftemangels.

Schwächen sind Scheinriesen, Stärken hingegen ein stetes Pfund

Eine stärkenorientiere Führung ist noch lange nicht selbstverständlich für jeden Chef. Allzu oft liegt der Fokus auf den Defiziten von Mitarbeitern, eine starke Performance wird hingegen schnell als selbstverständlich abgetan. Biathletin Laura Dahlmeier heimste, so schien es, eine Medaille nach der nächsten in Südkorea ein. Als sie im vierten Rennen nach zweimal Gold und einmal Bronze keine Medaille gewann, lauteten die Schlagzeilen prompt: Dahlmeier schwach.

Mancher Chef neigt ebenfalls zur Defizitüberhöhung. Wenn vier von fünf Projekten gut gelaufen sind, wird der gute Verlauf kurz abgenickt und ein Großteil der Zeit auf die Kritik des schwachen Projekts verwendet. Keine Frage: Eine gründliche Analyse der Missstände ist zweifelsohne erforderlich, aber wo bleibt die Würdigung der gut geleisteten Arbeit? Mit einem Schlag nicht mehr erwähnenswert? Wo Menschen am Werk sind, passieren Fehler, spielen Schwächen hinein. Doch diese sollten nicht den Blick auf die Stärken verstellen.

Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig sagte anlässlich des verpassten Sieges von Dahlmeier beim Massenstart in Pyeongchang: „[Es gibt] keinen Grund, Probleme aufzubauen, wo keine sind. Das Ergebnis haben wir uns anders vorgestellt, aber das müssen wir akzeptieren. Es war nicht unser bester Tag.“ (sport1.de, 17.2.18). Es gibt weder im Sport noch in der Wirtschaft ein Dauer-Abo auf Erfolge, aber es gibt die Möglichkeit eines guten Umgangs – mit Erfolgen wie mit Misserfolgen.

Einer für alle, alle für einen – in guten wie in schlechten Zeiten

Ein Team ist ein sensibles Gefüge. Je ausgeprägter der Teamgeist ist, desto besser funktioniert die Zusammenarbeit. Und je höher die Identifikation des Einzelnen mit dem Unternehmen und seinen Zielen, desto stärker ist seine Motivation. Die deutschen Olympioniken sind stolz, ihr Land im internationalen Wettbewerb vertreten zu dürfen. Sind Sie stolz auf Ihr Unternehmen, Ihre Produkte, Ihre Mitarbeiter, auf Ihre persönlichen und gemeinsam errungenen Erfolge? Die Olympioniken gehen nicht mit einer Verlierer-Haltung an den Start, sondern mit Überzeugung und Glaube – und sie feiern danach gemeinsam ihre Erfolge oder trösten sich gegenseitig bei Niederlagen. Als die Nordischen Kombinierer einen Triple-Triumph feierten, fielen sich Johannes Rydzek, Fabian Rießle und Eric Frenzel jubelnd nach dem Zieleinlauf in die Arme. Keiner riss für sich allein die Arme hoch, ihr Fokus galt der gemeinsamen Freude über den Sieg.

Rodler Felix Loch wartete nach der bittersten Niederlage seiner Karriere bis weit nach Mitternacht vor dem Deutschen Haus auf Teamkollege Johannes Ludwig, um ihm zur Bronzemedaille zu gratulieren. Dass Ludwig als Einzel-Bester nun anstelle von Loch im Teamwettbewerb antrat, war kein Problem: „Ich freue mich natürlich für ihn. Eine gute Chance, Gold zu holen.“ (rp-online.de, 12.2.18). In einem guten Team rückt die eigene Befindlichkeit in den Hintergrund zugunsten gemeinsamer Ziele. Obwohl Skispringer Markus Eisenbichler nicht fürs Teamspringen aufgestellt war, ließ er sich seine Laune nicht verderben, sondern unterstützte seine Teamkollegen von der Seitenlinie – und feierte ausgelassen auf der anschließenden Party.

Wer im Sport keinen Teamgeist zeigt, für den ist die Party vorzeitig zu Ende: Der französische Skifahrer Mathieu Faivre musste nach Hause fahren, nachdem er im Interview gesagt hatte, dass ihm die gewonnenen Medaillen seiner Teamkollegen egal seien und ihm nur sein persönlicher Erfolg wichtig sei. Führungskräfte mit Olympiareife schaffen es, ihr Team aufeinander und auf gemeinsame Ziele einzuschwören – mit Wertschätzung, Respekt, Freude und Leidenschaft. Die Vorlagen dafür liefert Olympia 2018.