GastbeitragVerantwortung: Treibstoff der Gesellschaft

Boris Grundl
Boris GrundlPhilip Reichwein

Was denken Menschen beim Wort Verantwortung? Ist es ein Wort, das mit Freude und Sinn verbunden wird oder eher mit Schwere und Pflichtgefühl? Zweiter Gedanke: Eine Führungskraft sagt zum Mitarbeiter: „Das lag in Ihrer Verantwortung!“ Schwingt hier eher das Gefühl von Stolz oder Schuld mit? Die Antwort liegt auf der Hand. Leider.

Meine jahrelange Arbeit als Managementtrainer hat mir gezeigt: Verantwortung ist negativ belastet. Dabei ist Verantwortung der Kern menschlicher Entwicklung – und damit auch von Unternehmen und Kulturen. Wenn die Gesellschaft ein Motor ist, dann ist die Wirtschaft ihr Getriebe, Verantwortung der Treibstoff und Vertrauen das Getriebeöl.

Was bedeutet Verantwortung?

Oft wird der Begriff intuitiv und schwammig verwendet. Um Verantwortung zu begreifen, muss sie klar definiert sein. Viele Wissenschaften wie die Philosophie oder die Psychologie haben es bereits versucht. Kurzgefasst geht es dabei immer um die gleiche Frage: Wer ist wem gegenüber wofür verantwortlich? Das heißt, eine Person ist für ein Objekt gegenüber einer Autorität verantwortlich. Ein Mitarbeiter ist für seine Aufgabe gegenüber Ihrer Führungskraft verantwortlich. Eine Führungskraft muss Verantwortung für seine Mitarbeiter übernehmen. Und ein Unternehmen trägt Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Verantwortungsübernahme kann aktiv oder passiv passieren. Jemand geht aktiv auf Verantwortung zu, sucht sie, übernimmt sie und liefert die gewünschten Ergebnisse. Oder jemand wartet passiv ab, bis er aufgefordert wird. „Ich will!“ versus „Ich muss!“. Will ein Autohersteller umweltfreundlichere Motoren bauen oder muss er?

Aus dieser Vielfalt heraus wurde der Verantwortungsindex ins Leben gerufen. Er wird regelmäßig den gesellschaftlichen Stand zum Thema repräsentativ messen und abbilden. Dabei lassen sich die Ergebnisse in zwei Werteräume einteilen: die persönliche Sicht auf die Verantwortung in der Gesellschaft und die Wahrnehmung der Selbstverantwortung. Die eigene Haut dient hier als bildliche Membran. Die Klarheit, mit der Verantwortung gesehen wird, nennt sich Sehschärfe. Mit ihr wird die Fähigkeit beschrieben, sich selbst und sein Umfeld richtig zu bewerten. Um sie zu schulen, muss man sich mit Verantwortung beschäftigen. Basis dafür ist folgende Erkenntnis:

Verantwortung übernehmen lohnt sich

Überall gibt es Menschen, die gerne die Hand heben und solche, die sich wegducken. Dem „Wegducker“ geht es scheinbar besser: keine Verpflichtung, kein Risiko zu scheitern und eine gemütlichere Existenz. Wer sich nicht zeigt, muss nicht liefern. Daher wird er nicht genötigt, seine Talente voll zu aktivieren. Was als „cleveres“ Wegducken beginnt, endet als Opfer in Abhängigkeiten. Wer sich hingegen zeigt, erhält Rückmeldungen vom Leben. Mit jeder Anstrengung wird ihm klarer, wo er hingehört und wo nicht. Was zunächst scheinbar als „Depp“ im anstrengenden Annehmen beginnt, endet in Selbstbestimmung.

Dabei kommt es auf das gesunde Maß an: Wer sich zu viel auflädt, wird durch sein Umfeld erdrückt. Wer sich zu oft versteckt, wird immer weniger zugetraut. So lange, bis das eigene Selbstwertgefühl am Boden liegt. Wer nicht lernt, seinen eigenem Kompass zu folgen, muss irgendwann den Vorgaben anderer folgen. Das gilt für Menschen wie für Unternehmen.

Verantwortung und Führungskräfte

Der Verantwortungsindex wendet sich explizit auch Führungskräften zu. Das erste Ergebnis: Viele Menschen legen höhere Verantwortungsmaßstäbe an Führungskräfte an als an sich selbst. Sie belegen also die Rolle „Führungskraft“ mit höheren Erwartungen. Diese Einstellung nimmt einen selbst präventiv aus der Schusslinie, ein Akt der Selbstentmächtigung. In Hinblick darauf ist folgende Erkenntnis noch interessanter: Führungskräfte können Verantwortung nicht besser sehen und ausfüllen als andere Menschen. Weder in der Beurteilung der eigenen Verantwortung noch in der ihrer Umgebung bestehen hier nennenswerte Unterschiede.

Dass kann nur eins bedeuten: Das Thema Verantwortung ist ein viel zu geringes Kriterium bei der Entwicklung von Führungskräften und sollte bereits bei der Auswahl mehr Beachtung finden. Unternehmen sollten sich mehr Gedanken machen: Was bedeutet Verantwortung für uns? Für was genau sind unsere Führungskräfte überhaupt verantwortlich? Wichtig dabei, dass das ideale Maß getroffen wird. Ohne klare Definition bleibt jede Verantwortung im schlimmsten Fall ein mentales Konstrukt, dessen Grenzen willkürlich verschoben und missbraucht werden können.

Einladung: Qualität messen und abbilden

In vielen Chefetagen geht es sehr verantwortungsvoll zu, in vielen aber auch nicht. Daraus folgt, dass die Zeit reif ist, das Verantwortungsvermögen zu prüfen und zu einer tragenden Säule bei der Besetzung von Führungsposten zu machen. Daher laden wir Sie ein, sich mit dem Thema zu beschäftigen und das Projekt „Verantwortung verstehen und fördern“ zu unterstützen.

Fangen Sie an, indem Sie Ihre eigene Verantwortungsqualität überprüfen! Unter www.verantwortungsindex.de finden Sie einen kostenfreien Selbsttest mit Schnellauswertung. Zur Messung der allgemeinen Verantwortung (Fokus Verantwortung) und der Führungsverantwortung (Leadership Excellence Report) haben wir bereits weitere Diagnosetools entwickelt. Lassen Sie uns gemeinsam die Verantwortungsqualität in Organisationen auf ein höheres Level bringen. Das ergibt Sinn. Viel Sinn sogar!