Business as usualNicht jeder gute Unternehmer ist auch ein guter Chef

Mit den Kleinigkeiten der eigenen Organisation schlagen sich viele gute Unternehmer nur ungern herumGetty Images

Eckhard, den alle nur Hardy nennen, ist ein analytischer, zugleich leidenschaftlicher Typ Anfang 50. Sein beruflicher Werdegang hat sich entschieden, ohne dass er viel darüber nachdenken musste. Schon als Jugendlicher hielt er sich in der Nähe von Künstlern auf, interessierte sich für deren Arbeit und entwickelte eigene Meinungen zur Kunst. Er unternahm keine Reise, ohne sich Galerien anzusehen und in die örtliche Kunstszene einzutauchen. So wunderte es niemanden, als Hardy anfing, Künstler zu vertreten und schließlich eine eigene Galerie aufzubauen.

Mit seinen Künstlern geht Hardy einfühlsam und doch klar um. Wenn es um sein Geschäft geht, ist er ein knallharter Unternehmer. Was ihn dagegen schon immer maßlos langweilte, war die Führung seiner Galerie nach innen: Organisation, Mitarbeiter, Prozesse, Kommunikation – all das ist ihm lästig. Nach seinem Verständnis sollten Angestellte sich selbst organisieren und ohne Weisung erkennen, was zu tun ist. Das funktionierte anfangs auch einigermaßen. Doch als die Galerie auf 20 Mitarbeiter angewachsen war, versank sie allmählich im Chaos.

Capital-Cover
Die neue Capital

Hardy stellte auf Durchzug, in der Hoffnung, das Problem werde sich schon lösen. Auch als zwei Mitarbeiter frustriert kündigten, stellte er sich nur halbherzig dem Thema. Im Rahmen eines Workshops ließ er sich vorhalten, dass ihn Internes nicht interessiere. Er gelobte Besserung. Doch nichts änderte sich.

Was am Ende den Wandel brachte, war der Entschluss zweier langjähriger Mitarbeiterinnen, sich einem guten Freund ihres Chefs anzuvertrauen. Der schenkte Hardy reinen Wein ein: Er machte ihm klar, dass er dabei war, sein erfolgreiches Unternehmen an die Wand zu fahren. Die Standpauke saß. Hardy sah ein, dass sich etwas ändern musste.

Mitarbeiter haben Anspruch auf Führung

Darf man sich als Mitarbeiter einen Chef wünschen, eine Führungskraft im eigentlichen Sinne? Einen, der Entscheidungen trifft, der Richtung, Klarheit und Sicherheit gibt? Ja, darf man – und deshalb gibt es seit ein paar Monaten Klaus. Der ist ein erfahrener Geschäftsführer aus der Logistik, der sich im Ruhestand langweilte und den Laden nun mit Freude und ruhiger Hand nach innen führt. Von Kunst hat er keine Ahnung, aber er stimmt sich mit Hardy ab und ist für die Mitarbeiter da. Hätte Hardy gewusst, dass sich sein Problem so einfach lösen lässt, hätte er Klaus vor langer Zeit eingestellt – und sich und seinen Mitarbeitern eine Menge Frust erspart.

Die Geschichte zeigt dreierlei. Zum einen, dass es sich nie empfiehlt, Dinge einfach laufen zu lassen, die erkennbar nicht laufen. Zum anderen, dass Mitarbeiter einen Anspruch auf Führung haben. Und drittens, dass man als Chef nicht in allem gut sein muss, aber die eigenen Schwächen kennen und kompensieren sollte.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt.