Karriere„Bei Schule sollte es um mehr als nur bessere Noten gehen“

Nachhilfe geht besser, meint Fredrik Harkort.
Fredrik Harkort, der Gründer von cleverly, meint, dass man Nachhilfe besser machen kann, als sie gerade ist. Foto: cleverlycleverly


Fredrik Harkort ist das, was man als Seriengründer bezeichnen kann. Bevor er Cleverly mit einem Freund ins Leben gerufen hat, hat er Leuten gemeinsam mit Detlef Soost beim Abnehmen geholfen.


Capital: Sie haben eine Plattform für Nachhilfe gegründet. Warum?

FREDRIK HARKORT: Weil ich daran glaube, dass die Art, wie wir heute in der Schule aufs Leben vorbereitet werden, nicht ausreicht.

Wie meinen Sie das?

Ich war zuerst auf einer Waldorfschule, dann auf dem Gymnasium. Und wenn ich jetzt zurückblicke, glaube ich, dass ich von dem, was ich da gelernt habe, heute nur gut zehn Prozent gebrauchen kann. Das ist zu wenig.

Jetzt sind Sie ja schon 42 Jahre alt, Ihre Schulzeit liegt lange zurück. Was war der Anstoß für Sie Cleverly zu gründen?

Das hat zwei Gründe: meine beiden schulpflichtigen Kinder. Durch sie ist das Thema Bildung bei uns wieder in den Fokus gerückt. Ich habe vor einiger Zeit mein altes Unternehmen verkauft und mir war klar, dass ich wieder etwas gründen möchte. Da kamen die Themen Bildung und Nachhilfe gerade richtig.

Kann oder muss man Nachhilfe besser machen?

Ja, unbedingt. Denn private Nachhilfe halten 83 Prozent der Deutschen für sinnvoll, um Lernlücken auszugleichen, das haben wir gerade für unseren Nachhilfe-Report repräsentativ erfragt. Dafür gibt es sehr viele Angebote – und ich finde, die meisten passen nicht zu den Schülern, die mit ihnen lernen sollen.

Dass Unternehmer sich dieses Thema aussuchen, passiert aber eher selten.

Ja, das stimmt natürlich. Aber man kann es auch anders betrachten: Die starren und unbeweglichen Strukturen im deutschen Bildungssystem machen jemanden wie mich verrückt. Warum also nicht etwas machen, das zwar mit dem Thema zu tun hat, aber nicht in Abhängigkeit von diesen starren Strukturen steht? Ich finde, dass ich als Unternehmer das Privileg habe, das zu tun.

Kann man mit Bildung Geld verdienen?

Ja und nein. Schulbuchverlage bekommen eine halbe Milliarde Euro im Jahr vom Staat. Wir hätten also auch einen digitalen Schulbuchverlag gründen können. Dann hätten wir uns auch fördern lassen können. Aber ich weiß, dass ich mich totgelaufen hätte, wenn ich mich in diese Abhängigkeit begeben hätte. So sind wir dann auch auf die Idee für Cleverly gekommen.

Das müssten Sie bitte erklären.

Wir haben uns angeschaut, was es für Angebote im Bereich der außerschulischen Bildung und was für Begleitangebote zur Schule gab. Und das sind bisher zwei große Felder gewesen. Einmal fertige Lern-Inhalte, also Apps, auf denen Schüler, aber auch Eltern vorgefertigte Inhalte zu einem gewissen Thema konsumieren können. Das sind oft Videos, oder einfach PDFs. Das zweite sind dann die Nachhilfeangebote, one-on-one. Aber nur Lernvideos anzubieten, die für alle Kinder irgendwie passen sollen, war mir zu wenig. Ich habe vorher zehn Jahre lang digitale Inhalte gemacht, die Menschen bei der Ernährungsumstellung geholfen haben. Und da habe ich gelernt, dass es am besten geht, wenn man jeden einzelnen sowie seine Situation versteht und Veränderungen über eine persönliche Verbindung anstößt. Genau das findet bei Online-Nachhilfe bisher aber kaum statt. Die individuellen Stärken und Schwächen der Kinder sind kaum betrachtet worden, die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten sind für viele Anbieter nicht relevant. Das wollten wir ändern.

Wie fängt man da an?

Eigentlich ganz einfach: Wir sind von der persönlichen Annahme ausgegangen, dass es meistens gar nichts bringt, wenn Eltern ihren Kindern Schulstoff erklären wollen. Der Vater denkt zwar, dass er Physik oder Mathe kann, aber meist stimmt das nicht. Dann ist er frustriert, dann sind die Kinder frustriert und dann bleiben die Noten schlecht oder werden sogar noch schlechter. Außerdem gibt es Stress innerhalb der Familien. Im zweiten Schritt wollten wir dann herausfinden, ob es schon ein Angebot gibt, das diesen Stress aus der Familie rausnimmt und die Kinder wirklich ganzheitlich sieht. Mein Mitgründer hat zwei Kinder, die sind 12 und 14 Jahre alt. Ich habe zwei Kinder, die sind sieben und fünf Jahre alt. Unsere Kinder haben dann einfach über fünf Monate verteilt mehr als 100 Nachhilfestunden genommen – bei allen Angeboten, die wir gefunden haben.

Was war eure wichtigste Erkenntnis?

Ein Nachhilfeangebot ist gar nicht so abhängig von der Plattform, sondern – es klingt banal, ist aber sehr wichtig – von den Nachhilfelehrern dort. Das war unsere erste wichtige Erkenntnis. Die nächste war, dass die Nachhilfe eigentlich nur wie ein Pflaster auf eine viel zu große Wunde wirkt. Ein Kind steht vor einer Fünf in Mathe, muss aber auf eine Drei kommen, um nicht sitzen zu bleiben. Dann sucht man sich einen Nachhilfelehrer. In einigen Fällen klappt das, in den meisten nicht.

Warum?

Weil die umliegenden Faktoren ausgeblendet werden. Wenn ein Schüler schlecht in Mathe ist, hat das oft gar nicht nur damit zu tun, dass er schlecht in Mathe ist. Der eine hat Prüfungsangst, der andere ist in der Pubertät. Da gibt es doch 70 Themen, die alle auf die Mathenote einzahlen, die aber mit dem Fach nichts zu tun haben. Und genau für diese Themen braucht man eben nicht bloß einen Lehrer, der nur stur den Satz des Pythagoras lehrt.

Aber am Ende geht es doch darum, dass die Note stimmt.

Ja, wirklich? Ich denke, bei Schule sollte es um mehr als nur bessere Noten gehen. Das sollte auch für Nachhilfe gelten. Ich hätte mir damals in meiner Schulzeit einen Mentor gewünscht, der mir zeigt, dass ich vielleicht eine Niete in Mathe bin, aber dafür ein Ass in Kommunikation. Und das machen wir jetzt bei Cleverly.

Was macht Cleverly denn anders als andere Nachhilfeangebote?

Unsere Nachhilfelehrer helfen beim Fachwissen – von englischer Grammatik bis zur Kurvendiskussion. Gemeinsam mit unseren Mentoren gehen wir allerdings darüber hinaus, schauen ganzheitlich auf das Kind und seine Lern- und Lebenssituation. Kinder kommen zu uns und sagen‚ ”meine Mama kann kein Mathe, also kann ich auch kein Mathe!” Wir helfen den Schülerinnen und Schülern, aber auch den Eltern dabei, solche Glaubenssätze zu hinterfragen.

Wie funktioniert Ihre Plattform?

Über unsere Website kann man eine Probestunde buchen. Dann bekommen die Eltern einen Anruf von unseren Mentoren. Die versuchen dann gemeinsam auszuloten, was das Kind braucht, machen also eine Bestandsanalyse. Dann gibt es eine Probestunde mit demjenigen Nachhilfelehrer, von dem wir glauben, dass er gut zum Kind passt. Nach der Stunde gibt es wieder einen Anruf und wir geben unsere Einschätzung, was das Kind genau braucht. Und dann finden wir mit den Eltern das passende Angebot – zwei Stunden in der Woche, vielleicht mehr, vielleicht auch weniger. Wichtig ist, dass wir da flexibel bleiben. Und dass die Mentoren und Nachhilfelehrer auch immer wieder schauen, ob es sonst noch andere Baustellen gibt.

Und wo finden Sie die Lehrer?

Es gibt in Deutschland rund 750.000 Nachhilfelehrer, die das selbstständig machen. Für sie ist es wichtig, dass sie ein gutes und flexibles Angebot bekommen. Und Online-Nachhilfe ist da schon attraktiv. Und durch Corona hat der Bedarf jetzt noch mal ordentlich zugenommen. Viele, sagen wir Studenten, die sonst in Bars und Kneipen gearbeitet haben, merken gerade, dass sie so mit 15 bis 18 Euro Stundenlohn besser aufgestellt sind und auch von überall arbeiten können. Der Markt ist also groß. Aber wir nehmen nicht jeden! Nur etwa zehn Prozent der Bewerber erfüllen unsere Kriterien. Hinzu kommen die Mentoren, allesamt ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen, die bei Cleverly festangestellt sind. Und auch hier setzen wir nur auf Menschen, die unserem Anspruch gerecht werden und bei denen wir sicher sind, dass sie Eltern und Kinder gleichermaßen unterstützen.

 


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