ArbeitsweltLebenslanges Lernen: Der Sprung Ihres Lebens

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Fernkurs


Beispiel 3: der Mittelständler, der mit neuer Technik ganz neu lernt.


Schwan Cosmetics ist Weltmarktführer in der Entwicklung und Fertigung von Kosmetikstiften und hat insgesamt neun Produktionsstätten weltweit. Sobald eine der hoch spezialisierten Maschinen, die Kajal- oder Lippenstifte herstellen, defekt war, musste bislang ein Techniker am Stammsitz bei Nürnberg einspringen:

Er ging mit den Kollegen in der Fabrik in China oder Brasilien per Telefon die Schritte zur Fehlerbehebung durch – oder setzte sich ins Flugzeug und tat es vor Ort. „Das war aufwendig, teuer und kostete viel Zeit. Zudem stand währenddessen die Produktion still“, sagt Michael Wazlav, Geschäftsführer von Schwan

Cosmetics Produktionstechnik, die die Maschinen baut und wartet. Nun setzt Schwan Cosmetics seit einigen Monaten virtuelle Brillen bei Wartungs- und Reparaturarbeiten ein. Ein Arbeiter in der Fabrik setzt sich eine sogenannte Hololens auf, die eine Video- und Audioverbindung zum Spezialisten in Heroldsberg herstellt. Dieser sieht nun auf seinem Computer dasselbe wie der Kollege vor Ort und kann ihn bei der Reparatur unterstützen. In der Brille können dafür sogar zusätzliche Texte angezeigt werden, um etwa Sprachbarrieren zu beheben.

Den Umgang mit der neuen Technik haben gerade die Kollegen, die mit Computerspielen vertraut sind, umgehend gelernt. Auch alle anderen waren innerhalb weniger Stunden eingearbeitet. Die Lernkurve mit dieser neuen Technologie ist so steil, dass Wazlav die Brillen künftig noch mehr nutzen will, nicht nur für Störfälle: „Wir können künftig auch von der Zentrale aus über die Brille Mitarbeiter weltweit schulen und gemeinsam an neuen Maschinenkonzepten arbeiten.“

Eine Frage des Antriebs


Beispiel 4: der Maschinenbauingenieur, der jahrelang Verbrennungsmotoren entwickelt hat. Jetzt muss er sich und sein Team umstellen – und baut Elektromotoren.


Michael Houben ist seit einem Jahr Hauptabteilungsleiter und Projektleiter für die Transformation der Antriebsentwicklung beim Nutzfahrzeughersteller MAN in Nürnberg.

CAPITAL: Herr Houben, Sie sind 58 und haben 30 Jahre lang Verbrennungsmotoren entwickelt. Vor drei Jahren haben Sie einen radikalen Wechsel gewagt – und beschäftigen sich nun mit Elektromobilität. Wie kam es dazu?

MICHAEL HOUBEN: Vor drei Jahren war ich in Schweden bei unserer Nutzfahrzeugholding Traton für die Koordination der Antriebstechnologie von MAN, Scania und der brasilianischen Volkswagen Caminhões e Ônibus zuständig. Als wir drei  Motorverantwortlichen gefragt wurden, wer sich mit Elektromobilität auseinandersetzen will, habe ich mich gemeldet. Innerhalb eines Jahres habe ich für mich dann einen kompletten Technologiewechsel vollzogen.

Warum hat Sie das gereizt?

Technisch interessiert mich das schon länger. Das ist die Neugier des Ingenieurs. Bis vor vier, fünf Jahren war zwar nicht abzusehen, dass alternative Antriebe bei Nutzfahrzeugen so schnell zum Einsatz kommen werden. Auch wenn es heute noch keine wirtschaftliche Lösung gibt, um bei Fernverkehr-Lkw vom Verbrennungsmotor wegzukommen. Aber ich sehe, dass zumindest im urbanen Bereich die E-Mobilität auf der Schwelle zum Durchbruch ist. Da werde ich irgendwann sagen können: Da war ich vorne mit dabei. Außerdem will ich mit dafür sorgen, dass diese Technologie eine faire Beurteilung bekommt. Bei dem Thema sind noch zu viele Emotionen im Spiel, das behindert faktenbasierte Entscheidungen.

Wie haben Sie sich eingearbeitet?

Im mittleren Management brauche ich kein detailliertes technisches Know-how. Aber man muss so weit reinkommen, dass man von den Fachleuten ernst genommen wird. Ich habe Kongresse besucht, mir Literatur besorgt und mich zu den Experten an den Schreibtisch gesetzt. Die haben mir stundenlang alles erklärt.

Seit einem Jahr sind Sie wieder bei MAN in Nürnberg und müssen dafür sorgen, dass Lkw und Busse künftig ohne Verbrennungsmotor auskommen. Was halten Ihre Ingenieure davon?

Es gibt immer die Typen, die der Reiz des Neuen interessiert. Und es gibt die anderen, die sehr befremdet an neue Entwicklungen herangehen. Dazwischen gibt es wenig. Man braucht eine gute Mischung aus flexiblen und skeptischen Typen. Denn der Wandel wird bei uns ein längerer Prozess sein. Unsere heutigen Motoren werden wir noch sehr lange produzieren und weiterentwickeln. Damit werden auch in der nächsten Dekade noch große Teile der Entwicklungsmannschaft den konventionellen Dieselmotor weiterentwickeln. Aber ich bin auch dafür verantwortlich, die Mitarbeiter vom klassischen Verbrennungsmotor zu alternativen Antrieben zu bewegen.

Wie motivieren Sie die skeptischen Kollegen?

Im Fernverkehr wird es in Zukunft einen viel breiteren Strauß an technischen Lösungen geben: Vielleicht werden wir in Zukunft Brennstoffzellen, elektrische Batterien, Oberleitungen, Dieselmotoren, Gasmotoren oder Biogasmotoren sehen. Wir wissen noch nicht, was sich im Nutzkraftfahrzeugmarkt durchsetzen wird. Deshalb wollen wir, dass sich jeder Ingenieur für mehrere Technologien begeistert. Auf eine Karte allein kann man nicht mehr setzen. Diese Klarheit gibt es nicht mehr.

Wie schaffen Sie das?

Wir versuchen, die Leute zumindest in ihren Jobfamilien zu belassen und nicht das komplette Anforderungsprofil zu verändern. Wer bisher Motorengehäuse konstruiert hat, der kann auch komplexe Gussteile für elektrisch angetriebene Nutzfahrzeuge konstruieren. Dann ist immer noch ein großer Teil der Tätigkeit stabil. Das ist für die Kollegen eine deutlich kleinere Hürde.