ArbeitsweltLebenslanges Lernen: Der Sprung Ihres Lebens

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Die Neugier des Chefs


Wie sieht „lebenslanges Lernen“ konkret aus? Beispiel 1: der Elektriker, der in die Geschäftsführung aufsteigt, einen Managementkurs belegt – und schließlich das Unternehmen rettet.


Martin Proksch ist Vorstand des Maschinenbauunternehmens Rattunde in Ludwigslust, Weltmarktführer bei Maschinen zur Verarbeitung von Rohren. Dem 55-Jährigen gehört die Hälfte der Firma, die andere Hälfte dem Gründer Ulrich Rattunde. Der ist für Technik und Produktion zuständig, Proksch „für alles andere“, wie er selbst sagt: Vertrieb, Finanzen,Recht, Personal.

Proksch ist in Ostdeutschland aufgewachsen, hat eine Lehre zum Elektromonteur gemacht, danach eine zum Elektroniker, später noch ein Fernstudium zum staatlich geprüften Techniker. Kurz nach der Wende fängt er bei Rattunde an: fünf Leute, die in einer Garage in Mecklenburg- Vorpommern an Rohrsägen feilen. Während die anderen tüfteln, kümmert sich der 29-Jährigeum Buchhaltung, Marketing und Vertrieb.

Gelernt hat er das alles nie. Doch auf einer Fachmesse verkauft er trotzdem die ersten beiden Maschinen. Das ist der Durchbruch für das Unternehmen: Rattunde stellt ein, baut bald Niederlassungen in den USA und Mexiko, verkauft an Automobilzulieferer, Stahlwerke und Möbelhersteller. Über einen Bekannten lernt Proksch 2004 einen Hochschullehrer kennen. Der fragt, ob er Interesse an einem Managementkurs an seiner Business-School habe.

„Mein erster Gedanke war: Ich habe eine Firma aufgebaut, was wollen die mir noch erzählen?“, sagt Proksch. Aber er war neugierig geworden. „Ich wollte zumindest mal hören, was Wissenschaftler über Wirtschaft denken.“ Proksch bewirbt sich an der Eliteuni IESE in Barcelona – für das Advanced Management Program, eine akademische Zusatzausbildung für Führungskräfte. Die Zusage kommt in einem dicken Brief. „Der Papierstapel war sechs bis acht Zentimeter hoch“, erinnert sich Proksch.

Das Material zum Auftakt soll er innerhalb von zwei Wochen durcharbeiten. Unmöglich für den damals Anfang 40-Jährigen, der auch Familie hat. „Ich habe das dann mal quergelesen“, sagt Proksch.

Der Kurs dauert ein gutes halbes Jahr: Einführung und Abschluss in Barcelona, dazwischen jeden Samstag ein Seminartag in München. Proksch steigt jeden Freitagabend in den Nachtzug Richtung Süden, quetscht seinen 1,93 Meter langen Körper in eins der Stockbetten, kommt morgens pünktlich zum Seminar an und fährt abends wieder zurück nach Hause.

Die Anstrengung hat sich gelohnt: „Schon am zweiten Tag hat sich mein Eindruck komplett gewandelt“, sagt Proksch. Sein Kurs habe aus einer bunten Truppe von Teilnehmern bestanden – vom Banker bis zu vielen Vertretern aus unterschiedlichen Industriebereichen. Er habe vor allem durch Fallbeispiele aus dem Mittelstand mehr über Produktion und Strategie gelernt und sei beeindruckt, zu welchen Schlussfolgerungen Wirtschaftstheoretiker kommen.

„Das hat mir richtig Spaß gemacht“, so Proksch. „Lernen ist für mich nicht pauken und auswendig lernen, sondern eine Verhaltensänderung. Das muss man wollen.“ Drei Jahre später sichert sein Wissen aus den Managementlehren das Überleben seiner Firma. In der Finanzkrise 2008 brechen die Aufträge bei Rattunde abrupt um 70 Prozent ein. Proksch erinnert sich an Pferd und Reiter aus der Theorie zur Abwärtsspirale: In einer ausweglosen Situation soll der Reiter abspringen.

Für Proksch heißt das: über Nacht 100 der 200 Mitarbeiter entlassen. „Ich hätte mich ohne die Lehrbeispiele nie zu so einem Schritt durchgerungen“, so Proksch. „Aber so haben wir überlebt und zwei Jahre später 80 der ehemaligen Mitarbeiter wieder eingestellt.“