Business as UsualMiteinander sprechen heißt nicht einander verstehen

Symbolbild: Chef und Mitarbeiter
Symbolbild: Chef und MitarbeiterGetty Images

Sven ist der Typ, der Ihnen vor das innere Auge springt, wenn Sie an einen american beach boy denken. Breitschultrig, sehr sportlich und so nett, dass es schwer zu ertragen ist. Er ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, das er vor fünf Jahren von seinem Onkel übernommen hat, der kurz nach der Übergabe gestorben ist. Das Geschäft läuft stabil, bei genauer Betrachtung sogar gut, auch wenn Sven „kein gutes Gefühl hat“. Und dieses Gefühl wird von Jahr zu Jahr stärker und belastet ihn mehr, als ihm lieb ist.

Wenn Sie auch nicht verstanden haben, wo genau Sven der Schuh drückt, dann ist das beabsichtigt, so ging es mir nämlich auch – egal wie viele Nachfragen ich gestellt habe. Und genau das war das Problem: Sven drückt sich zwar in ganzen Sätzen aus, aber man versteht ihn nicht. Ich nicht, und seine Mitarbeiter auch nicht. Denn Sven sagt nicht, was das Problem ist oder was er will. Sondern redet viel und dazu am Punkt vorbei. Und ist damit, obwohl er eigentlich nah bei seiner Mannschaft ist, sehr weit weg.

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Es wird noch komplizierter. Denn je mehr das Gegenüber nachfragt, desto nervöser wird Sven innerlich und sagt dann ganz viele andere Dinge, aber nicht das, worum es ihm geht. Und die Tatsache, dass er dabei nett bleibt, macht die Sache auch nicht einfacher. Seine Mitarbeiter haben mir erzählt, dass sie den Fehler zunächst bei sich suchten, mittlerweile aber einfach pragmatisch und nach bestem Wissen zu antizipieren versuchen, was gemeint sein könnte. Puh.

Wie löst man ein solches Kommunikationsproblem? Mit Geduld. Sven hat irgendwann in seiner Vergangenheit gelernt, dass seine Bedürfnisse nicht wichtig sind, und konnte sie daher auch nicht ausdrücken. Und so wie ein Schlaganfallpatient langsam wieder laufen lernt, musste Sven lernen, seine Bedürfnisse zu artikulieren. Schritt für Schritt für Schritt.

Langsam wieder laufen lernen

Heute bereitet er darum jedes Meeting in Ruhe vor. Was ist das Ziel? Was braucht es, um dieses zu erreichen? Was will ich sagen? Seine Mitarbeiter hat er um Unterstützung gebeten. Diese fragen so lange nach, bis sie Sven verstanden haben. Und ähnlich wie das erneute Laufenlernen ist auch das ein wirklich großes Projekt. Für Sven, aber auch für seine Mitarbeiter.

Ich gebe zu, die Geschichte ist vergleichsweise extrem. Und doch begegnen wir ihr in abgeschwächter Form jeden Tag. In den seltensten Fällen aber sagen wir: „Es tut mir leid, ich habe Sie nicht verstanden.“ Und schon gar nicht ein zweites oder ein drittes Mal. Oder? Sollten Sie sich also das nächste Mal in einer solchen Situation wiederfinden, denken Sie an die Geschichte von Sven und fragen Sie so lange selbstbewusst nach, bis Sie verstanden haben, was man Ihnen sagen will. Sie helfen damit nicht nur sich selbst, sondern vermutlich auch Ihrem Gegenüber.