InterviewNew Worker auf der Walz um die Welt

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Für Deutschland mehr Mut und Interesse an Technologie

Welche der auf der Reise erlebten Arbeitskonzepte würdet Ihr Euch am dringendsten für Deutschland wünschen?

STANIA: Aus Australien die Vereinbarkeit von Lebensstil und Arbeit, die sinnstiftend ist. Im Nahen Osten war sehr interessant, wie die Menschen dort den Augenblick bewusster leben. Das liegt vielleicht daran, dass sie umgeben sind von sehr vielen widrigen Bedingungen und genau wissen, dass nächste Woche alles ganz anders sein kann. Da wird Leben viel mehr zelebriert, das fließt auch in die Arbeit ein. Aus den Balkanstaaten habe ich die Frage mitgenommen, ob wir in Deutschland nicht viel mehr mit den Ländern kooperieren sollten, statt ihnen Fachkräfte zu entziehen. Und zudem wünsche ich mir für Deutschland mehr Mut und Interesse an Digitalisierung und Technologie.

Welche gemeinsamen Herausforderungen konntet Ihr unter den bereisten Orten bzw. Unternehmen im Bereich New Work ausmachen?

SCHNELL: Dass die Anderen verstehen müssen, dass es eben eine andere Art von Arbeiten ist. Wir haben immer wieder erlebt, dass Gründer ihr eigenes Umfeld aber auch die Regierung davon überzeugen mussten, warum ihre Arbeit anders funktioniert als die klassische Arbeit.

STANIA: Im Libanon zum Beispiel hat sich ein Gründer bewusst dafür entschieden, nur für sein eigenes Land zu arbeiten. Er hätte Großkunden aus der ganzen Welt haben können, hat sich aber dagegen entschieden, weil er meinte, er könnte eigentlich viel mehr Sinn stiften und seine Arbeit nutzreich machen, wenn er sich nur auf kleine Start-ups im Libanon fokussiere. Jeder Gründer, den wir interviewt haben, hat gesagt: Ich muss immer wieder den Sinn, das Warum, klar machen, ich brauche Geduld und muss Transparenz schaffen. Das war überall eine Herausforderung, aber in jedem Land unterschiedlich ausgeprägt. Während man in Kasachstan noch damit beschäftigt war, den Mitarbeitern zu erklären, was autonomes Arbeiten bedeutet, ging es in Australien eher um Wissensvernetzung im Unternehmen.

Chancen für die gesamte Bevölkerung

Ihr habt auch Länder wie Malaysia und die Philippinen bereist, wo viele Menschen unter katastrophalen Arbeitsbedingungen leiden. Ist dort die Suche nach sinnstiftender Arbeit nicht ein Luxusproblem?

SCHNELL: Einerseits ja, weil es erst mal gar nicht für alle möglich ist, sondern für einen kleineren, wahrscheinlich gebildeteren Teil. Und andererseits nein, weil durch Vorreiter auch immer große Chancen für den Rest entstehen. Gerade auf den Philippinen haben wir gehört, dass sie einige Entwicklungsschritte komplett überspringen, weil sie in bestimmten Schritten noch gar nicht so weit sind. Ein Beispiel: Sie überlegen den Schritt von Kreditkarten zu überspringen und direkt in mobile paying zu gehen. Dadurch eröffnen sich große Möglichkeiten für die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Einerseits ist es schwierig, dass alle davon profitieren können, andererseits entstehen durch mutige Vorreiter für die gesamte Bevölkerung große Chancen. Natürlich erst mal nur in den Städten.

Kann die Idee von New Work überhaupt auf alle Branchen angewandt werden?

SCHNELL: Es geht auf jeden Fall deutlich über den Tech-Bereich hinaus, weil sinnstiftende Arbeit grundsätzlich überall möglich ist. Durch die Automatisierung wird die Frage noch wichtiger. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, schließlich ist es überall wichtig, sich zu fragen, was ich wirklich tun will, damit ich ein sinnhaftes Leben führen kann. Am Ende geht es ja bei New Work nicht nur um Arbeit, sondern um das große Ganze. Der Tech-Branche ist deshalb am weitesten, weil sie sehr international ist und neue Ideen sehr schnell aufgreift.