MitarbeiterbindungIm Digi-Tal

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Home-Office in Oberfranken

Ist Schmalz eine Ausnahme? Was den Umfang des Mitarbeiterpakets angeht, sicher. Doch in ganz Deutschland gehen Mittelständler mit Standortnachteilen neue Wege, um Fachkräfte anzulocken.

Der oberfränkische Polymerverarbeiter Rehau etwa wirbt mit Homeoffice und flexibler Arbeitszeitgestaltung. „Wir messen Mitarbeiter am Output“, sagt Personaler Andreas Iwansky. „Sie sollen selbst entscheiden, wo ihnen das am besten gelingt.“ Das benachbarte Familienunternehmen Lamilux hat eine Initiative gestartet, bei der IT-Studenten Grundschülern Programmierkurse geben. Die Firma hofft, so langfristig für mehr IT-Know-how in der Region zu sorgen – und sich dazu bei den Studenten als attraktiver Arbeitgeber ins Gespräch zu bringen. Und der Bielefelder Bauspezialist Goldbeck setzt auf die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmen: Wer mehr als ein Jahr in der Firma ist, kann Anteile kaufen, die je nach Höhe des Gewinns verzinst werden.

Wenn das alles nichts mehr hilft, müssen Mittelständler bisweilen noch radikaler umdenken. Der Werkzeugausrüster Berner aus dem Nordosten Baden-Württembergs verlagerte 2015 kurzerhand mehrere Dutzend Mitarbeiter nach Köln, die dort strategische Fragestellungen bearbeiten sollen. Erwünschter Nebeneffekt: „Damit erhalten wir Zugriff auf ein weiteres großes Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften“, sagt Vorstand Christian Berner. Vor allem IT- und Marketingexperten ließen sich einfacher in der Großstadt rekrutieren als in der Provinz.

Die Generation Y will eben lieber Yoga im Hamburger Schanzenviertel machen oder Chai Latte in Berlin-Neukölln trinken, als beim Frühschoppen des SV Glatten der Bauernkapelle Böffingen zuzuhören.

Über einen Standortwechsel hat Kurt Schmalz auch schon nachgedacht. „Die Frage ist berechtigt“, gibt er zu. Man müsse schon überlegen, „ob wir hier immer die Qualität und Menge an Leuten für alle Stufen der Wertschöpfungskette bekommen“. In Indien, Japan und den USA hat Schmalz schon Produktionsstätten eröffnet. Auch in Stuttgart gibt es jetzt eine Dependance: Anfang des Jahres hat Schmalz eine Ausgründung eines Fraunhofer-Instituts übernommen, sechs Mitarbeiter, die an Ideen für das Internet der Dinge tüfteln. Und das ausdrücklich weiter in der Landeshauptstadt tun sollen: „Die müssen ja mit hoher Geschwindigkeit und unabhängig, Start-up-artig arbeiten“, sagt Schmalz. „Wir würden die nur herunterbremsen.“

Aus dem modernen Gebäude, wo Kurt Schmalz seine Besucher empfängt, führt ein Steg in die Produktionshalle, in deren unübersichtlichen 15.000 Quadratmetern sich Besucher unweigerlich verlaufen würden. Wolfgang Schmalz, der jüngere Bruder und für Produktion und IT zuständige Geschäftsführer, führt durch das Labyrinth. Hier wird gefräst, geschweißt, lackiert, gestanzt, verpackt. „Hohe Fertigungstiefe!“, ruft Schmalz gegen den Lärm. Unterm Arm trägt er ein iPad. „Damit könnte ich Ihnen die Maschinenbelegung in Indien zeigen.“

Im Herbst war der jüngere Schmalz auf Studienreise im Silicon Valley, hat Unternehmen wie Google besucht. „Ich war begeistert über das, was auf uns zukommt.“ Und schiebt dann nach, dass die Digitalisierung für Schmalz ja eigentlich nichts Neues sei. „Schon vor 20 Jahren habe ich Maschinen mit einem Telefonkontakt ausgestattet, der mich bei jeder Störung angerufen hat.“ Internet der Dinge, auch wenn das damals noch keiner so nannte. Heute sind die Vakuum-Erzeuger vernetzt, interpretieren Daten automatisch. So etwas kann Schmalz nicht mehr selbst machen, dafür braucht es Experten.