GründerschmiedenMcKinsey vs. BCG: Aus Beratern werden Gründer

Sophie Chung: Die frühere McKinsey-Beraterin hat Qunomedical gegründet
Sophie Chung: Die frühere McKinsey-Beraterin hat Qunomedical gegründet Patrick Desbrosses

Als sie ihr erstes McKinsey-Projekt leitet, ist Sophie Chung gerade 28. Eine große deutsche Krankenkasse will Prozesse optimieren und Kosten sparen – eine typische Aufgabenstellung für Berater. Wie so oft wird dem Team zunächst mit Skepsis begegnet, auch von Chungs Gegenüber auf Kundenseite, einem altgedienten Abteilungsleiter. Doch der jungen Frau gelingt es, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Am Ende lässt sich der Funktionär sogar für ausgefallenere Ideen von Chungs Team begeistern, etwa die bunten Kanban-Karteikarten mit Tageszielen für die Bereichsleiter vor Ort. Zum Abschluss bringt Chung den Vorstand auch noch dazu, ein Video mit Mitarbeitern zu drehen. „Um das Ganze zu emotionalisieren und frischen Wind in die Kiste zu bekommen“, erinnert sich Chung.

Dann endet das Projekt, das Team wird abgezogen. Erst Monate später hört die Beraterin wieder von ihrem Kunden. Und stellt fest: So gut wie nichts von ihren Vorschlägen wurde umgesetzt. Ohne McKinsey an der Seite fehlte dem Abteilungsleiter die nötige Hausmacht. „Man investiert Blut, Schweiß und Tränen in so ein Projekt“, klagt Chung. „Das tut schon weh.“

Ein Jahr später kündigt sie, um erst zu einem New Yorker Gesundheits-Start-up zu gehen, bevor sie selbst eines gründet: Qunomedical, ein Portal für Medizintourismus, über das sich Ärzte und Krankenhäuser in fast 30 Ländern buchen lassen. Bislang 2,5 Mio. Dollar Funding, 30 Mitarbeiter in einem engen Großraumbüro in Berlin-Mitte, mittendrin der Schreibtisch der Gründerin. Hier hat Chung alles unter Kontrolle – vor allem, ob und wie ihre Ideen umgesetzt werden.

Endlich einmal für alles und alle verantwortlich sein: Die eigene Gründung ist für viele Ex-Berater wie eine Erlösung. Statt im Monatsrhythmus Konzepte zu schreiben und Modelle zu rechnen, von denen die meisten dann doch im Papierkorb landen, ist man im eigenen Start-up von A bis Z am Ruder. Es ist einer der Gründe, warum sich mehr und mehr Berater für ein Leben als Gründer entscheiden – und gegen die traditionelle Karriere im Konzern. Weltweit hat inzwischen ein knappes Fünftel der 33.000 McKinsey-Alumni selbst ein Unternehmen gestartet, schätzt die Beratungsfirma.

McKinsey an der Spitze

In Deutschland zählt die Fraktion der Beratergründer große und bekannte Namen: Niklas Östberg, der Delivery-Hero-Gründer, beriet fünf Jahre lang Banken für Oliver Wyman; A.T.-Kearney-Alumnus Alexander Brand gelang mit Windeln.de einer der wenigen Börsengänge eines E-Commerce-Start-ups in Deutschland; Lea Lange arbeitete für Ernst & Young, Horváth & Partners und Roland Berger, bevor sie den Kunstmarktplatz Juniqe gründete und Jurorin in Carsten Maschmeyers TV-Show „Start up!“ wurde.

Vor allem aber kommen die Gründer von den Marktführern BCG und McKinsey. Das zeigt eine Capital-Auswertung auf Basis von Daten des Karrierenetzwerks LinkedIn. Zugrunde gelegt wurde dafür eine enge Definition von Gründungen: Es zählen nur Start-ups mit skalierbaren Geschäftsmodellen, keine Agenturen, Beratungs- oder Investmentfirmen. Das Ergebnis: 211 Gründer hat in Deutschland McKinsey hervorgebracht, 137 BCG. Roland Berger kommt auf immerhin 94, Bain auf 77.

Von McKinsey kommen nicht nur insgesamt die meisten Gründer, sondern auch die größte Zahl an Top-Entrepreneuren, wenn als Maßstab dafür die Menge des eingeworbenen Kapitals gilt. Das haben Julian Kawohl und Julia Heinrichs von der Berliner Hochschule für Technologie und Wirtschaft ermittelt, die dafür die Lebensläufe der 100 bestfinanzierten Gründer in Deutschland ausgewertet haben. Der häufigste Ex-Arbeitgeber dieser Gründerelite ist McKinsey (zwölf Prozent), womit sich die Beratung sogar vor der Start-up-Fabrik Rocket Internet (zehn Prozent) platzierte. Insgesamt waren knapp 20 Prozent der Top-Entrepreneure zuvor in Beratungen aktiv.