GründerschmiedenMcKinsey vs. BCG: Welche Beratungen besonders viele Gründer hervorbringen

Seite: 4 von 4

Mahner der Gründerszene

Die Konsequenz, mit der Crusius und Vietor ihr Projekt durchgezogen haben, wirkt fast unheimlich. Aber der Erfolg gibt ihnen recht. Und jemanden wie Frank Thelen überrascht das nicht.

Frank Thelen
Frank Thelen

Thelen ist selbst Seriengründer und heute vor allem Investor. Seit er auch in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ Geld in Jungunternehmer steckt, kennt ihn ein Millionenpublikum. Seine wichtigste Aufgabe sieht er inzwischen als Mahner der Gründerszene. „Wir haben keine relevanten Techunternehmen“, kritisiert er. Deutsche Unternehmer hätten alle großen Technologietrends verpasst. Sein Wunsch: Das nächste Amazon oder Tesla sollte aus Deutschland kommen.

Das Problem ist, dass ihm die Beratergründer dabei vermutlich nicht helfen werden. „Wir haben eine starke Durchdringung von Betriebswirten und Unternehmensberatern, aber nur wenige Programmierer“, klagt Thelen. „Was heute in Deutschland an erfolgreichen Firmen gegründet wird, hat meistens eine reine Businessmodell-Denke.“

BWLer und Berater schauen auf Märkte, Margen und Prozesse, wagen sich aber selten an revolutionäre Produkte oder unerprobte Technologien. „Da kommt kaum einer mit Ideen zu Quantencomputern oder Wärmespeichern oder Nanotechnologie.“ Eher werden bestehende, lukrative Märkte mit Onlineportalen, Marktplätzen oder Webshops digitalisiert, als dass ein Ex-Berater sich trauen würde, einen völlig neuen Markt aufzumachen, eine „Blue-Ocean-Strategie“ zu wagen, wie es im Beratersprech heißt. Natürlich haben es Firmen wie Delivery Hero oder Zalando in ihren Märkten weit gebracht. Aber an die absolute Weltspitze schafft es so keiner.

Stromberg in Reinform

Verantwortlich für die Dominanz der BWL-Denke ist auch der Berliner Inkubator Rocket Internet, der über Jahre die deutsche Gründerszene dominiert hat. Das Unternehmen der Samwer-Brüder hat das planvolle, methodische Gründen perfektioniert. Es ist kein Wunder, dass sie bei Rocket mit Vorliebe Berater einstellen – nicht nur, weil die aufwendigen Assessment-Center bei BCG und McKinsey eine Vorauswahl an Topleuten garantieren. „Beratungen ziehen Over-Achiever an, die aber eigentlich total unsicher sind“, beobachtet Jutta Steiner von Parity. „Diese Leute wollen eine planbare Karriere in einem wohldefinierten Umfeld. Das finden sie bei Rocket, wo im Vergleich zur eigenen Firma das Gründen eher dem Abarbeiten von Checkboxen gleicht.“

Natürlich würde man den Beratergründern unrecht damit tun, sie allein für die Unzulänglichkeiten der deutschen Start-up-Szene verantwortlich zu machen. Wenn sie auch nicht die innovativsten Firmen aufgebaut haben, so ist ihr Beitrag in Sachen gutes Unternehmertum doch nicht zu bestreiten. Das betrifft etwa die Frage, wie ein Start-up zu führen ist, wenn es wächst. Viele Gründer sind überfordert, wenn sie auf einmal als CEO für mehrere Hundert Mitarbeiter verantwortlich sind. Gelernte Berater können damit häufig besser umgehen. Auch, weil sie wissen, wie es nicht laufen sollte.

Ein Ex-Berater erzählt: „Ich war mal an einem Projekt bei der Hamburg-Mannheimer beteiligt. Das war schockierend, Stromberg in Reinform. Da habe ich gelernt, wie man Dinge nicht tut.“ Die Audibene-Gründer haben sich vorgenommen, „massiv dezentral zu werden und Verantwortung abzugeben“, sagt Marco Vietor. Sie lassen in kleinen Teams arbeiten, nicht in großen Abteilungen. „Wir gehen von der Grundhypothese aus: Es braucht keine Kontrolle. Man kann auch in einem dezentralen System hohe Output-Qualität und Kundenzufriedenheit schaffen. Das sieht man in den Beratungen.“ Auch die „Pflicht zum Widerspruch“, die etwa in den McKinsey-Grundwerten ausdrücklich verankert ist, gibt es bei Audibene. „Die beste Idee gewinnt“, sagt Paul Crusius, „auch wenn sie von einem Juniormitarbeiter kommt.“

Vielleicht gibt es letztlich nur eine Herausforderung, mit der ehemalige Berater schlecht umgehen können. Bei Sophie Chung, der Qunomedical-Gründerin, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Semimotivierte Mitarbeiter. Darauf ist man, wenn man aus einer High-Performance-Kultur kommt, nicht vorbereitet.“

Mitarbeit: Caspar Schwietering