Benefit-RankingWas bin ich meiner Firma wert?

Einmal pro Woche leitet Vera ­Langer den Chor bei Lichtblick. Rund ein Dutzend Mitarbeiter treffen sich dann zum Singen in der Mittagspause
Einmal pro Woche leitet Vera ­Langer den Chor bei Lichtblick. Rund ein Dutzend Mitarbeiter treffen sich dann zum Singen in der Mittagspause Heinrich Holtgreve

Jetzt fehlt nur noch ein Klavier. Zwei Männer huschen über den Flur an einem Konferenzraum vorbei und kommen tatsächlich mit einem E-Piano zurück. Schnell die Schuhe ausziehen, tief Luft holen, und dann tönt es aus elf Kehlen: „A, E, I, O, U.“ Fünf Männer und sechs Frauen stehen barfuß im Halbkreis um Vera Langer herum. Die greift mit weit gespreizten Fingern in die Pianotasten, die linke Hand wirbelt durch die Luft: „Denkt daran, ihr seid ein Chor, nicht drei Gruppen.“

Die professionelle Chorleiterin unterrichtet sonst in Schulen und Gemeindesälen. Aber donnerstags von 12 Uhr 30 bis 14 Uhr kommt sie in die Zentrale des Ökostromanbieters Lichtblick in Hamburg. „Das ist für mich auch neu. Aber es ist gut, dass eine Firma das anbietet – Singen macht glücklich“, sagt Langer. Und die Lichtblicker vor ihr, der Leiter der Finanzabteilung, die Auszubildende aus der Anwendungsentwicklung und die Assistentin der Geschäftsführung, schnipsen mit den Fingern, wiegen locker die Hüften und schmettern „Hit the Road Jack“. „Danach gehen wir immer mit guter Laune hier raus“, sagt eine Mitarbeiterin aus dem Rechtsbereich.

Der Anbieter von Ökostrom und -gas lässt seine 500 Mitarbeiter zwischendurch Energie tanken und bietet ihnen dafür viele Extras und Freiräume: Neben dem Chor gibt es Yogastunden, einen Kickertisch, Obst- und Gemüsekörbe, günstige Biosnacks, drei Terrassen mit Grill sowie eine Flotte an Elektroautos, Elektrorollern und Elektrorädern, die die Mitarbeiter auch privat nutzen können. Wer eine größere Pause oder einen Standortwechsel braucht, kann Homeoffice, Teilzeit oder ein Sabbatical anmelden. Gut 20 Angebote listete Personalleiterin Christina Teßler für Lichtblick auf. Das Unternehmen schafft es damit auf Platz eins des Capital-Rankings „Beste Benefits der deutschen Wirtschaft“.

Der Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick hat für seine Mitarbeiter eine große elektrische Fahrzeugflotte angeschafft – mit E-Autos, E-Rollern und E-Bikes
Der Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick hat für seine Mitarbeiter eine große elektrische Fahrzeugflotte angeschafft –
mit E-Autos, E-Rollern und E-Bikes (Foto: Heinrich Holtgreve)

Solche Extras, die Unternehmen zusätzlich zum Lohn spendieren, werden immer wichtiger – als Aushängeschilder attraktiver Arbeitgeber, als Wettbewerbsvorteil im Kampf um Talente. Denn von einem guten Gehalt und Boni allein lassen sich viele Mitarbeiter heute nicht mehr beeindrucken. In Deutschland herrscht nahezu Vollbeschäftigung, Hunderttausende Stellen sind nicht besetzt, und ihre Zahl wächst, der Anteil gut ausgebildeter Menschen mit gut dotierten Jobs steigt. Gerade sie stellen ihre Leistungen nicht mehr bedingungslos zur Verfügung – und auch nicht mehr schonungslos rund um die Uhr.

Was also haben die Unternehmen ihnen bislang zu bieten? Was ist Standard, und welche Extras stechen heraus? Diesen Fragen ist Capital gemeinsam mit der Personal- und Managementberatung Kienbaum nachgegangen. Denn es gibt zwar viele Gehaltstabellen und Übersichten zu Verdienstmöglichkeiten – Benefits aber stecken bislang in einer Blackbox. Eine umfassende Übersicht hat gefehlt, die bunten Sträuße an Extras sind selten extern und manchmal nicht mal intern wirklich bekannt.

Die Vergütungsexperten von Kienbaum haben darum erstmals ein Stimmungsbild in der deutschen Wirtschaft eingefangen und auf ihre Umfrage bei mehr als 1000 Unternehmen gut 100 Rückmeldungen bekommen. Eindeutiges Ergebnis der Studie: Mehr als 80 Prozent der Unternehmen messen dem Thema eine hohe Bedeutung zu. Fast 90 Prozent sagen, der Stellenwert von Benefits werde noch steigen.

Aus Tradition

Die Teilnehmer bilden einen guten Querschnitt durch sämtliche Branchen, Regionen und Unternehmensgrößen, hinzu kommen internationale Konzerne mit großen Standorten in Deutschland. Dennoch fehlen in dieser ersten Erhebung viele Dax-Konzerne und große Arbeitgeber wie Volkswagen oder die Deutsche Bahn, genau wie die Start-up-Szene. Das mag einer gewissen Umfragemüdigkeit geschuldet sein. Viele Unternehmen scheuen aber wohl auch das Risiko eines Vergleichs und der möglicherweise enttäuschenden Bewertung – oder verkennen ihre Position. „Bei Benefits fehlt vielen bislang offenbar auch die Grundlage für eine Selbsteinschätzung“, sagt Maya Olivares, Principal bei Kienbaum und Leiterin der Studie.

Capital allerdings schreibt mit der Umfrage eine gute Tradition fort: Vor mehr als 30 Jahren veröffentlichte die Redaktion erstmals umfassende Gehaltstabellen, die die Verdienstmöglichkeiten in einzelnen Branchen, Berufen und Positionen vergleichbar machten. „Mehr Geld statt mehr Gehalt“ stand auf dem Titel der Ausgabe im Jahr 1982. Zu den Tipps bei Verhandlungen gehörte aber auch damals schon dieser Rat: „Verlangen Sie statt Zulagen in D-Mark besser Dienstwagen, Werkswohnung oder Arbeitgeberdarlehn.“

Freiwillige Nebenleistungen des Arbeitgebers sind also nicht gänzlich neu. Der Konsumgüterkonzern Henkel etwa – die Nummer drei im jetzigen Capital-Ranking – bietet seinen Mitarbeitern seit 1940 eine betriebliche Kinderbetreuung. Auch die ärztliche Versorgung für die rund 10.000 eigenen und externen Beschäftigten auf dem Düsseldorfer Firmengelände gibt es schon seit 77 Jahren und die sozialen Dienste wurden im Jahr 1912 eingerichtet. Das Ziel für den Konzern ist dabei klar: „Ein positiver Einfluss auf unsere Reputation als guter Arbeitgeber“, sagt eine Sprecherin von Henkel. „Um die besten Talente zu gewinnen und zu halten, ist ein attraktives Gesamtpaket unerlässlich.“